Scheibengipfeltunnel - Die Planungen begannen schon unter der Ägide von Oberbürgermeister Oskar Kalbfell

Scheibengipfeltunnel: Von der Idee bis zur Fertigstellung

VON JÜRGEN KEMPF

REUTLINGEN. Am Freitag, 27. Oktober, wird die Ortsumgehung von Reutlingen samt dem Scheibengipfeltunnel ihrer Bestimmung übergeben. Am Samstag darauf kann dann der Verkehr über die neue Trasse rollen. 50 Jahre hat es gedauert, bis aus den ersten Planungen Realität wurde. 135 Millionen Euro wird das Vorhaben, finanziert durch den Bund, aller Voraussicht nach kosten.

Nächste Woche wird der Tunnel seiner Bestimmung übergeben. Unser Foto zeigt einen Blick Richtung Südportal. Foto: niethammer
Nächste Woche wird der Tunnel seiner Bestimmung übergeben. Unser Foto zeigt einen Blick Richtung Südportal. FOTO: Markus Niethammer
Im Jahr 1967 hatte die Stadt Reutlingen unter der Ägide des legendären Oberbürgermeisters Oskar Kalbfell die ersten Tunnelentwürfe in Auftrag gegeben. Anfangs war sogar ein doppelstöckiger Tunnel geplant - für vier Spuren. Doch davon rückte man wieder ab. Für die prognostizierte Verkehrsbelastung sollten zwei Spuren reichen.

Im Vorgriff auf den Bau investierte die Stadt viel Geld: etwa zwei Millionen Euro für Planungskosten und rund fünf Millionen für den Grunderwerb. Oberbürgermeister Manfred Oechsle (1973 bis 1995) hatte dann 1992 ersten Grund zur Freude: Der Bund erkannte dem Vorhaben die Dringlichkeitsstufe 1 (vordringlicher Bedarf) im Bundesverkehrswegeplan zu. Der umfasste allerdings einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren. Die Realisierung blieb also noch ungewiss. Allerdings war damit sichergestellt, dass der Bund den Großteil der Baukosten übernimmt.

Bebauungsplan trat in Kraft

Oechsles Nachfolger Stefan Schultes (1995 bis 2003) brachte die Grundstückskäufe weitgehend zum Abschluss. Unter seiner Ägide wurde der Tunnel »baureif«: 1997 trat nämlich der entsprechende Bebauungsplan in Kraft. Man hatte diesen Weg einem Planfeststellungsverfahren vorgezogen, da eine Planfeststellung nach 15 Jahren ausläuft, ein Bebauungsplan sozusagen »ewig« hält.

Das war durchaus vorausschauend, denn erst im Jahr 2006 rückte die Verwirklichung des Scheibengipfeltunnels in greifbare Nähe. Der GEA meldete, dass das Bundesverkehrsministerium die Umgehung, welche die Kernstadt vom Durchgangsverkehr der Bundesstraße 312 entlasten soll, in seinen aktuellen Fünfjahresplan aufgenommen hat. Damit wurde der Willen zur Realisierung deutlicher.

Allerdings wurde dann doch noch ein Planfeststellungsverfahren notwendig: Wegen der schweren Tunnelunglücke in den 90er-Jahren und einer daraus resultierenden EU-Richtlinie musste 2005 noch einmal umgeplant und ein Rettungsstollen vorgesehen werden. Auf den Abluftkamin an der Achalm wurde verzichtet, dafür eine tunnelinterne Entlüftung vorgesehen. Der ergänzende Planfeststellungsbeschluss lag im August 2008 vor.

Dies war ein entscheidender Aspekt nicht nur für die Finanzierungszusage aus Berlin, sondern auch für Enteignungsverfahren gegen Anlieger, die sich gegen die Inanspruchnahme ihrer Grundstücke zu diesem Zeitpunkt noch wehrten. Allerdings gab es in den folgenden Monaten noch etwas »Sperrfeuer« aus dem Bundesministerium. Es sollten noch Unterlagen fehlen. Doch das gab sich. Es kam schließlich, wie es kommen sollte: Am 21. Februar 2009 nahm der Bundesrat die Umgehung Reutlingen mit Scheibengipfeltunnel in die »Projektliste Verkehrsinvestitionen zum Konjunkturpaket II« auf. Der Bau innerhalb kurzer Frist war gesichert, die Bemühungen des damaligen Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordneten Ernst-Reinhard Beck, aber auch die der Reutlinger OB Barbara Bosch, die ihre Verbindungen nach Berlin nutzte, hatten Früchte getragen.

Klage zurückgewiesen

Nachdem der Verwaltungsgerichtshof Mannheim den Eilantrag eines Grundstückseigentümers, der die aufschiebende Wirkung seiner Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss wieder herstellen wollte, zurückgewiesen hatte, gab auch die Bürgerinitiative Pro Achalm auf. Die hatte jahrelang auch vor Gericht die Tunnelpläne bekämpft. Die Mitgliederversammlung beschloss am 27. April 2009, die laufende Normenkontrollklage gegen den Bau des Tunnels zurückzuziehen.

So konnten die ersten Arbeiten für die Zufahrten zum Scheibengipfeltunnel noch im Frühjahr 2009 ausgeschrieben und am 19. August am »Südbahnhof« an der Markungsgrenze zwischen Eningen und Reutlingen der erste Spatenstich getan werden.

Über die Baugeschichte informiert eine Sonderveröffentlichung des Reutlinger General-Anzeigers, die am Donnerstag, 26. Oktober, erscheint.

Chronologie des Baues der Ortsumgehung Reutlingen mit Tunnel

1967: Unter Oberbürgermeister Oskar Kalbfell gibt die Stadt die ersten Tunnelentwürfe in Auftrag. 1976: Der Nachbarschaftsverband Reutlingen/Tübingen nimmt die Umgehungsstraße in seinen ersten regionalen Flächennutzungsplan auf. 1978: Der Reutlinger Rat gibt den Startschuss für die Planung. Er geht jetzt nur noch von einer Tunnelröhre mit zwei Fahrstreifen aus. Bürgerinitiativen legen sich quer. 1992: Die Bundesregierung stuft das Verkehrsprojekt als »vordringlich« ein. 1995: Das Verkehrsministerium des Bundes genehmigt die Entwürfe.2000: Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim weist die Klagen von Tunnelgegnern zurück. 2005: Das Regierungspräsidium (RP) beginnt mit der Überarbeitung der Pläne. Der Tunnel erhält aus Sicherheitsgründen einen parallel verlaufenden Rettungsstollen und eine interne Entlüftung. 2006: Berlin nimmt den Tunnel in seinen Fünfjahresplan auf: Mit Ausnahme der Grünen steht das Stadtparlament hinter dem Projekt. 2007: Das RP leitet das Planfeststellungsverfahren für die überarbeiteten Entwürfe ein. 2008: Das RP gibt der überarbeiteten Planung seinen Segen. Im Juni wird die technische Seite des Projektes gutgeheißen, im Dezember die naturschutzrechtliche - unter geringen Auflagen. Februar 2009: Die Ortsumgehung Reutlingen wird in das Konjunkturpaket II aufgenommen.August 2009: Der »erste Spatenstich« für die Umgehung Reutlingen erfolgt. Oktober 2017: Fertigstellung und Verkehrsübergabe des Scheibengipfeltunnels. (GEA)

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