Wohnen - Anwohner wenden sich gegen Pläne, das Bihler-Areal im Ringelbachgebiet massiv zu bebauen

Protest gegen massive Bebauung des Bihler-Areals

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. 500 neue Wohnungen will die Stadt jedes Jahr bauen. Fragt sich nur wo, denn brachliegende Flächen sind rar. Für eine dieser Flächen stellt die Stadt derzeit einen neuen Bebauungsplan auf, gegen den die Anwohner protestieren. 137 Wohnungen sollen auf dem 1,8 Hektar großen Gelände der ehemaligen Gärtnerei Bihler zwischen Peter-Rosegger- und Hans-Reyhing-Straße im Ringelbachgebiet entstehen.

Vorher: Gewächshäuser prägen das Bild des Bihler-Areals im Ringelbachgebiet, wie man es  kennt. FOTO: GROHE
Vorher: Gewächshäuser prägen das Bild des Bihler-Areals im Ringelbachgebiet, wie man es kennt. FOTO: Manfred Grohe
Hier prallen Weltanschauungen aufeinander. Die Stadtplaner jubeln, die »qualitätsvolle Verdichtung innerhalb der Siedlungsfläche« spare neuen Flächenverbrauch im Außenbereich und entspreche voll den Vorgaben des flächensparenden Bauens. Der Käufer, die BPD Immobilienentwicklung GmbH, jubelt ebenso: »Vielfältige Wohntypologien« will er bauen, vom hochwertigen Geschosswohnungsbau bis zu »individuellen Wohngebäuden« ist alles dabei, sogar 20 Prozent Sozialwohnungen. Nur die Nachbarn jubeln nicht.

Nach etlichen »Nachbarschaftsabenden« ist die anfängliche Euphorie auch im Rathaus verflogen. Die Planer rücken von ihren ersten Plänen ab, indem sie einige Parkplätze zusätzlich ausweisen und die Zahl der Stockwerke einiger Häuser reduzieren. Die Anwohner halten das für Kosmetik: An der massiven Verdichtung und den daraus resultierenden Engpässen ändere sich nichts, sagen sie.

300 Unterschriften haben sie gesammelt und nennen sich mittlerweise ABBA - »Interessensgemeinschaft Anwohner Bihler-Bebauung-Areal«. Ihre Kernforderungen formulieren sie in sechs Punkten, wobei Punkt eins alle anderen Punkte einschließt: Die Verdichtung des Areals soll geringer ausfallen als in der Auslegung des modifizierten Bebauungsplans, den der Gemeinderat am Donnerstag, 26. Oktober, beschließen soll. »Zu viele und zu hohe Gebäude verdichten das jetzt schon stark wachsende Gebiet unter dem Georgenberg«, begründet ABBA-Sprecher Joachim Longerich. Zusätzlich geplante Wohneinheiten würden die Bebauung weiter verdichten.

Inzwischen haben er und seine Mitstreiter mit fast allen Fraktionen im Gemeinderat gesprochen. »Die Anwohner sind sauer, was aus dem Gebiet vor ihrer Haustür gemacht wird«, versucht Longerich, den Kommunalpolitikern ins Gewissen zu reden. Ihm geht es um sein Umfeld, in dem er die Kindheit verbrachte, aber auch um mehr: »Es geht um die grundsätzliche Frage, ob es nicht feinfühliger wäre, erst mit der Bevölkerung zu sprechen, bevor man mit Investoren redet.«

»Es fehlt der Wille, vergleichbare Areale einzubeziehen«
 
Verdichtung wirft Fragen auf, die im Bihler-Areal konkret werden. So bedeutet die Konzentration von Wohneinheiten in den meisten Fällen Höhe, beim Bihler-Areal bis zu 18 Meter. Das ist den Anwohnern zu viel. »Wer da wohnt, kann nur den Kopf schütteln.« Statt sechs Geschosse wollen sie nur drei akzeptieren.

Verdichtung bedeutet aber auch mehr Bewohner und damit mehr Verkehr. »Die Verkehrssituation mit Parken ist jetzt schon chaotisch und gefährdend«, sagt ABBA-Mitstreiterin Doris Weiss. Heute schon werde kreuz und quer geparkt. Parkplätze würden weit weg von den Wohnungen gesucht, sodass Anwohner in ihren Zufahrten behindert und durch Lärm belästigt werden. Mehr Besucherparkplätze als bisher lautet deshalb eine Forderung, 50 statt 18, im und nicht an der Peripherie zum Areal.

Diesem Wunsch entspricht die neue Vorlage für den Gemeinderat zwar teilweise, allerdings nach ABBA-Meinung viel zu wenig und an der falschen Stelle. Die Pläne sehen nämlich vor, die meisten der Bewohner-Autos von der Hans-Reyhing-Straße und von der Peter-Rosegger-Straße in Tiefgaragen unterzubringen und die Oberfläche den Fußgängern zu überlassen. Falsch, sagen die Anwohner. Nicht nur kleine Wege, sondern Fahrstraßen sollten das Bihler Areal durchkreuzen, weil links und rechts davon auch Parkplätze entstehen würden.

Verdichtung bedeutet im schlechtesten Fall auch weniger Luft zum Atmen. Davor haben die Anwohner Angst und wollen als Ausgleich mehr Grünflächen, als die bisherige Planung ausweist. Die Verdichtungen am Georgenberg führten bereits jetzt zu einer Verschlechterung des Luftaustausches und der Luftqualität. Zudem müsse die Anordnung der Gebäude nochmals überdacht werden (quer und versetzt), um die Luftströme vom Georgenberg nicht auszubremsen.

ABBA-Mitstreiter Hartmut Ebke, Anwohner der Peter-Rosegger-Straße, sieht in der aktuellen Planung ein generelles Problem der Stadt Reutlingen. »Wir sehen an diesem Beispiel, dass jeder Hinweis auf vergleichbare Flächen abgeschmettert wird. Uns fehlt ein Gesamtkonzept und der Wille, vergleichbare Areale in der Stadt einzubeziehen und die Folgen zu bedenken.«

So etwa beim Thema Verkehr: Die Stellungnahme der Stadt, wonach die prognostizierte Verkehrszunahme nicht von planerischer Relevanz sei, hält Ebke für unbefriedigend. Was fehle, sei eine Infrastruktur, die den Ab- und Zufluss der neuen Verkehrsmengen erlaube. Ebenso beim Kanalnetz, für das Fachbehörden eine Überlastung prognostizierten. Antwort der Stadt: »Kenntnisnahme.«

Nachbarschaftsabend

Wie sind die Preise für die Wohnungen? Die Quadratmeterpreise liegen bei 3 800 bis 4 200 Euro. Wann werden die Gärtnereigebäude abgebrochen? Über die Wintermonate 2017/2018.Wann und an welcher Stelle wird mit dem Bau begonnen? Baubeginn mit Abschnitt C (mittlerer Bereich) ist Jahresmitte 2018. Wie lange dauert die Baustelle? Insgesamt zwei Jahre. Sind die Wohnungskäufer Eigennutzer oder Kapitalanleger? Außer den öffentlich geförderten Wohnungen (20 Prozent) werden alles Eigennutzer sein. Wird der ÖPNV verändert? Ja. Ein neues Buskonzept kommt im Sommer 2019. Linie 8 und 81 fahren im 20-Minuten-Takt. Wie werden die neuen Häuser beheizt? Mit Fernwärme. (GEA)

Nachher: Ein Modell zeigt die geplante, massive Bebauung des Bihler-Areals. FOTO: SV
Nachher: Ein Modell zeigt die geplante, massive Bebauung des Bihler-Areals. FOTO: SV

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