Migration - Omar aus Syrien sah nach eineinhalb Jahren seinen Sohn zum ersten Mal

Serie Familiennachzug: Seit März auf Wolke Sieben

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Omar kommt aus dem syrischen Derizor. Einer IS-Hochburg, in der der Bürgerkrieg tobt, in der es Raketenangriffe und Selbstmordanschläge gibt. Der Kfz-Mechaniker lebte in ständiger Angst vor der Zwangsrekrutierung. Im Sommer 2015 entschloss er sich, nach Europa aufzubrechen, seine Familie ließ er zurück: Zu teuer war die Flucht und viel zu gefährlich. Es dauerte ein Jahr und sechs Monate, bis er sie wieder sah - seinen Sohn zum ersten Mal. Ohne Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer aus dem Brenzgemeindehaus hätte er die vielen Hürden des Familiennachzugs nicht bewältigt. Die Zeit der Ungewissheit, der lähmenden Sorge ist vorbei. »Ich bin ein anderer Mensch«, sagt er und strahlt.

Omar Dajeel ist happy, dass es mit dem Familiennachzug geklappt hat. Johanna Segebrecht hat ihn bei dem schwierigen und langwierigen Verfahren intensiv unterstützt.
Omar Dajeel ist happy, dass es mit dem Familiennachzug geklappt hat. Johanna Segebrecht hat ihn bei dem schwierigen und langwierigen Verfahren intensiv unterstützt. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
»Entweder man ist dabei oder weg«: Nichts anderes bedeutet es, in einer vom IS beherrschten Stadt zu leben, berichtet Omar. »Weg« bedeutet tot. Also flüchtete er, wie seine beiden Brüder. Ohne Familie. Mehrere Tausend Euro pro Person braucht es, um die Schleuser zu bezahlen. Sein Geld reichte nicht, um für alle die Flucht zu finanzieren. Die wäre auch viel zu riskant für seine Frau, die schwanger war, und die kleine Tochter gewesen. Omar wollte nach Deutschland, um von dort aus die Familie so schnell wie möglich aus Syrien rauszuholen.

»Ich habe mir wirklichüberlegt, ob ich runterfliege und die Kinder raushole«
 

Omar kam übers Meer. In einem Boot, mit vielen anderen Flüchtlingen. Das Schiff war kaputt, einmal lief Wasser rein, fast wären sie gekentert. Neun Mal versuchten sie es, erst beim zehnten Mal schafften sie es bis an die türkische Küste. Omar schlug sich durch. Griechenland, dann die Balkanroute. Alles zu Fuß. Geschlafen habe er im Freien, berichtet er.

Im August 2015 hatte er Deutschland erreicht. Über die üblichen Stationen - Karlsruhe und Meßstetten - kam er erst nach Münsingen und im März 2016 ins Brenzgemeindehaus nach Reutlingen. Im Mai 2016 hatte er die Anerkennung als Flüchtling in der Tasche. Erst jetzt konnte er den Antrag auf Familiennachzug stellen. Die größte Hürde: Die Angehörigen brauchen ein Visum, das in der deutschen Botschaft ihres Heimatlandes ausgestellt werden muss. In Syrien gibt es aber keine deutsche Botschaft mehr. Wer einen Antrag auf Familiennachzug stellen will, muss das in Ankara, Beirut oder Erbil im Irak tun. Omars Frau Manal entschied sich für die Türkei.

Doch Manal hatte keinen Pass. In Syrien konnte sie ihn nicht beantragen. Wer geflüchtet ist, gilt als Verräter und landet auf der schwarzen Liste des IS und der Armee, weiß Asylpfarrerin Ines Fischer. »Für die Angehörigen gilt Sippenhaft. Hätte sie in Syrien den Pass beantragt, wäre sie gleich tot gewesen.« Was also tun? Mithilfe ihres Bruders gelang es Manal, die Papiere über die syrische Botschaft im Sudan zu beschaffen - eine teure Notlösung.

Als die Formalitäten endlich erledigt waren, machte sich Manal mit ihren kleinen Kindern und 50 anderen Flüchtlingen auf den Weg Richtung Türkei. Die türkische Grenze war dicht. Mehrere Versuche, durchzukommen, schlugen fehl. Letztlich wurden die Grenzposten bestochen. »Sie mussten illegale Wege gehen, um einen legalen Familiennachzug hinzukriegen«, stellt Ines Fischer fest. Fünf aus der Gruppe starben, weil sie auf Landminen traten. Manal schaffte es. In Istanbul kam sie bei Freunden unter. Die Kinder, damals eineinhalb und zweieinhalb Jahre, bekamen schnell ein Visum. Manal nicht. »Das war fast wie Hohn. Ich hab' mir wirklich überlegt, ob ich runterfliegen und die Kinder rausholen soll«, sagt Johanna Segebrecht, die als Ehrenamtliche im Brenzgemeindehaus Omar beim schwierigen Familiennachzug-Verfahren intensiv unterstützte. Und, so die Reutlingerin: »Es war eine Zitterpartie, ein Mords-Heckmeck, einfach nervenaufreibend.« Omar sei in dieser Zeit »sehr, sehr niedergeschlagen« gewesen. »Er wusste ja nicht: geht es, geht es nicht - manchmal hat er fast die Hoffnung verloren.« Es dauerte sieben Monate, bis Manal endlich ihr Visum hatte. Am 3. März 2016 kam sie mit der Tochter und dem kleinen Sohn mit dem Flieger in Stuttgart an.

»Das ist der unmenschliche Faktor und mehr als nicht zumutbar«
 

Omar hatte monatelang keine telefonische Verbindung zu seiner Familie. Die quälende Angst um ihr Leben, die eigene Machtlosigkeit, die lange Warterei und die vielen Formalitäten - das machte ihn fast krank. Nachts habe er nur zwei, drei Stunden schlafen können, sagt der 28-Jährige. Er besuchte zwar einen Deutschkurs, kam aber nicht mit. »Alles drehte sich in meinem Kopf, ich habe nur an meine Familie gedacht.« Diakon Eberhard Schütz spricht von »Integrationsverhinderung«. Omar habe den Anspruch gehabt, seine Familie nachzuholen. Den Antrag habe er rechtzeitig gestellt. »Es kann doch nicht sein, dass es so lange dauert. Das ist der unmenschliche Faktor und mehr als nicht zumutbar.« Die Länge der Verfahren, meint er, werde von der Politik und von den Behörden billigend in Kauf genommen. Ines Fischer verstärkt das noch. »Das ist bewusst, um andere abzuschrecken.«

Omars Geschichte hat ein Happy End. Das Wiedersehen sei wie ein Geburtstag gewesen, sagt er. »Als wäre ein Glanz um die Familie«, beschreibt Johanna Segebrecht die berührende Atmosphäre beim Wiedersehen auf dem Flughafen. Die kleine Familie - Manal ist wieder schwanger - hat eine Wohnung und einen Vermieter mit »weitem Herz und weitem Blick«, so die Reutlingerin, gefunden. Und Omar? Er schläft wieder gut. Hat wieder Kraft. Er macht Fahrstunden, will den Sprachkurs B 2 absolvieren, Arbeit finden. Tochter und Sohn sind im Kindergarten angemeldet. »Die beiden schweben auf Wolke Sieben«, sagt Johanna Segebrecht über das junge Paar. Deutschlernen, sich fit machen für einen Job - all das, sagt Eberhard Schütz, wäre viel schneller gegangen, wenn er früher seine Familie um sich gehabt hätte. (GEA)

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