Reutlingen
Bildung - Werkrealschulen sind in aller Munde, Berufsfachschulen nicht: Auch sie führen zum mittleren Abschluss

Berufsfachschulen: Praxisnähe als großes Plus

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Die Bildungslandschaft bebt. Mit Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung und mit Einführung von Werkreal- und Gemeinschaftsschulen geht momentan ein regelrechter Ruck durchs Ländle, der für erhebliche Unruhe sorgt: bei Eltern und Kindern einerseits, andererseits aber auch bei Pädagogen. Und das um so mehr, als die Zukunft des baden-württembergischen Schulwesens - Stand heute - unkalkulierbar erscheint. Wird es demnächst einen Run auf die Realschulen geben? Oder auf die Gymnasien? Können sich die neuen Werkrealschulen behaupten oder sind sie - nicht zuletzt mit Blick auf generell rückläufige Schülerzahlen - von Schwindsucht bedroht?

In Reutlingens Berufsfachschulen wird nicht bloß gehirnt, sondern auch zugepackt. Praxisbezüge werden großgeschrieben. FOTOS: PRLeiten die vier Beruflichen Schulen (von links): Rolf König, Horst Kern, Hilde Haist-Huber und Hans-Joachim Stark. FOTO: NIETHAMMER
In Reutlingens Berufsfachschulen wird nicht bloß gehirnt, sondern auch zugepackt. Praxisbezüge werden großgeschrieben. FOTOS: PRLeiten die vier Beruflichen Schulen (von links): Rolf König, Horst Kern, Hilde Haist-Huber und Hans-Joachim Stark. FOTO: Markus Niethammer

Traditionelle Scharnierfunktion

Diese und etliche weitere Fragen und Unwägbarkeiten sind's, die die Gemüter derzeit erhitzen. Wiewohl die öffentliche Debatte eigentümlicherweise einen wichtigen Spross der Bildungslandschaft nahezu totschweigt: die Beruflichen Schulen. Eigentümlich ist das deshalb, weil diese im etablierten dreigliederigen System traditionell eine Art Scharnierfunktion übernehmen und jungen Leuten die Möglichkeit eröffnen, verpasste Abschlüsse nachzuholen.

Insbesondere um die zweijährigen Berufsfachschulen (2BFS), die von der Politik bislang so gerne als »Königsweg zum mittleren Abschluss« bejubelt wurden, ist es verdächtig still geworden. Und das, obschon sich dieser Schultypus regen Zulaufs erfreut, wie Statistiken nahelegen, wonach aktuell (regional schwankend) zwischen 50 und 70 Prozent aller Hauptschüler mit Erhalt ihrer Abgangszeugnisse auf eine 2BFS wechseln, um sich dortselbst fit für den Arbeitsmarkt zu machen.



Höhere Ansprüche

Der nämlich hat, wie die vier Rektoren von Reutlingens Beruflichen Schulen unisono sagen, binnen der zurückliegenden Jahre seine Ansprüche an Ausbildungsplatzsuchende spürbar nach oben korrigiert. Ob in Industrie oder Wirtschaft - ohne Mittlere Reife geht heutzutage fast nichts mehr.

»Die Anforderungen sind klar gestiegen«, sagt Horst Kern, Leiter der Theodor-Heuss-Schule. Eine Beobachtung, die von seinen Amtskollegen Hilde Haist-Huber, Hans-Joachim Stark und Rolf König, Rektoren der Laura-Schradin-, Kerschensteiner- und Ferdinand-von-Steinbeis-Schule geteilt wird.

Aus ihrer Sicht sind Werkreal- und Gemeinschaftsschulen ein bildungspolitischer Reflex auf die von Arbeitgeberseite formulierten Erwartungen an Lehrstellenbewerber. Gleichzeitig stellen sie aber auch eine Bedrohung für die klassischen Berufsfachschulen dar, die mit ihren Angeboten exakt jene Jugendlichen ansprechen, die nunmehr auf Werkrealschulen (WRS) zur »Reife« gelangen können - so sie sich denn auf ein zehntes Schuljahr einlassen.

Jedoch: Inhaltlich trennen WRS und BFS Welten, verhalten sich die beiden Bildungseinrichtungen zueinander wie Apfel und Birne. Denn abgesehen davon, dass die Berufsfachschule ihren Absolventen zwei Jahre und nicht bloß eines gewährt, um die nächste Sprosse der Bildungsleiter zu erklimmen, verfolgt sie außerdem einen betont praxisorientierten Ansatz - in schulinternen Werkstätten und im Zuge von Betriebspraktika. Oder anders ausgedrückt: Die zweijährige BFS gibt ihren Absolventen neben dem mittleren Bildungsabschluss auch berufliche Basisqualifikationen an die Hand. Letztere, heißt es, erweisen sich nicht selten als Schlüssel fürs Tor zum Erwerbsleben.

Dass die 2BFS ein Erfolgsmodell ist, gilt als unstrittig. Ob sie indes bald zum Auslaufmodell mutieren wird - das bleibt abzuwarten. Denn noch sind die Anmeldefristen für das Schuljahr 2012/13 nicht verstrichen, lässt sich kein klarer Trend prognostizieren.

Fairer Wettbewerb

Außerdem sind die Reutlinger Berufsschulen allen Unsicherheiten zum Trotz weit davon entfernt, Abschiedsgesänge anzustimmen. Statt dessen blasen sie zur Informationsoffensive - um möglichst viele potenzielle Schüler auf sich und ihre Angebote aufmerksam zu machen. Wobei es ihnen nicht darum geht, Konkurrenzdruck zu den Werkrealschulen aufzubauen, sondern vielmehr darum, mit diesen in einen fairen Wettbewerb zu treten. Doch fruchten die Anstrengungen tatsächlich? Kommen sie bei denen an, deretwegen Aufklärungs-Kampagnen überhaupt organisiert werden?

Jein. Denn viele junge Leute müssen offenbar regelrecht zum Jagen getragen werden. Horst Kern spricht in diesem Zusammenhang von »Bring- und Holschuld« und davon, dass Schüler die ihnen offerierten Orientierungshilfen oft gar nicht oder nur halbherzig zur Kenntnis nehmen.

Zielführender, so sein Eindruck, sei es, wenn sich Eltern gemeinsam mit ihren Sprösslingen auf die Suche nach gangbaren Wegen in die Zukunft machen. Im Reutlinger Berufsschulzentrum könnten sie - zumal wenn es sich um gute Hauptschulabgänger handelt - dabei fündig werden. Sei's im Profil Wirtschaft, Bau- oder Farbtechnik, sei's im Bereich Kfz- und Elektrotechnik oder in den Sparten Ernährung beziehungsweise Hauswirtschaft. (GEA)



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