Verkehr - Der Scheibengipfeltunnel soll die Blechlawine in Reutlingen reduzieren. Ist er auch attraktiv, wenn man von Eningen Richtung Tübingen fährt?

Scheibengipfeltunnel: Mittendurch oder außenrum?

VON ALEXANDER RABE UND ANDREA GLITZ

REUTLINGEN. Abfahrt von Eningen gen Tübingen 16.07 Uhr: »Friss meinen Staub« hatte der Kollege beim Start in Eningen vollmundig verkündet. Mein Konkurrent folgt im pittoresken Südportal-Geschnörkel brav der Beschilderung gen »Tübingen« und entschwindet in die Röhre. Ich setze auf die gute alte Ortsdurchfahrt über die schadstoffgeschwängerte Lederstraße und folge dem Schild »Reutlingen-Zentrum 2 km«.

Feierabendverkehr am Südportal:  Auch hier ist der Verkehr  überschaubar. FOTO: PIETH
Feierabendverkehr am Südportal: Auch hier ist der Verkehr überschaubar. FOTO: PIETH
Kurz hinter der Tunnelzufahrt bremst mich eine neue Ampel aus. Das Verkehrsaufkommen ist jedoch zu diesem Zeitpunkt gering. Und: Die Rotphase minimal. Man traut sich noch nicht, wie angekündigt, den Fahrspaß gen Innenstadt nachhaltig zu bremsen.

Auch auf der Weiterfahrt haben mir die Ampeltechniker den roten Teppich in die Innenstadt ausgerollt, sprich eine fast perfekt grüne Welle: Straße am Echazufer schnell passiert, Lindachknoten geschmeidig. Ist das eine Aufforderung, künftig öfter das Auto zu nehmen? Habe ich was falsch verstanden in der Verkehrspolitik?

Roter Teppich in die Innenstadt


Nur am AOK-Knoten staut sich’s – allerdings auf der Gegenseite. Auf der Konrad-Adenauer-Straße geht es zügig hinaus auf die Stadtautobahn. Ausfahrt zum Hotel Fortuna. Ankunft 16.21 Uhr. Ätsch: Erst 24 Sekunden später taucht der Tunnel-Fahrer auf.

Auf der Rückfahrt überholt der Kollege frech auf der Stadtautobahn. Er wird später behaupten, das Tempo lediglich im Rahmen der Tachoabweichung überschritten zu haben. Den Doppelsieg sehe ich ohnehin gefährdet: Stadteinwärts droht der AOK-Knoten-Stau. Doch bis dahin flutscht es – sogar über den Hohbuchknoten. Dort ist am Abzweig von der Stadtautobahn die Wegweisung »Pfullingen/Riedlingen« – meine Richtung also – notdürftig überklebt. Für ein neues Schild hat das Geld wohl nicht mehr gereicht.

Auf Höhe der Jet-Tankstelle hat sich’s auf der Konrad-Adenauer-Straße ausgeflutscht. Vorm AOK-Knoten pförtnern die städtischen Verkehrstechniker gnadenlos. Bei jeder Grünphase kommen nur wenige Wagen durch.

Nun haben Autofahrer hinreichend Gelegenheit, die wechselnden digitalen Anzeigen auf dem Info-Schild »Parken in Reutlingen« zu studieren. Aktuell prangt dort die bedenkenswerte Mahnung an im Stau stehende Schadstoffproduzenten: »An die Umwelt denken – fahr Bus oder Rad«.
Zeit, ein bisschen zu träumen: von der schönen neuen Zeit, wenn der Masterplan Radverkehr umgesetzt ist ... und das Stadtbuskonzept ... und die Stadtbahn (der Gedanke ist inspiriert vom Regionalexpress, der gerade vorbeirauscht) ... und vom Radschnellweg, der auf der Konrad-Adenauer-Straße stadtauswärts eine Autospur verschwinden lassen soll

Wehende Fußgängerhaare


Fünf nicht wirklich vom Autofahren abschreckende Minuten später ist der AOK-Knoten passiert, die Gedanken verblassen. Die alte Feuerwache flitzt vorbei. Dann die LUBW-Luftmessstation, die mit ihrem schlechten Werten für die späte Erkenntnis gesorgt hat, dass sich in Reutlingens Verkehrspolitik etwas tun muss. Ich winke dem grauen Kasten freundlich zu, gebe Gas, kichere am Lindachknoten über die lustig aussehenden Fußgänger, die wegen der kurzen Grünphase mit wehenden Haaren über die breite Bundesstraße hetzen müssen.
Nach dem ebenfalls staufreien Lindachknoten darf ich sogar mit 60 Sachen durch die Stadt brettern – zumindest solange der Luftreinhalteplan nicht in reinen Tüchern ist. Bis dahin dürfen auch die Lkw ohne Einschränkung weiter durch die Stadt stänkern.

Fast grüne Welle bis zum Ortsschild Eningen – dort warte ich am vereinbarten Treffpunkt satte zwei Minuten auf meinen Kollegen und empfange ihn mit einem überaus herzlichen »Küss meine Rücklichter«. (GEA)

Die Vergleichsfahrt

Einmal hin, einmal zurück: Von Eningen über Reutlingen auf die Stadtautobahn gen Tübingen, wenden beim Hotel Fortuna in Betzingen und zurück - und das alles in der Rush-Hour Donnerstagnachmittag 16 Uhr: Welche Route ist die schnellere? Der Weg über die alte B 312 durch die Innenstadt oder über die neue Ortsumfahrung, den Scheibengipfeltunnel, und die B 28. Zwei GEA- Redakteure sind um die Wette testgefahren.Fakten zu den Routen (Zahl links Innenstadtroute, rechts Tunnelroute) Ampeln: 12/7 Kilometer: 8/12 Dauer Hinfahrt in Minuten: 14/15 Dauer Rückfahrt in Minuten: 17/19

Die Fahrt durch die Röhre

REUTLINGEN. Am Start in Eningen gibt’s nur ein Ziel: Vor der verunsichert wirkenden Kollegin da sein. Angesichts des stets üppigen Feierabendverkehrs auf der Lederstraße könnte ich auf meiner Route durch den Scheibengipfeltunnel trotz längerer Distanz doch schneller sein. Schlüssel umdrehen, Fuß aufs Gas und schon beginnt der Ortsumgehungstest.

Mit 70 Sachen fahre ich – das Auto der Kollegin noch im Nacken – Richtung Reutlingen. Kurz vor dem Südbahnhof trennt sich die Spreu vom Weizen, die Glitz vom Raben. Schnell wird klar: Die neue Route verlangt hohe Aufmerksamkeit. Neue Schilder, geänderte Verkehrsführung – da heißt es Augen auf im Straßenverkehr. Die rechte Spur ist die richtige. Sie führt mich direkt zum Tunnel.

Beherzt und in beachtlichem Tempo scheren die Autofahrer ein, die vom Ursulabergtunnel her kommen. Sekunden später wird’s nochmals eng: Jetzt heißt’s einfädeln zwischen den Autos, die aus der Marktstraße und der Reutlinger Oststadt Richtung Tunnel rollen. Meine leichteste Übung. Der Tunnelmund ist schon in Sicht und Sekunden später erreicht.

Kaum Lastwagen in Sicht


Zugegeben, sonderlich viel zu sehen gibt es in der knapp zwei Kilometer langen Betonröhre nicht. Die Querschläge zum Rettungsstollen, die zahlreichen Notruf-Stellen und die Technik an der Tunneldecke werden nur flüchtig wahrgenommen. Aber das erhöht die Konzentration aufs Wesentliche – den Verkehr.
Was schnell auffällt: Lastwagen sind im erfreulich gut beleuchteten Rohr kaum zu sehen. Dabei würde es den Schadstoffwerten in der Achalmstadt gut tun, wenn die schweren Kolosse mit ihren Dieselmotoren den Tunnel nutzen würden. Dass sie es (noch) nicht tun, liegt vermutlich daran, dass Reutlingens neue Ortsumgehung noch nicht in den Navis der Ortsunkundigen Einzug gehalten hat. Nur zwei Brummis kommen mir auf den zwei Tunnel-Kilometern entgegen – beide mit Reutlinger Kennzeichen.

Wo die Kollegin wohl ist? Bestimmt an einer roten Ampel. Am liebsten würde ich sie kurz anrufen. Geht aber nicht: keine Freisprecheinrichtung im Auto. Und vor allem: kein Mobilfunk-Empfang im Scheibengipfeltunnel.

Nur eine Minute im Rohr


Entspannt gleite ich im Inneren des Berges mit Tempo 70 dahin, um nach nur einer Minute in der Betonröhre das Tageslicht am Nordportal zu erreichen. Wenige Hundert Meter weiter stehe ich erstmals an einer roten Ampel. Aber nicht lange. Nach Sekunden folge ich in der Linksabbiegung der Vorfahrtsstraße in Richtung Tübingen. Aber das mit der Vorfahrtsstraße ist so eine Sache. Der Fahrer vor mir ist sichtlich verunsichert, bremst und bekommt die Quittung vom Fahrer hinter mir, der gleich auf die Hupe haut.
Nach sechs Minuten Fahrt ist mit der B 28 bekanntes Straßen-Terrain erreicht. Plötzlich wird ein bislang nur einmal genutztes Pedal dringend gebraucht: die Bremse. Rote Ampel an der Abzweigung zur Karlstraße. Rote Ampel an der Kreuzung am Bauhaus. Ansonsten läuft’s sehr ordentlich. Die Verkehrsregeln werden dabei eisern eingehalten. Es ist 16.17 Uhr.

Als die innerstädtische Tempo-60-Phase überstanden ist und der Kleinwagen auf der Stadtautobahn seine dünnen Muskeln spielen lassen darf, ist der Endspurt erreicht. Im fünften Gang düse ich Richtung Ziel und bin siegesgewiss. Doch als ich um 16.22 Uhr und nach zwölf Kilometern am Zielpunkt vorfahre, klappt die Kinnlade runter. Die Kollegin ist schon da – allerdings erst seit einigen Sekunden.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, doch auf der Rückfahrt habe ich weniger Ampelglück in der Stuttgarter Straße, komme gut zwei Minuten später an als die Innenstadt-Fahrerin. Unterm Strich ist aber festzuhalten: Wer von Eningen aus Richtung Tübingen fährt, hat durch den Scheibengipfeltunnel eine echte Alternative zur Fahrt durch die City gewonnen. Nur nutzen muss sie jeder selber. (GEA)

Zwei Wochen mit Scheibengipfeltunnel

Was bringt der Scheibengipfeltunnel für Reutlingen? Alle starren auf die Lederstraße und mancher unkt schon nach zwei Wochen Freigabe: zu wenig. Scheint doch die B 312 auf der Ortsdurchfahrt - anders als zum Testzeitpunkt - an manchen Tagen insbesondere im Bereich Am Echazufer/Lederstraße voll wie eh und je. Im kommenden Jahr will die Stadtverwaltung mit einer Verkehrszählung Klarheit schaffen.

Gut 20 000 Fahrzeuge täglich soll der Tunnel laut Prognose schlucken. Das Regierungspräsidium Tübingen (RP) rückt auf GEA-Nachfrage noch keine Zahlen von den Zählstellen am Tunnel heraus. Die Verkehrszählschleifen müssten zunächst kalibriert, die Kalibrierung dann geprüft werden, was zwei bis drei Wochen dauern werde. Probleme beim fließenden Verkehr sind dem RP nicht bekannt. Bislang habe es nur kleinere Probleme etwa mit einer Notruftür gegeben. Solche Fehlermeldungen hätten öfters dazu geführt, dass sich der Tunnel selbstständig auf »leichte Behinderung«, sprich Temporeduzierung auf 50 Stundenkilometer, gestellt habe.

Ein Autofahrer habe wegen einer Panne eine Nothaltebucht genutzt. Auch dies habe aus Sicherheitsgründen automatisch die sonst zulässige Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometer im Tunnel auf 50 reduziert.

Die Geschwindigkeit muss laut RP auch in den kommenden Wochen ab und zu noch gemindert werden, da noch Arbeiten im Tunnel nötig seien. (igl)
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