Silvester - Heute startet der Verkauf von Böllern, Batterien, Knallern und Raketen. Rettungskräfte warnen vor Leichtsinn

Silvester: Riskantes Spiel mit dem Feuer

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Feuerwerk-Fans fiebern ihm förmlich entgegen: dem Jahreswechsel. Und damit dieser nicht nur im übertragenen Sinne zum Knaller gerät, decken sie sich seit heute Morgen mit Raketen, Batterien, Krachern, Böllern und Heulern ein. Wobei es vor allem mehrschüssige Systemfeuerwerke sind, die die Herzen von Hobby-Pyrotechnikern höher schlagen lassen. Versprechen solcherlei Kombi-Boxen doch abwechslungsreiche Lichtchoreografien im XXL-Format.

Sind brandgefährlich, wenn falsch gehandhabt: Feuerwerksraketen.
Sind brandgefährlich, wenn falsch gehandhabt: Feuerwerksraketen. FOTO: dpa
Seit nunmehr sieben Jahren fallen Funkenkaskaden und -fontänen übrigens deutlich üppiger aus, als vordem. Denn seit Inkrafttreten einer inzwischen etablierten EU-Richtlinie dürfen auch in der Bundesrepublik Feuerwerkskörper mit erhöhter Sprengkraft an Erwachsene verkauft werden. Lag deren explosives Limit einstmals bei 200 Gramm Zündmasse pro Feuerwerksartikel, wurde diese Obergrenze auf 500 Gramm angehoben - also auf mehr als das Doppelte dessen, was zuvor statthaft war.

Partyspaß mit Pulver-Power

Doch steigen mit der Pulver-Power neben dem Partyspaß auch die Gefahren für Leib und Leben, Haus und Hof? Was dies betrifft, gaben und geben professionelle Pyrotechniker und Vertreter der Berufsfeuerwehren Entwarnung. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass bei Verbrauchern, die gerne mit dem Feuer spielen, die Vernunft mitkauft und »mitzündelt«. Andernfalls sind Silvester-Unfälle nämlich nachgerade programmiert.

Darum heißt es noch bis Samstag: Augen auf beim Böller-Kauf. Zumal die Sicherheit bereits beim Erwerb von Rakete und Co. anfängt. Hobby-Feuerwerker sind deshalb gut beraten, genau darauf zu achten, dass die Produkte ihrer Wahl von der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) gecheckt, klassifiziert, für zulassungsfähig befunden und zertifiziert wurden.

Kein Bumm ohne BAM lautet also die Devise. Zumal vor dem Hintergrund brandgefährlicher Schwarzmarktware, die alle Jahre wieder - vor allem über Tschechien und Polen - in die Bundesrepublik gelangt und von deutschen Sicherheitsstandards annähernd so weit entfernt ist wie die Erde vom Mars. Zwar fangen Zollbeamte Jahr für Jahr palettenweise Knallkörper der Marke Eigenbau aus Osteuropa und Asien ab. Gleichwohl boomt der illegale Import sogenannter »Polen-Böller«, deren Schwarzpulvergehalt die Grenzen des in Deutschland Zulässigen in aller Regel weit übersteigt.

Alkohol als Brandstifter

Hauptursache für üble und übelste Verletzungen beim Jahreswechsel ist und bleibt aber offensichtlich die unsachgemäße Handhabung pyrotechnischer Produkte. Das melden dieser Tage sämtliche Nachrichtenagenturen. Und das meldet auch die Reutlinger Berufsfeuerwehr, die aus Erfahrung weiß, dass an Silvester der Brandstifter Numero eins auf den Namen Leichtsinn hört. Sein Zweitname lautet übrigens Alkohol.

Mal sind es Kanonenschläge, die in der bloßen Hand gezündet, mal sind es Böller, die in Menschengruppen oder Wohnzimmerfenster geworfen werden. Und wieder ein anderes Mal sind es Raketen, die außer Kontrolle geraten - weil sie nicht sachgerecht abgefeuert oder (teilweise) ihrer Holzstäbe beraubt wurden. Letztere indes sind wichtig. Stabilisieren sie doch die Flugeigenschaften der Geschosse. Werden die Stäbe indes gekappt, weichen Raketen unweigerlich vom Kurs ab, mutieren zu Querschlägern und richten, wenn's ganz dumm läuft, schlimmen Schaden an.

Beispielsweise, weil sie entzündliche Gegenstände auf Nachbars Balkon in Flammen aufgehen lassen oder durch offene Türen respektive Fenster in Zimmer und Flure fliegen. So gesehen sollten am Sonntag, 31. Dezember, kurz vorm Jahrescountdown sämtliche Luken dichtgemacht sowie entflammbare Materialien von Balkonen und Terrassen entfernt werden: damit auch ganz bestimmt nichts anbrennt.

Gleichwohl ist schon jetzt absehbar, dass den Reutlinger Einsatzkräften von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr wieder eine »Großkampfnacht« bevorstehen wird - wegen Randale, mutwillig angezündeter Container und Mülleimer sowie durchs Feuerwerk verursachte Schäden an Menschen und Gebäuden.

Zur Erinnerung: In der Silvesternacht 2016/2017 mussten Rettungskräfte von Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz im Kreis Reutlingen sage und schreibe 400 Mal ausrücken. Alarmiert wurden sie wegen Schlägereien und Vandalismus einerseits, andererseits aber auch wegen sturzbetrunkener Personen, die sich in einer - laut Polizeibericht - »hilflosen Lage« befanden. Außerdem galt es, 35 Klein-Brände zu löschen: entflammte Mülleimer, Altkleider- und Papiercontainer sowie entflammtes Unterholz in Waldgebieten.

Ein besonders krasser Fall von Feuerwerks-Missbrauch ereignete sich auf dem Reutlinger Marktplatz, wo ein 31-Jähriger - vermutlich infolge einer Überdosis Alkohol - die Schnapsidee hatte, friedlich feiernde Menschengruppen sowie Polizeibeamte mit einer Feuerwerksbatterie zu beballern. Dass dabei niemand verletzt wurde, grenzt an ein Wunder. Weit weniger verwunderlich: der Mann wurde festgenommen. (GEA)

Tipps und Hinweise der Reutlinger Feuerwehr

Damit beim Jahreswechsel garantiert nichts anbrennt, legt die Reutlinger Feuerwehr allen Hobby-Pyrotechnikern wichtige Sicherheitstipps ans Herz.

.Nur BAM-geprüfte Feuerwerkskörper erwerben. Hände weg von Schwarzmarktware

.Gebrauchsanweisungen bereits vor Beginn der Party in aller Ruhe durchlesen

. Knaller, Raketen, Batterien und Co. getrennt von Feuerzeugen oder Zündhölzern aufbewahren

. Sogenannte »Rohrkrepierer« oder »Blindgänger« unbedingt liegen lassen und gegebenenfalls mit Wasser unschädlich machen. Auf keinen Fall versuchen, sie erneut zu zünden

.Knallfrösche, Böller, Raketen und Geschosse aus Schreckschusswaffen niemals gegen Personen richten

. Raketen nur von geeigneten Freigeländen oder der Straße aus senkrecht nach oben starten, nicht schräg vom Balkon aus. Als Abschussrampen geeignet sind leere Flaschen in Getränkekisten

.Um Zimmerbränden durch eindringende Raketen vorzubeugen: Fenster und Türen geschlossen halten

.Für den Fall des Brandfalles: Feuerlöscher und Wassereimer griffbereit halten

Das könnte Sie auch interessieren

Biathletin Dahlmeier holt in Antholz zweiten Saisonsieg

Laura Dahlmeier gewann das Verfolgungsrennen in Antholz. Foto: Matthias Balk

Antholz (dpa) - In überragender Manier hat die sie... mehr»

Fotofahndung: 20 mutmaßliche G20-Gewalttäter ermittelt

«Sobald ein Gesuchter eindeutig identifiziert ist, löschen wir die Öffentlichkeitsfahndung unverzüglich und teilen dies auch per Pressemitteilung mit», sagt eine Polizeisprecherin. Foto: Georg Wendt

Hamburg (dpa) - Seit gut einem Monat fahnden die H... mehr»

Papst Franziskus prangert Umweltzerstörung und Korruption an

Bei seinem Besuch in Peru verurteilte Papst Franziskus den Raubbau an der Natur, der von der Gier nach Erdöl, Gas, Holz und Gold befeuert werde. Foto: Luis Iparraguirre

Puerto Maldonado/Lima (dpa) - Ausbeutung der Natur... mehr»

Kerber lässt Scharapowa keine Chance - Aus für Zverev

Alexander Zverev zerstörte während des Spiels seinen Tennisschläger. Foto: Julian Smith

Melbourne (dpa) - Angelique Kerber genoss gelöst i... mehr»

Bocuse machte Frankreichs Küche zum Exportschlager

Paul Bocuse zwischen dem Spitzenkoch Christophe Muller (l) und Bocuses Sohn Jerome (r). Hinter ihnen das Sternerestaurant «L’Auberge du Pont de Collonges» in Collonges-au-Mont-d’Or bei Lyon. Foto: Ian Langsdon

Lyon (dpa) - Er war der «Papst der französischen K... mehr»

Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen