Eröffnung - Am späten Samstagvormittag rollte der »echte« Verkehr erstmals durch den Scheibengipfeltunnel

Scheibengipfeltunnel: Erstmals rollt echter Verkehr

VON JÜRGEN MEYER

REUTLINGEN/ENINGEN. In der Stunde Null der neueren Verkehrsgeschichte Reutlingens herrschte am Freitagabend zunächst einmal pure Anarchie. Gerade hatte ein Auto-Konvoi der Honoratioren den Scheibengipfeltunnel mit einer symbolischen Fahrt zum Nord- und wieder zurück zum Südportal eröffnet, als sich aus der Masse der Feiernden zögerlich Einzelne aufmachten, um es ihnen gleichzutun. Die Steuerzahler wollen nicht länger in die Röhre schauen, sondern sie auch erkunden.

FOTO: Jürgen Meyer
Erlaubt, verboten oder geduldet? Niemand, den man fragen konnte. Keine Ordnungsmacht, die sich blicken ließ, kein Sicherheitspersonal, dass Schranken setzte; nur ein Gärtner, der die Blumengebinde, die letzten Überbleibsel des Festakts, in den Lieferwagen packte.
»Die Ampelphasen müssen noch optimiert werden«
 

Spaziergänger, Radfahrer, Inline-Skater, Segwayfahrer, Kinder auf Tretrollern, Hunde und Handyfotografen - alle, die in einem Straßentunnel nix zu suchen haben, belebten nun die Betonröhre (wir berichteten). Ihnen von Norden entgegen fuhr, einer Walze gleich, die »Critical Mass«, eine gut 500 Radler zählende »Gegenbewegung zur Blechlawine«. Als der Spuk das Südportal verlassen hatte, senkte sich die Nacht über das Bauwerk.

Am Morgen nach der Party kam das Aufräumen: »Wir mussten erst mal den ganzen Tunnel abfahren, um zu schauen, ob dem Pulk auf der Strecke irgendwas verloren ging«, erläuterte Projektleiter Norbert Heinzelmann am Samstag. Außerdem war eine Notrufnische offengestanden. Das musste überprüft werden. »Uns wäre es lieber gewesen, die Demofahrt hätte bereits vor dem Festakt stattgefunden.«

Straßenbautrupps deckten die letzte verhangene Ampelanlage bei Sondelfingen ab, räumten die Warnbaken zur Seite und entfernten die Sperrschilder. So war es dem »Saubermachen« geschuldet, dass der Tunnel erst Punkt 10.47 Uhr für den Verkehr freigegeben werden konnte. Der erste öffentliche Verkehrsteilnehmer, der die Röhre offiziell befuhr, war ein unbekannter Smart-Fahrer. »Wir haben es über die Kamera am Nordportal verfolgen können. Der hatte bereits vor der geschlossenen Schranke gewartet«, so Gunther Junginger, verantwortlicher Straßenbaudirektor für den Nordraum des Regierungsbezirks Tübingen. »Als die Barriere zur Seite hin elektronisch weggeklappt war, folgte ihm ein Motorroller.«

Zeitgleich öffnete die Sperre auch im Süden. Einer geöffneten Schleuse gleich folgten nach und nach von allen vier Zufahrtsrouten Autos und Lastwagen auf die neue Ortsumgehung. »Das lief flüssig, als wären sie schon immer hier gefahren. Es ging bisher gut und gesittet ab«, so Heinzelmann.

Erst einmal rollte der Verkehr auf maximal 50 Stundenkilometer herabgebremst durch den Tunnel. »Im Normalzustand sind 70 erlaubt. Aber da liegt ja noch so viel Staub in der Röhre. Der muss erst aufgewirbelt und von den Fahrzeugen langsam rausgesogen werden. Das ist so eine Art Selbsträumung«, so Junginger.

Eine höhere Geschwindigkeit hätte indessen eine Sichteintrübung zur Folge, was wiederum zu einem Alarm führen würde. »Das wird elektronisch gemessen. Beim Überschreiten des Grenzwertes würde der Tunnel automatisch mittels der verschiedenen Wechselanzeiger eine Vollsperrung auslösen«.

Das wäre natürlich kurz nach Eröffnung alles andere als wünschenswert. Deshalb stand über das Wochenende auch noch ein Programmierer in ständiger Rufbereitschaft, um notfalls Software-Probleme bei den Leiteinrichtungen zu beheben. Am Nachmittag signalisierte die Leuchtanzeige dann zumindest zeitweise »Tempo 70«.

Indessen müssen sich Tunnelbefahrer und Tunnelbetreiber noch eine geraume Zeit lang aneinander anpassen. Bisher gibt es lediglich theoretische Berechnungen hinsichtlich der Nutzung. Junginger: »Die Ampelphasen müssen noch optimiert werden. Gerade an den Stoßzeiten beim Berufsverkehr. Über die Induktionsschleifen messen wir den Verkehrsfluss. Da müssen wir aber wohl erst die Herbstferien abwarten«.

Auch scheint sich schon anzudeuten, dass an der relativen kurzen Einfädelspur des Verkehrs von Eningen und Pfullingen zum Tunnel hin recht zügig gefahren wird. »Im Hintergrund wird noch viel laufen«, so Projektleiter Heinzelmann. »Ich denke, dass wir noch bis zu einem Jahr unser Baubüro am Südportal besetzt halten müssen«. (GEA)






 

Scheibengipfeltunnel wird eröffnet


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