Scheibengipfeltunnel

Scheibengipfeltunnel: Am Ende aller Dienstfahrten

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. Oskar Kalbfell wäre gerne mitgefahren: In seinem Dienstwagen durch den Scheibengipfeltunnel, den er vor 50 Jahren geplant hat und dessen Fertigstellung er nicht erlebte. Der erste Oberbürgermeister der Nachkriegszeit starb 1979, sein Fahrzeug aber fährt immer noch. Und so vollenden wir, was ihm eine Herzensangelegenheit gewesen wäre: Wir fahren im »RT-203« unterirdisch durch Reutlingen, im letzten Dienstwagen der Kalbfell-Ära, selbstredend ein Mercedes .

Mit 70 Sachen durch den Tunnel: Kalbfells Dienstwagen auf dem Weg von Pfullingen nach Sondelfingen. Die letzte Dienstfahrt verlief problemlos. FOTO: PIETH
Mit 70 Sachen durch den Tunnel: Kalbfells Dienstwagen auf dem Weg von Pfullingen nach Sondelfingen. Die letzte Dienstfahrt verlief problemlos. FOTO: PIETH
»Man muss Gas geben«, sagt Robert Wanner, »alte Autos brauchen Gas.« Also die Scheu überwinden, das Pedal bis zum Anschlag durchdrücken, ein Dreh am Schlüssel im winzigen Zündschloss und die Oberklasse erwacht zum Leben. Wir stehen am Eingang zum neuen Scheibengipfeltunnel, eine allerletzte Dienstfahrt steht bevor.

Der Mercedes 280 SE ist das Original-Dienstfahrzeug von Oskar Kalbfell, dem ersten Reutlinger Oberbürgermeister der Nachkriegszeit. Der Tunnel war seine Idee - vor 50 Jahren. Er wollte eine doppelstöckige Schnellstraße, pro Etage und Richtung mit zwei Fahrspuren. Grundsätzlich ist alles so, wie sich Kalbfell das ausgedacht hat, nur dass es am Ende nur eine Etage und zwei Spuren sind.

Der Plan wird Realität, leider ohne den Ideengeber. Dafür ist sein Auto am Start - das Flaggschiff in der Originalfarbe schwarz. Mögen sich die Dimensionen im Straßenverkehr verändert haben - der 48 Jahre alte Mercedes steht immer noch staatstragend in der Landschaft. Begleiten wir ihn also auf seiner allerletzten Dienstfahrt, quasi in Stellvertretung des verstorbenen Dienstherrn.

Die große Frage ist: Wem gehört dieses Auto und wer hat es vor der Schrottpresse bewahrt? Der Retter heißt Robert Wanner, ist 74 Jahre alt und Stuckateurmeister aus Weil im Schönbuch. Er zog den Mercedes vor 15 Jahren aus einer Scheune in Eningen, wo er jahrelang vor sich hinschlummerte, vielleicht Jahrzehnte. Jetzt arbeiten seine sechs Zylinder (in Reihe) gleichmäßig am Südportal.

Für die letzte große Fahrt tauschen wir die Oldtimernummer gegen die Original-Autonummer von Oskar Kalbfell, die »RT 203«, die natürlich nicht mehr zulässig ist. Und dann setzt sich das Schiff in Bewegung. Die Automatik schaltet weich, in der Hand liegt ein riesiges weißes Steuerrad, womöglich aus Elfenbein. Die Rückspiegel sind klein - »brauchte man damals nicht«, sagt Wanner. Der Blick des Oberklasse-Fahrers ging vor allem nach vorne.

»Dieser Tunnel ist ein Segen für Reutlingen«
 

Denn Kalbfells Dienstwagen gingen stets einher mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Am Anfang fuhr er eine alte Wanderer-Limousine, von Baustelle zu Baustelle. Hin und wieder soll er den Arbeitern eine Kiste Bier vorbeigebracht haben, heißt es. Später kam der wirtschaftliche Aufschwung und mit ihm ein Zeichen für das wiedererstarkte Selbstbewusstsein: ein Mercedes »Heckflosse« 220. Und endlich war es so weit: 1969 folgte der nachtschwarze 280 SE mit 160 PS, Sinnbild für den florierenden Westen, dem es wieder gut ging.

Kalbfell nutzte den Wagen bis zum Ende seiner Amtszeit, erst mit Chauffeur, später selbst hinterm Steuer. Als er in den Ruhestand ging, übernahm er ihn vom städtischen Fuhrpark und fuhr ihn privat weiter. Aus dieser Zeit stammt die Anhängerkupplung, die an der Staatskarosse so deplatziert wirkt wie an einem Sportwagen.

Kalbfell ließ den Haken montieren - weniger, um Lasten zu ziehen, und schon gar nicht, um einen Fahrradträger zu montieren, so etwas gab es damals noch nicht. Robert Wanner glaubt, dass die Anhängerkupplung vor allem deshalb existierte, um Kalbfell das Rückwärtsfahren in der Garage zu erleichtern, weil er die Abmessungen nicht mehr exakt im Griff hatte. Er fuhr auf Kontakt. Aus dieser Zeit stammen auch die kleinen Macken in den vorderen Kotflügeln. Kampfspuren aus der Kalbfell-Ära, als noch ausschließlich Männer am Steuer saßen. Wanner ließ Kalbfells gröbste Dellen ausbeulen.

Auf der Uhr stehen 35 000 Kilometer. Es könnten 135 000 oder 235 000 sein, weil die Anzeige nur fünfstellig ist. Was in der Zeit zwischen Kalbfells letzten Kampfspuren und der Scheune in Eningen mit dem Wagen passierte und wer ihn fuhr, ist nicht bekannt.

Ein Gebrauchtwagenhändler aus Ofterdingen soll 5 000 Euro geboten haben. »Das kann ja wohl nicht sein«, sagte Wanner, legte 5 500 Euro auf den Tisch und kaufte gleich ein Stück Reutlinger Stadtgeschichte mit. Die Bremsen und die Weißwandreifen musste er erneuern, ebenso den Auspuff. »Ich habe Edelstahl verbauen lassen, dann bin ich fertig.« Alles andere ist wie gekauft: Veloursitze ohne Flecken und Risse, ein makelloses Holzarmaturenbrett, ein weißer Dachhimmel. Ein Becker-Radio mit Kassettenrekorder gegen Aufpreis, die passende Schlagermusik liegt in der Mittelkonsole aus Tropenholz. Ein Sammlerstück, ohne Frage.

Nun ist es nicht so, dass Robert Wanner ein Anfänger wäre. Er besitzt 53 Oldtimer, 85 historische Motorräder und 13 alte Schlepper. In seinem privaten »Kraftfahrzeug-Museum« stehen ausschließlich Exponate aus deutscher Produktion. Die Öffnungszeiten sind immer dann, wenn er da ist. Man darf sich telefonisch anmelden (07157 61275).

Die Tunneldurchfahrt verläuft unspektakulär und präzise. Mit 70 Sachen gleitet der Mercedes von Pfullingen nach Sondelfingen unter der Achalm hindurch. Wände und Asphalt wirken steril und heller als in anderen Tunnel, aber das wird sich ändern. »Dieser Tunnel ist ein Segen für Reutlingen«, sagt Wanner.

Damit sind auch sämtliche Dienstfahrten von Politikern in dieser Sache nach Berlin und anderswohin erledigt und nun auch die letzte von Kalbfells Dienstwagen. Dieser fährt dorthin, wo er hingehört: ins Museum. (GEA)



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