Initiative - Im Repair-Café werden defekte Geräte instand gesetzt statt weggeworfen. Kostenlose Ersatzteile gefordert

Reutlinger Repair-Cafe macht aus alt neu

VON NORA REIM

REUTLINGEN-MITTELSTADT. Fritz Lauer ist am Mittwochabend bereits zum zweiten Mal zu Gast im Repair-Café an der Keltenstraße. In den Räumlichkeiten der Firma Vangerow lässt der 76 Jahre alte Reutlinger seinen defekten MP3-Player vom Fachmann begutachten. Die Fehlerdiagnose fällt Peter Rath nicht leicht: Das Abspielgerät ist so klein, dass selbst der gelernte Fernsehtechniker die Abdeckung nur mit einem Spezialwerkzeug öffnen kann, ohne die filigrane Technik im Inneren zu beschädigen.

Techniker Peter Rath (links) repariert den MP3-Player von Fritz Lauer. Organisatorin Barbara Vangerow sorgt für die Bewirtung im Repair-Café Reutlingen. FOTO: REIM
Techniker Peter Rath (links) repariert den MP3-Player von Fritz Lauer. Organisatorin Barbara Vangerow sorgt für die Bewirtung im Repair-Café Reutlingen. FOTO: REIM
»Der Hersteller will gar nicht, dass man seine Geräte selbst reparieren kann«, ist der 55 Jahre alte Rath überzeugt. Lauer pflichtet dem Techniker bei: »Die Reparatur durch den Hersteller hätte fast so viel gekostet wie der MP3-Player selbst.« Darüber habe er sich so geärgert, dass er das Gerät nicht über den Reutlinger Elektronikfachmarkt eingeschickt hat, sondern lieber mit seinem Moped zum Repair-Café in Mittelstadt gefahren ist.

Legerer Umgang

An der kostenlosen Initiative, die jeden zweiten Mittwoch im Monat von 18 bis 21 Uhr stattfindet, schätzt der rüstige Rentner besonders den »legeren Umgang mit netten Leuten«. Tatsächlich ist der Name Programm: Die Besucher bringen ohne Voranmeldung nicht nur ihre defekten Geräte mit, sondern werden auch mit Kaffee und Kuchen verköstigt.

»Manche spenden nicht nur fürs Reparieren, sondern auch Selbstgemachtes fürs Büfett«, erzählt Barbara Vangerow. Die gelernte Krankenschwester hat die ehrenamtliche Einrichtung zusammen mit ihrem Mann, dem Unternehmer Detlef Vangerow, vor zwei Jahren ins Leben gerufen. »Mein Ziel ist es, Reparatur-Arbeiten zu erhalten«, erklärt der 56 Jahre alte Firmeninhaber, der sich auch beruflich mit Themen wie »Wegwerf-Gesellschaft« und »Abfallvermeidung« beschäftigt.

Dazu bringt der gelernte Fernsehtechniker seit 2009 von ihm für spezielle Reparaturen geschulte Händler und Kunden auf einem deutschlandweiten Internet-Portal zusammen. »Wir machen gerne das, was der Fachhändler sonst ablehnt«, lautet Vangerows Unternehmensphilosophie. »Es muss doch eine Gesellschaft geben, die nicht alles wegwirft, sondern auch Kleinteile wertschätzt.«

Hersteller verpflichten

Ob Bodenstaubsauger, Röhrenfernseher oder ein plattes Fahrrad - das nützliche Miteinander von ehrenamtlichen Technikern und Besuchern im Repair-Café gibt den Initiatoren recht: Nach drei Stunden haben die über zehn Techniker einen elektronischen Fidget Spinner wieder zum Leuchten gebracht, ein zerkratztes Handy-Display geglättet und eine Tisch-Kreissäge in ihre Einzelteile zerlegt. »Falls wir die Funktionstüchtigkeit nicht sofort wiederherstellen können, versuchen unsere Techniker bis zum nächsten Mal Ersatzteile zu beschaffen«, versichert Vangerow.

Die kostenlose Ersatzteilversorgung ist gleichzeitig ein Thema, das den Unternehmer umtreibt: »Ich möchte, dass die Hersteller verpflichtet werden, dem Kunden kostenlos Ersatzteile zur Verfügung zu stellen.« Dazu setzt sich der 56-Jährige seit zwei Jahren bei der Initiative »Runder Tisch Reparatur« ein und fordert von der Bundesregierung eine »Garantie von sieben Jahren für Ersatzteile«.

Auf einen winzigen Baustein für seinen kaputten MP3-Player hofft Fritz Lauer. Denn nach einer halben Stunde Arbeit hat Techniker Rath herausgefunden, dass der Lithium-Ionen-Akku im Gehäuse den Geist aufgegeben hat. Nun muss sich der 76-Jährige am Mittwoch, 8. November, erneut auf sein Moped setzen. Die Reparatur, sagt Lauer, sei ihm die Fahrt nach Mittelstadt allemal wert.

Das Repair-Cafe

Das nächste Repair-Café findet am Mittwoch, 8. November, 18 bis 21 Uhr in der Mittelstädter Keltenstraße 8 statt. Näherre Infos gibt es im Internet. Die Reparateure arbeiten ehrenamtlich und freuen sich über Unterstützung in Form von Hobby-Technikern. Kuchen-Spenden fürs Buffet sind ebenfalls willkommen. (nur)

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