Innovation - Forschungsprojekt Smart Urban Services: Sensoreninfrastruktur steht. Aber welche Services sind sinnvoll?

Smart Urban Services: Im Stadtlabor alles im Fluss

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Sie sind an Ampeln befestigt, in Mülleimern, am Straßenrand, in Geschäftsräumen: Zig Sensoren in der Stadt sammeln Daten aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Wo ist ein Stau, wo ein überfüllter Mülleimer, wo ein freier Parkplatz, in welchem Geschäft gibt's ein attraktives Angebot? Das Forschungsprojekt Smart Urban Services läuft - vom Bürger weitgehend unbemerkt - auf Hochtouren. Im neuen Jahr beginnt die spannende Phase. »Die Aufgabe 2017 war, dass alle Daten zuverlässig fließen. Jetzt ist die große Aufgabe, herauszufinden, was sinnvoll ist«, erklärt Wirtschaftsförderer Markus Flammer.

Alles im Blick: Wirtschaftsförderer Markus Flammer mit der App, die den Innenstadtbesuch spannend macht.
Alles im Blick: Wirtschaftsförderer Markus Flammer mit der App, die den Innenstadtbesuch spannend macht. FOTO: Markus Niethammer
Die Stadt und das Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement machen gemeinsame Sache bei dem in Deutschland einmaligen Forschungsprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird (der GEA berichtete mehrfach). Am 29. Juni ist es offiziell an den Start gegangen, es läuft bis Ende 2018.

Das Projekt ist in drei Säulen unterteilt: Harmonisierung des Stadtbilds, Umwelt und Verkehr sowie Einzelhandel und Tourismus. Am weitesten gediehen ist der dritte Themenbereich. Er hat auch die größte Außenwirkung, weil er sich über die »smaRT City App Reutlingen« direkt an den Bürger und sein persönlichstes Accessoire - das Smartphone - richtet.

In den vergangenen Monaten, berichtet Flammer, wurden schwerpunktmäßig die Sensoren installiert. Über 200, verteilt auf ein etwa ein Quadratkilometer großes Planquadrat in der Innenstadt. Dazu kommen etwa 300 Beacons als Bluetooth-Signalgeber zur Lokalisierung von Smartphones in geschlossenen Räumen. Die von den Sensoren gesammelten Daten wandern auf eine Datenplattform des Frauenhofer-Instituts, harren dort der Analyse und Auswertung, um am Ende vernetzt auf einer Dienstleistungsplattform nützliche Informationen zu liefern.

»Wir können fundierte Aussagen über die Belegung machen«
 

Digitalisierung, sagt Markus Flammer, ist ein abstraktes und weites Feld. Ziel des Projektes sei es unter anderem, zu zeigen, was sie leisten kann - und zwar mit einfachen Beispielen. Wie die öffentlichen Mülleimer beim Thema Stadtbild. Der Sensor meldet, wenn der Eimer verstopft oder voll ist. Dazu kommen Bewegungsdaten, mit deren Hilfe sich die Füllgeschwindigkeit prognostizieren lässt. Das Ganze geht an die Technischen Betriebsdienste (TBR), die effizienter leeren und ihre Routen planen können. Was aber nicht alles ist. »Interessant wird's, wenn man die Daten verknüpft«, sagt Flammer. Beispielsweise über eine Schnittstelle mit dem städtischen Veranstaltungskalender. Steht ein Event wie der Heilige Morgen an, bei dem die Mülleimer immer überlaufen, zeigt der Blick auf den Rechner, ob sich eine Vorab-Leerung außerhalb der üblichen Zyklen lohnt. »Die Stadt wird schlauer«, nennt Markus Flammer das Stichwort für »Smart City«, »sie verfügt über Daten, die sie vorher nicht hatte.«

Ziel des Bausteins »Umwelt und Verkehr« im Forschungsprojekt ist es, ein intelligentes Verkehrs- und Parkraummanagement zu schaffen. Beispielsweise mithilfe der 135 Parkplatzsensoren in der Garten- und Lederstraße sowie am Burgplatz. Hier kommt die »smaRT City App Reutlingen« ins Spiel: Auf einer Karte werden freie Parkplätze »on street« - also auf öffentlichen Straßen - angezeigt. Der Nutzer kann vorab checken, ob sich's lohnt, in die Straße reinzufahren. »Damit lässt sich der Park-Such-Verkehr minimieren, der 30 bis 40 Prozent des Verkehrs in der Innenstadt ausmacht«, erklärt Flammer. Noch fehlt ihm bei der App die Übersichtlichkeit. Hilfreich wäre seiner Ansicht nach auch eine digitale Anzeige am Straßenrand für die Belegung der »on street«-Plätze wie beim Parkleitsystem.

Nützlich ist die digitale Erfassung freier Parkplätze nicht nur für die Autofahrer, sondern auch für die Stadt. »Wir können fundierte Aussagen über die Belegung machen und herausfinden, ob es zu viele oder zu wenige Parkplätze gibt«, sagt Markus Flammer. In einem nächsten Schritt sollen auf Basis von Bewegungs- und Umweltdaten - 37 Sensoren sind bereits im Dienst - in Richtung integriertes Verkehrsmanagement gehen.

Ob das Parksensoren-System praktikabel ist, werde sich erst noch herausstellen, gibt Markus Flammer zu bedenken. »Wenn es funktioniert, ist es eine super Sache.« Smart Urban Services, betont er, ist ein Forschungsprojekt, noch sei alles im Fluss. »Wir bewegen uns in einem Versuchslabor.« Das gelte auch für die App. »Sie hat Stärken und Schwächen. Aber mit jedem Update wird sie besser.«

Womit er beim Handlungsfeld Einzelhandel und Tourismus angelangt ist. Anders als bei den Straßen ist hier das Ziel, Innenstadt und Geschäfte kräftig zu beleben. Dreh- und Angelpunkt ist die »smaRT City App« - eine technische Wundertüte, mit der der Nutzer jede Menge ortsabhängige Informationen abrufen kann. Ergänzt wird sie durch Beacons: Sie erkennen anhand der Signalstärke, wo sich der Kunde mit seinem Smartphone und aktiviertem Bluetooth befindet - etwa vor dem Schaufenster. Durch diese »Nahbereich-Lokalisierung« lassen sich personalisierte Angebote abrufen: Mit einem »Pling« poppt beispielsweise die Information auf, dass es in dem Geschäft Nachlass auf eine bestimmte Marke gibt.

Bis Oktober gab es 2 500 Downloads, inzwischen »steuern wir auf 5 000 zu, das war aber auch das Ziel bis Ende 2017«, sagt Markus Flammer. Die Herausforderung sei, noch mehr Menschen zu animieren, die App runterzuladen und ihnen dadurch den Gang in die Innenstadt und ihre Geschäfte schmackhaft zu machen.

Dazu braucht es Anreize - wie etwa die kostenlose ÖPNV-Nutzung in der Vorweihnachtszeit oder die Adventskalender-Verlosungsaktion, die bestens ankam. Im Januar wird's wieder interessant: App-Nutzer bekommen in den Parkhäusern Tübinger Tor, Rathaus und Stadthalle zwei Euro Rabatt. Von solchen Aktionen verspricht sich der Wirtschaftsförderer mehr in Sachen Innenstadt-Belebung als von lokalen Online-Plattformen. »Die treiben die Kunden doch noch mehr ins Internet.«

»Die Digitalisierung ist beim Einzelhandel noch nicht angekommen«
 

Mitgefüttert wird die App von den Einzelhändlern. »Es ist ein neuer Kanal, um mit den Kunden zu kommunizieren«, nennt Flammer den Vorteil. Damit eröffnen sich auch neue Möglichkeiten. Eine kleine Aufmerksamkeit beispielsweise, wenn jemand zum fünften Mal zum Einkauf in den Laden kommt. Oder ein Präsent zum Geburtstag - immer vorausgesetzt, der Nutzer hat die entsprechenden Daten angegeben, was jeder handhaben kann, wie er will. Der Händler kann auf der App ganz komfortabel ein digitales Angebot einstellen. Die Verknüpfung der Daten macht's auch in diesem Bereich spannend. Melden die Sensoren beispielsweise stramme Minusgrade in der Innenstadt, kann der Bekleidungshändler über die App Rabatte auf Schals ankündigen - und dieses Angebot sogar vorterminieren. »Die Kunden brauchen Nutzen und Informationen, an die sie sonst nicht kommen - es muss exklusiv sein«, sagt Flammer über den Mehrwert der App.

110 Händler haben sich einen Zugang geben lassen, 50 bis 60 nutzen ihn aktiv und sind, wie Flammer weiß, »sehr zufrieden«. Wie bei den Nutzern ist das Potenzial nach Meinung des Wirtschaftsförderers aber viel größer. »Die Digitalisierung ist beim Einzelhandel noch nicht angekommen.« Was er schade findet, denn das Projekt lebt von den Geschäftsleuten, »die mitmachen und die App attraktiv halten«.

Der Fokus im ersten Jahr lag bei der »smaRT City App« auf Einzelhandel und Gastronomie, die »Baustelle« Kultur soll laut Flammer 2018 in Angriff genommen werden. »Wir konnten nicht alles gleichzeitig bearbeiten.« Geplant ist beispielsweise, das Heimatmuseum mit Beacons zu bestücken, die via App zusätzliche Informationen - auch über Bilder und Videos - aufs Smartphone spielen. Luft nach oben sieht Flammer auch bei den bisher »etwas lieblos« dargestellten kulturellen Events. »Das wollen wir verbessern.« (GEA)

»Smart City App Reutlingen« kostenlos runterladen

Die »smaRT City App Reutlingen« ist kostenlos und kann aus Apples App-Store oder Googles Play-Store geladen werden. Welche persönlichen Daten der Nutzer angeben will, bleibt ihm überlassen. Zustimmung vorausgesetzt, kann die App den Standort des Smartphone-Besitzers in der Innenstadt ermitteln, Angebote der teilnehmenden Händler suchen und den Nutzer benachrichtigen. Damit das standortbasierte Marketing über Geofencing funktioniert, müssen die Ortungsdienste (GPS) freigeschaltet sein. Bluetooth muss für die Beacons aktiviert sein, damit diese das Signal auf das Smartphone senden können.

Das Forschungsprojekt ist eng mit dem Landesdatenschutzbeauftragten abgestimmt und von ihm auch abgesegnet. Sämtliche Daten werden anonymisiert. (GEA)

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