Gesundheit - Reutlinger Hospital hat jetzt ein Krebszentrum und hält damit Einzug in die onkologische Spitzenliga

Ritterschlag für Reutlinger Klinikum

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Diagnose Krebs. Sie ist für Betroffene noch immer ein Schock. Denn selbst, wenn die Medizin binnen der zurückliegenden zwei Dekaden enorme Fortschritte gemacht hat – Heilungsgarantien gibt es bis heute keine. Wohl aber immer größere Chancen auf Genesung und ein sattes Plus an Lebensqualität während der Therapie.

Hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es jetzt auf dem Steinenberg ein zertifiziertes Krebszentrum gibt: dessen Vorstandsvorsitzender Professor Dr. Stefan Kubicka, Gastroenterologe und Chefarzt der Medizinischen Klinik I (hier im Endoskopie-Raum). FOTO: NIETHAMMER
Hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es jetzt auf dem Steinenberg ein zertifiziertes Krebszentrum gibt: dessen Vorstandsvorsitzender Professor Dr. Stefan Kubicka, Gastroenterologe und Chefarzt der Medizinischen Klinik I (hier im Endoskopie-Raum). FOTO: NIETHAMMER
Passgenaue Behandlungsmethoden, also individuell auf den einzelnen Patienten und seine körperlichen und seelischen Besonderheiten zugeschnittene Heilverfahren machen es möglich. Auch in Reutlingen: im Klinikum am Steinenberg, wo Tumorkranken onkologische Therapien auf Top-Niveau zuteilwerden.

Klingt übertrieben? Ist es aber nicht, wie die jüngste Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) nahelegt, die das Reutlinger Hospital nun offiziell zum »Onkologischen Zentrum« ernannt und als solches anerkannt hat. Was, wenn man so will, einem Ritterschlag gleichkommt – gemessen an den hohen Ansprüchen, die die DKG an derlei Zentren stellt.
»Solchen Zentren gehört die Zukunft«
 
17 ihrer Art gibt es aktuell in Baden-Württemberg. Bundesweit sind es 83. Und jedes muss unter Beweis stellen, dass sowohl Interdisziplinarität als auch Leitlinientreue von Ärzteschaft und Pflegepersonal konsequent und routiniert gelebt, dass fachliches Know-how zum Besten der Patienten gebündelt wird. Heißt konkret: Menschen mit Krebs-erkrankung können auf dem Steinenberg darauf vertrauen, dass hier sämtliche Rädchen des Heilbetriebs so ineinandergreifen, dass ihnen der »Marsch« durch zig verschiedene Abteilungen erspart bleibt.

Denn egal ob Radiologie, Chirurgie oder Onkopsychologie, ob Pathologie oder Palliativmedizin – ausnahmslos alle mit Tumorleiden befassten Fachrichtungen ziehen an einem Strang, tauschen Befunde ohne Umwege aus, gewinnen so an Schlagkraft und stellen auf diese Weise den Menschen dorthin, wo er nach Auffassung von Professor Dr. Stefan Kubicka, Vorstandsvorsitzender des Krebszentrums, zwingend hingehört: in den Mittelpunkt.

Nach Worten des Chefarztes der Medizinischen Klinik I ist dieser interdisziplinäre Schulterschluss in doppelter Hinsicht segensreich. Für die Krebserkrankten, aber auch für das Reutlinger Klinikum selbst. Zumal der Trend in der Onkologie deutschlandweit schon jetzt in Richtung Kompetenzen-Konzentration geht. Zentren, wie das auf dem Steinenberg, weiß Kubicka, gehört die Zukunft. Denn sie arbeiten effektiver und damit unterm Strich auch kostengünstiger als dies kleine Häuser tun könnten. Letztere sind unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten demnach schon heute so etwas wie Auslaufmodelle.

So gesehen waren es durchaus auch strategische Erwägungen – Stichworte: Standortsicherung, Daseinsvorsorge –, die Stefan Kubicka und Kollegen dazu bewogen haben, sich um eine Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft zu bemühen. Natürlich nicht im Hopplahopp-Verfahren, sondern nach langer und zielgerichteter Aufbauarbeit.
»Darmtumore sind die häufigste Krebsart überhaupt«
 
Diese reicht, hat Kubicka, der damals noch als Assistenzarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover wirkte, recherchiert, bis in die späten 1990er-Jahre zurück, da sich das Klinikum am Steinenberg aufmachte, in einem ersten Schritt Onkologischer Schwerpunkt zu werden. Dieses Etappenziel war 2003 erreicht. Es folgten Auf- und Ausbau eines Brustzentrums im Jahre 2005, eines Darmzentrums in 2008 und – weitere zwei Jahre später – eines Gynäkologischen Tumor- sowie eines Prostatakarzinomzentrums. Hinzu kamen innerhalb kürzester Zeit Pankreaskarzinomzentrum, Strahlentherapieeinrichtung und jüngst eine Palliativstation.

Zusammen bilden sie heute jenes Fundament, das der Berliner Prüfungskommission solchermaßen tragfähig erscheint, dass auf ihm nun das Krebszentrum mit seinem – auf die Größe des Hospitals bezogen – ausgesprochen breiten Leistungsspektrum entstehen konnte: weil es den von der Deutschen Krebsgesellschaft eingeforderten hohen Standards entspricht und außerdem, um noch ein zweites von vielen anderen Kriterien zu nennen, mit den erforderlichen Fallzahlen und der aus ihnen resultierenden Erfahrung punkten kann.

»Über einhundertfünfzig Darmkrebsoperationen«, so Chefarzt Kubicka, »werden bei uns pro Jahr durchgeführt«. Vor allem Dickdarm-Tumoren – sie werden übrigens eine der Hauptrollen beim nächsten Medizinforum von Kreiskliniken und Reutlinger General-Anzeiger am Montag, 27. April, im Alberhaus spielen – gilt es, den Garaus zu machen. »Sie sind die häufigste Tumorart überhaupt«, derweil Lungenkrebs die häufigste Todesursache von Krebserkrankten ist.

Doch zurück zum Zertifikat, das Reutlingen in die Liga der Spitzen-Onkologie hat aufsteigen lassen: ein Grund, stolz zu sein? Glasklares Ja. Allerdings keiner, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Denn der Titel Krebszentrum kann von der Deutschen Krebsgesellschaft so rasch wieder entzogen werden, wie er zuerkannt wurde. Mithin ist’s ein »Ritterschlag auf Zeit«, den sich das Klinikum am Steinenberg abholen durfte und dem es sich fortan jedes Jahr auf Neue für würdig erweisen muss.
»Der Geltungsbereich soll auf Leukämien ausgedehnt werden«
 
Eine Herausforderung, der sich Stefan Kubicka und Team motiviert stellen – auch wenn sie sehr aufwendig ist. Doch damit nicht genug, planen die Krebsspezialisten vom Steinenberg, sich ab sofort stärker denn je klinisch-wissenschaftlich einzubringen und an groß angelegten Studien teilzuhaben. Nutzwert für den Patienten: Er könnte in den Genuss innovativer Heilmethoden (darunter neue Medikamente) kommen, die erst kurz vor ihrer Markt-Reife stehen. Was ein weiterer Schritt hin zu jener personalisierten Onkologie ist, die sich das Reutlinger Krebszentrum verordnet hat.

Außerdem, verrät Stefan Kubicka, wolle das Klinikum am Steinenberg seinen »Geltungsbereich sukzessive auf Leukämien beziehungsweise Lymphome ausdehnen« und seine onkologische Ambulanz optimieren. »Wir bleiben dran«, verspricht der Mann, dem man ohne zu zögern abnimmt, dass es ihm ernst damit ist, wenn er sagt, dass für ihn der Mensch im Mittelpunkt steht. (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen