Pflegenotstand - Schlechte Bezahlung, ausufernde Dokumentationspflicht: Bewerbungen bleiben aus
Pflegenotstand: »Die Personaldecke ist zu dünn«
Von Norbert Leister
KREIS REUTLINGEN. Nicht nur in den Krankenhäusern erweist sich die Stimmung unter den Pflegenden als schlecht, in Alten- und Behinderteneinrichtungen ist der Pflegenotstand schon lange Realität. Katrin Altpeter weiß das sehr genau, sie hat selbst mal als Pflegefachkraft angefangen: »Wir müssen Pflegeberufe attraktiver machen, die Arbeitsbelastung und die Arbeitszeit muss neu geregelt werden«, sagt sie als heutige Landes-Sozialministerin Anfang Dezember in einem Interview im Reutlinger General-Anzeiger.
Die Pflegeberufe sollen wieder attraktiver werden. FOTO: MEV
Wie sonst solle eine 17-Jährige sich für den Pflegeberuf entscheiden, »wenn sie zwölf Tage am Stück arbeiten muss und dazu noch jedes zweite Wochenende«, fragt Altpeter. »Und Pflegekräfte müssen wegen der gestiegenen Belastung besser bezahlt werden als bisher.« Wie das finanziert werden soll, behält sie jedoch für sich.
Dafür spricht Kurt Haas, Geschäftsführer der Diakoniestation Reutlingen, Klartext: Auch bei ihm im ambulanten Pflegedienst herrscht Personalnotstand, »wenn bei uns jemand ausfällt, habe ich keinen Ersatz«.
Dem stimmt auch Oliver Maier, Geschäftsführer der Diakonie-Sozialstation in Metzingen zu: »Die Personaldecke ist ganz einfach zu dünn.« Gerne würde Haas zusätzlich jemand einstellen, allerdings fehle ihm das Geld dazu. Und selbst, wenn er mehr Geld hätte, »neues Personal zu finden, ist fast aussichtslos, weil wir keine Bewerbungen kriegen«.
Auch Kurt Haas führt die mangelnde Attraktivität der Pflegeberufe auf die schlechten Rahmenbedingungen zurück. Die schlechte Bezahlung ist ein Teil davon, die ausufernde Dokumentationspflicht ein weiterer: »Das ist manchmal von den Kassen reine Schikane und nicht mal einheitlich«, sagt er. Was aber sollte geändert werden?
Wie die Sozialministerin betont der Reutlinger, dass der Berufsstand mehr Wertschätzung erfahren und besser bezahlt werden müsste. »Ein großes Problem ist auch im ambulanten Dienst der Zeitdruck.« Grundsätzlich werde »das Thema Krankheit, Alter und Tod verdrängt«. Und deshalb habe der Pflegeberuf keine Lobby.
Anderes Selbstverständnis
Barbara Steiner, Leiterin der Altenhilfe bei der Bruderhaus-Diakonie in Reutlingen, sagt: »Den Pflegenotstand gibt es jetzt schon, jeder wartet, dass in Berlin was passiert.« Sie geht aber nicht davon aus, dass künftig mehr Geld in der Pflege zur Verfügung stehen wird. Ihre Forderung: »Das Zusammenspiel von Ehrenamt und Angehörigen, mit anderen Berufsgruppen muss gefördert werden.«
Ob dann aber nicht die bisherigen Mitarbeiter in Alten- und Behinderteneinrichtungen rein auf die Pflege reduziert, zu »Pflegerobotern« würden, wie die vom GEA befragten Alltagsbegleiterinnen Ute K. und Petra M. (vergl. unten stehenden Artikel) befürchten?
»Es braucht ein anderes Selbstverständnis dieser Berufe, man muss den Wert der körperlichen Pflege hervorheben«, sagt Barbara Steiner. »Und wir brauchen neue Kooperationsmodelle.« Etwa »in Spitzenzeiten« mit ambulanten Pflegediensten in stationären Einrichtungen. »Die Denke« in Alten- und Behinderteneinrichtungen müsse sich ändern, meint sie. (GEA)
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