Stadtentwicklung - Die Sanierung von Laubenganghäusern in der Heilbronner Straße bekommt Lob von allen Seiten

Projekt mit Modellcharakter

VON ANDREAS DÖRR

REUTLINGEN. Es ist ein Projekt mit Modellcharakter, »etwas ganz Besonderes«, sagte Bürgermeister Robert Hahn: Im Mittelpunkt stehen 83 Wohnungen in zweistöckigen Laubenganghäusern in der Heilbronner Straße in Orschel-Hagen, in denen vorwiegend Senioren lebten und immer noch leben, weil die Sanierung der Häuser noch nicht abgeschlossen ist.

Zwei Reihen sind bislang renoviert. Zwei fehlen noch (im Bild hinten links). Kostenpunkt: drei Millionen Euro. FOTO: TRINKHAUS
Zwei Reihen sind bislang renoviert. Zwei fehlen noch (im Bild hinten links). Kostenpunkt: drei Millionen Euro. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Die Mieter sind im Durchschnitt 73 Jahre alt. Ihre Wohnungen entsprachen nur einfachsten Standards. Ziel war es, sie durch Unterkünfte zu ersetzen, die den energetischen und bautechnischen Anforderungen von heute genügen und deren Mieten bezahlbar bleiben.

Wären die Laubenganghäuser abgerissen und neu gebaut worden, hätten viele Senioren umziehen müssen, weil sie sich die gestiegenen Quadratmeterpreise nicht mehr hätten leisten können. Stattdessen wurde ein alternatives Modell entwickelt, das dem »lebenslaufgerechten, barrierearmen und generationsgemischten Wohnen Priorität (…) gibt«, sagte Professor Dr. Alfred Ruther-Mehlis, Leiter des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule Nürtingen-Geislingen (IfSR).

Wie dieser Prozess abgelaufen ist, und welche Ergebnisse erzielt wurden, erläuterten Vertreter der oben genannten Institutionen am Dienstagabend im Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss.

»Die gesamte Sanierung dürfte Ende des Jahres abgeschlossen sein«
 

Neben dem IfSR haben sich das städtische Sozialamt respektive die Abteilung für Ältere, das Amt für Stadtentwicklung und Vermessung, die Wohnungsgesellschaft Reutlingen (GWG), der Landkreis, Mitglieder der Interessengemeinschaft einkaufen und leben in Orschel-Hagen (Igeloh) sowie Bewohner von GWG-Wohnungen in der Heilbronner Straße und deren Nachbarn an einen Tisch gesetzt, um diesem Wohngebiet eine neue Struktur zu geben.

Dass das IfSR ins Boot geholt werden konnte, ist einem »Impulsprogramm« des Landes zu verdanken, das 30 000 Euro zuschoss. Die gesamte Sanierung beläuft sich auf etwa drei Millionen Euro, sagte auf GEA-Nachfrage Klaus Kessler, technischer Geschäftsführer der GWG.

Zentrale Anliegen waren unter anderem ein »sozialverträglicher, transparenter und wirtschaftlich tragfähiger Entwicklungsprozess«; soziale Netzwerke zu erhalten; die Neubebauung an Zielgruppen zu orientieren; den Rückbau und die Sanierung abschnittsweise über die Bühne zu bringen; den Senioren durch die sanierten Wohnungen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wichtig war allen Beteiligten vor allem, Anregungen von Quartierbewohnern in die Auslobung einzuarbeiten und Vorschläge zu berücksichtigen, bevor die Entwürfe vorlagen.

Eine große Herausforderung für alle am Projekt Beteiligten war die Unterbringung der Bewohner während der Sanierungsphase. Weil aber die Wohnungen nicht alle gleichzeitig auf Vordermann gebracht wurden, sondern abschnittsweise, konnten die Senioren während der Bauphase beispielsweise in GWG-Wohnungen im Wimpfener Weg oder im Berliner Ring ziehen. Wenn die gesamte Sanierung abgeschlossen ist – »dies dürfte Ende des Jahres der Fall sein«, sagte Projektleiter Jürgen Röhm, Leiter der GWG-Bestandsverwaltung – werden rund 50 Ein- beziehungsweise Zweizimmerwohnungen mit 33 und 44 Quadratmetern entstanden sein.

Dass die ursprünglich angestrebte Kaltmiete von 4,50 Euro nicht gehalten werden konnte, habe an »allgemeinen Baukostensteigerungen« gelegen, sagte Jürgen Röhm. Der Quadratmeterpreis liege heute bei 6,50 Euro – und damit deutlich unter dem, der fällig geworden wäre, hätte man die Häuser »plattgemacht«, sagte Robert Hahn. Dann wäre die Kaltmiete auf etwa 11,50 Euro geschnellt.

»Niemand ist gegangen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte«
 

»Die, die bleiben wollten, sind geblieben«, sagte Cornelia Karl, Leiterin der Abteilung für Ältere und Initiatorin des Projekts. »Ein Drittel ist ausgezogen, zu Verwandten, in neue Wohngebiete oder in Pflegeheime«, konkretisierte Friedricke Hohloch, ihre Stellvertreterin. »Aber niemand ist gegangen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten kann.«

Der zweite Abschnitt des Projektes betrifft die an die Laubenganghäuser angrenzenden eingeschossigen Reihenhäuser mit 25 Wohneinheiten. Sie werden abgerissen und sollen durch familiengerechten, preisgünstigen und generationenübergreifenden Wohnraum mit bis zu fünf Zimmern ersetzt werden. Kosten hier: etwa acht Millionen Euro.

Alle Fraktionen lobten am Dienstag das Projekt. Von einem »deutlichen Zeichen dafür, wie es gehen kann«, sprach Ute Beckmann (»WiR«), von einem »beispielhaften Prozess« Karin Villforth (CDU). Und Gabi Janz (Grüne) nannte die frühzeitige Beteiligung der Bürger »gewinnbringend«. Sebastian Weigle (SPD) regte an, die Erfahrungen aus diesem Projekt auch auf andere Quartiere in Reutlingen zu übertragen.

Die Idee, diejenigen ins Boot zu holen, die es betrifft – nämlich Bewohner und Anwohner – sei im Grunde »banal«, sagte Kurt Gugel (FWV).

Das wollte er nicht als Kritik verstanden wissen, sondern als Hinweis darauf, wie einfach es manchmal ist, ein gutes Ergebnis zu erzielen, wenn alle an einem Strang ziehen (siehe Kommentar auf Seite 11). (GEA)

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