Silvester - Böllern, Batterien und Raketen. Reutlinger Feuerwehr warnt vor Leichtsinn

Silvester: Bloß nichts anbrennen lassen

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Feuerwerk-Fans fiebern ihm förmlich entgegen: dem Jahreswechsel. Und damit dieser nicht nur im übertragenen Sinne zum Knaller gerät, decken sie sich mit Raketen, Batterien, Krachern, Böllern und Heulern ein. Wobei es vor allem mehrschüssige Systemfeuerwerke sind, die die Herzen von Hobby-Pyrotechnikern offenbar höher schlagen lassen. Versprechen solcherlei Kombi-Boxen doch abwechslungsreiche Lichteffekte im XXL-Format.

Feuerwerk ist schön, aber auch brandgefährlich - vor allem wenn der schiere Leichtsinn mitzündelt. FOTO: DPA
Feuerwerk ist schön, aber auch brandgefährlich - vor allem wenn der schiere Leichtsinn mitzündelt. FOTO: dpa
Seit nunmehr zwei Jahren fallen deren Funkenkaskaden und -fontänen übrigens deutlich üppiger aus, als vordem. Denn mit Inkrafttreten einer neuen EU-Richtlinie 2011 dürfen auch in der Bundesrepublik Feuerwerkskörper mit erhöhter Sprengkraft verkauft werden. Lag deren explosives Limit einstmals bei 200 Gramm Zünd-Masse pro Artikel, wurde diese Obergrenze mittlerweile auf 500 Gramm angehoben - also auf mehr als das Doppelte dessen, was zuvor statthaft war.

Hohe Pulver-Power

Doch steigen mit der Pulver-Power neben dem Partyspaß auch die Gefahren für Leib und Leben, Haus und Hof? An dieser Frage haben sich vor Einführung der Gesetzesnovelle bereits etliche Experten abgearbeitet - ohne indes zu einer klaren Antwort zu gelangen. Während die einen, beispielsweise Ärzte, von erhöhten Risiken ausgehen, geben professionelle Pyrotechniker und Vertreter der Berufsfeuerwehren Entwarnung. In einem Punkt sind sich jedoch beide Lager einig: Nur wenn die Vernunft mitkauft und »mitzündelt«, lassen sich Silvester-Unfälle zuverlässig vermeiden.

Kein Bumm ohne BAM

Darum heißt es noch bis Montag: Augen auf beim Böller-Kauf. Denn die Sicherheit fängt bereits beim Erwerb von Rakete und Co. an. Hobby-Feuerwerker sind mithin gut beraten, peinlich genau darauf zu achten, dass die Produkte ihrer Wahl von der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) gecheckt, klassifiziert, für zulassungsfähig befunden und zertifiziert wurden. Kein Bumm ohne BAM lautet also die Devise. Zumal vor dem Hintergrund brandgefährlicher Schwarzmarktware, die über Tschechien und Polen in die Bundesrepublik gelangt und von deutschen Sicherheitsstandards annähernd so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond.

Zwar fangen Zollbeamte Jahr für Jahr palettenweise Knallkörper der Marke Eigenbau aus Osteuropa und Asien ab. Gleichwohl boomt der illegale Import sogenannter »Polen-Böller«, deren Schwarzpulver-Gehalt die Grenzen des in Deutschland Zulässigen meist weit übersteigt. Hauptursache für üble und übelste Verletzungen beim Jahreswechsel ist und bleibt aber offensichtlich die unsachgemäße Handhabung pyrotechnischer Produkte. Das melden dieser Tage sämtliche Nachrichten-Agenturen. Und das meldet auch die Reutlinger Berufsfeuerwehr, die aus Erfahrung weiß, dass an Silvester der Brandstifter Numero eins auf den Namen Leichtsinn hört.

Mal sind es Kanonenschläge, die in der bloßen Hand gezündet werden. Mal sind es Böller, die in Menschengruppen oder Wohnzimmerfenster geworfen werden. Und wieder ein anderes Mal sind es Raketen, die außer Kontrolle geraten - weil sie nicht sachgerecht abgefeuert oder (teilweise) ihrer Holzstäbe beraubt wurden. Diese indes sind wichtig. Beeinflussen sie doch die Flugeigenschaften der Geschosse und bringen diese sozusagen auf die rechte Bahn. Werden die Stäbe allerdings gekappt, weichen Raketen unweigerlich vom Kurs ab, mutieren zu Querschlägern und richten, wenn's ganz dumm läuft, schlimmen Schaden an.

Etwa, weil sie entzündliche Gegenstände auf Nachbars Balkon entflammen oder durch offene Türen respektive Fenster in Zimmer und Flure schießen. So gesehen sollten sogar eingefleischte Feuerwerks-Muffel am kommenden Montag, 31. Dezember, auf der Hut sein, sich wappnen und bereits vor dem großen Countdown sämtliche Luken dichtmachen sowie entflammbare Materialien von Balkon und Terrasse entfernen. (GEA)

Brandschutztipps zum Jahreswechsel


Der Feuerwehr steht an Silvester meist eine heiße Nacht bevor. Denn trotz aller Warnungen kommt es Jahr für Jahr beim Abbrennen von Feuerwerk zu Bränden mit großen finanziellen und materiellen Schäden, aber auch zu Unfällen, die nicht selten bleibende gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass

• Feuerwerkskörper und Raketen »Sprengstoff« sind und nicht in Kinderhände gehören. Verwendungs- und Gebrauchshinweise der Hersteller sollten unbedingt beachtet werden. Die Wehr rät dazu, die Handhabungstipps bereits am Silvester-Nachmittag in aller Ruhe zu studieren.

• (Lebens-)wichtig darüber hinaus: Ausschließlich Feuerwerk mit Zulassung der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) verwenden. Nicht zugelassenes Feuerwerk stellt eine besondere Gefahr für Hände, Augen und Ohren dar. Auf keinen Fall dürfen Feuerwerkskörper selbst hergestellt werden. Knaller und Raketen »Marke Eigenbau« sowie Schwarzmarktware kann unberechenbar heftig explodieren.

• Feuerwerk ist so aufzubewahren, dass keine Selbstentzündung möglich ist. Es sollte auch niemals am Körper, etwa in Jacken- oder Hosentaschen getragen werden.

• Das Abbrennen von Feuerwerk ist nach dem Sprengstoffrecht insbesondere in unmittelbarer Nähe von Fachwerk- und anderen brandgefährdeten Gebäuden, Gehöften oder Anlagen verboten.

• Das richtige Handling von Raketen verhütet Schlimmes und Schlimmstes. Sie sollten niemals schräg, sondern immer senkrecht nach oben gestartet werden. Als Abschussvorrichtungen empfehlen sich leere Flaschen in Getränkekisten. Es ist darauf zu achten, dass sich in der Flugbahn von Raketen keine Hindernisse oder Menschen befinden.

• Nach dem Anzünden sind Hobby-Feuerwerker gut beraten, flugs den Rückzug anzutreten und auf ausreichenden Sicherheitsabstand zu achten. • Hände weg von Blindgängern und Rohrkrepierern: Sie also niemals nachzünden, denn sie sind unberechenbar und können mit zeitlicher Verzögerung explodieren. Rat der Feuerwehr: Blindgänger in einem Eimer Wasser unschädlich machen!

• Nicht zuletzt sollten vor dem feurigen Vergnügen Haus, Hof oder Wohnung vor Brandgefahren geschützt werden. Wer auf Nummer sicher geht, schafft brennbare Gegenstände von Balkon oder Terrasse, schließt Fenster und Türen und stellt ein Löschgerät bereit.

• Und wenn es trotzdem brennt? Raum verlassen, Türen schließen, Feuerwehr über Notruf 112 alarmieren, deren Eintreffen abwarten und die Lebensretter einweisen. (GEA)

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