Reutlingen
Vortragsabend - Sich rüsten statt entrüsten: Pro Familia informiert über den Pornografie-Konsum Jugendlicher

Pornos und Jugendliche: Kick per Klick

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Das Thema ist delikat, schambehaftet ist es ebenfalls und: ausgesprochen wichtig. Ganz so dramatisch, wie es in den überregionalen Medien zuweilen dargestellt wird, ist es indes nicht. Wenngleich Berichte über die »Generation Porno« oder die »sexualisierte Jugend« zweifellos Aufreger-Qualitäten haben. Sie empören, besorgen - keine Frage. Aber sie überzeichnen auch, wie man in der Reutlinger und Tübinger Zweigstelle von Pro Familia weiß.

Nicht verteufeln, sondern wissen und verstehen sollten Eltern und Pädagogen, was Jugendliche am Computer treiben. Dass es häufig Pornos sind, die sie angegucken, ist bei Pro-Familia Reutlingen/Tübingen bekannt. FOTO: NIETHAMMER
Nicht verteufeln, sondern wissen und verstehen sollten Eltern und Pädagogen, was Jugendliche am Computer treiben. Dass es häufig Pornos sind, die sie angegucken, ist bei Pro-Familia Reutlingen/Tübingen bekannt. FOTO: Markus Niethammer
Hier, wo Psychologen, Pädagogen und Ärzte buchstäblich und regelmäßig mit Minderjährigen zu schaffen haben, sieht man das Ganze entspannter, vor allem aber deutlich differenzierter. Dass Teenager ob des Konsums freizügiger Filme und Fotografien gleich reihenweise der sexuellen Verwahrlosung anheimfallen, das können Gudrun Schäfer, Clemens Zeller, Roland Riedl und Elisabeth Walter jedenfalls nicht bestätigen. Was sie hingegen bestätigen können ist, dass sich Pornografie bei Heranwachsenden großer Beliebtheit erfreut.

»Von sexueller Verwahrlosung bemerken wir derzeit nichts«
 

Insbesondere halbwüchsige Jungs stehen aufs textilfreie Genre. Und da das Internet rund um die Uhr und oft genug kostenlos nackte Tatsachen präsentiert, nimmt es nicht Wunder, dass sich neugierige junge Leute hier den Kick per Klick abholen. Um so lieber als es im weltweiten Netz keine nennenswerten Hemmschwellen zu überwinden gilt und somit die roten Ohren beim Erwerb einschlägiger Magazine im Handel längst der Vergangenheit angehören.



Entdeckten Mütter oder Väter weiland die »Schmuddel«-Heftchen ihrer Söhne eher zufällig beim Großreinemachen unter Matratzen oder in den hintersten Winkeln des Kleiderschranks, werden sie heute auf solcherlei Print-Produkte kaum mehr stoßen. Denn die digitale Pornografie blüht. Und wenn Mutter respektive Vater nur das Jugendzimmer, nicht aber die Festplatte »putzt«, dann - ja, was eigentlich?

Dann bleiben (peinliche) Gespräche aus. Dann geben Eltern jedoch auch ein Stück Erziehungs-Verantwortung aus der Hand und verschließen die Augen vor der Realität. Einer Realität, die, wie Reutlingens und Tübingens Pro-Familia-Berater beobachten, sogar schon Kinder erreicht hat. »In den Grundschulklassen«, haben sie festgestellt, »geht es vereinzelt los.« Und mit 17 oder 18 Jahren empfinden Teenager von heute Pornos vielfach bereits als langweilig. Dazwischen nutzen sie die Zur-Schau-Stellung nackten Fleisches und Geschlechtsverkehrs - wenn's gut läuft - sozusagen zur Fortbildung. Wenn's hingegen schlecht läuft, entwickeln sie womöglich völlig falsche Vorstellungen von Lust und Liebe. Stichwort: Gewalt-Pornografie.

»So gesehen ist es auch auf diesem Gebiet gut, wenn Eltern ihren Kindern einen Schritt voraus sind«, sagt Diplom-Psychologe Clemens Zeller, der deshalb zusammen mit seinen Pro-Familia-Kollegen und der Reutlinger Volkshochschule einen etwas anderen Eltern-Abend vorbereitet hat. Überschrieben ist er mit »Pornografie und Sexualpädagogik«, wendet sich an Mütter und Väter, Erzieher und Lehrer und will diese umfassend über das weite Feld der Pornografie im Internet informieren.

Vorgestellt werden populäre Kostenlos-Sites wie beispielsweise »youporn« und »hamster«, um nur zwei der angesagten »Quellen«, die auf den regionalen Pausenhöfen bekichert werden, zu nennen. Gezeigt wird aber auch ein von Sexual-Pädagogen viel beachtetes und gelobtes Filmprojekt aus Wuppertal mit dem provokanten Titel »Geiler Scheiß«, bei dem 18- bis 20-Jährige zu Wort kommen, die frank und frei über ihre Jugend-Erfahrungen mit Pornos Auskunft geben.

Rückblickend erzählen sie, wann, wo und wie sie mit einschlägigen Trailern, Videos und Fotografien in Kontakt kamen, was sie bei deren Betrachtung empfanden und wie sie heute dazu stehen. Was Letzteres betrifft, sind die Aussagen der Teenies von einst übrigens verblüffend deckungsgleich mit dem, was die Pro-Familia-Berater aus Reutlingen und Tübingen von jungen Leuten zu hören bekommen.

»Es ist gut, wenn auch hier Eltern ihren Kindern einen Schritt voraus sind«
 

Etwa das Eingeständnis der Jungs, blankes Fleisch erregend zu finden, derweil Mädchen sich in der Voyeurinnen-Rolle eher unbehaglich fühlen, Pornos aber grundsätzlich akzeptieren und mithin eine liberale Haltung an den Tag legen. Außerdem fühlen sich beide Geschlechter - und das ist die positive Nachricht - durch Sex-Filme und Co. keinesfalls zur Promiskuität animiert. Werte wie Treue und Vertrauen stehen bei Teens und Twens nämlich hoch im Kurs. Oder mit Diplom-Pädagogin Gudrun Schäfer gesprochen: »Von sexueller Verwahrlosung, wie sie bisweilen befürchtet wird, bemerken wir derzeit nichts.«

Trotzdem: Pornografie ist etwas, dem sich Eltern und Pädagogen stellen sollten - auch, um die rechtliche Situation (Jugendschutz) zu kennen, die beim Info-Abend in der Reutlinger Volkshochschule natürlich ebenfalls beleuchtet wird. Denn Pro Familia möchte, dass sich Eltern und Erzieher im Falle eines Falles nicht einfach bloß entrüsten, sondern dass sie zum Besten der Kinder und Jugendlichen gerüstet sind - für ein delikates, schambehaftetes und wichtiges Thema, das sich im pädagogischen Spannungsfeld von Vertrauen, Kontrolle und Verboten bewegt. (GEA)

Infoabend "Pornografie"


Zu einem etwas anderen »Elternabend« laden Berater von Pro Familia für Donnerstag, 17. November, um 20 Uhr in den Saal der Volkshochschule (Spendhausstraße) ein. Unter dem Titel »Pornografie und Sexualpädagogik« wollen Psychologen und Pädagogen über den Umgang junger Menschen mit nackten Tatsachen, über einschlägige Web- Sites, seelische Auswirkungen und rechtliche Grundlagen Auskunft geben. Angesprochen sind insbesondere Eltern, Lehrer und Erzieher. (ekü)

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