Hygiene - Heute ist der erste Internationale Tag der Patientensicherheit. Gespräch mit den Hygiene-Chefs am Klinikum

Patientensicherheit: Was das Reutlinger Klinikum tut

VON ELKE SCHÄLE-SCHMITT

REUTLINGEN. Zunächst bricht Dr. Dieter Mühlbayer eine Lanze für Kleinstlebewesen, die – oft reißerisch als »Killerkeime« bezeichnet – seit einiger Zeit in den Medien Furore machen. »Bakterien sind an sich nichts Schlimmes«, erläutert der Chef des Instituts für Labordiagnostik und Krankenhaushygiene an den Kreiskliniken. »Sie sind in uns, auf uns, wir brauchen sie. Neugeborene Tiere sind in einer sterilen Umgebung auf Dauer nicht lebensfähig.«

Dr. Dieter Mühlbayer und Dr. Brigitte Lorek-Held zeigen im Labor die richtige Händedesinfektion, das »schöne« Bakterium Pseudomonas aeruginosa sowie die Reaktion von Erregern auf verschiedene Antibiotika: je kleiner der »Hemmhof« um das Antibiotikaplättchen, umso geringer die Wirksamkeit des Mittels (links von unten nach oben). FOTOMONTAGE: ELS
Dr. Dieter Mühlbayer und Dr. Brigitte Lorek-Held zeigen im Labor die richtige Händedesinfektion, das »schöne« Bakterium Pseudomonas aeruginosa sowie die Reaktion von Erregern auf verschiedene Antibiotika: je kleiner der »Hemmhof« um das Antibiotikaplättchen, umso geringer die Wirksamkeit des Mittels (links von unten nach oben). FOTOMONTAGE: ELS
Mühlbayers Kollegin, die Mikrobiologin Dr. Brigitte Lorek-Held, kann sich für manche Einzellerstämme im Labor richtig begeistern. Für das Bakterium Pseudomonas aeruginosa zum Beispiel, das auf dem roten Nährboden aus Hammelblut metallisch schimmert und nach Lindenblüten duftet. Gleichwohl ist es ein bedeutender Krankenhauskeim, dem die Krankenhaushygienikerin und Chefarzt Mühlbayer den Kampf angesagt haben, ebenso wie zahlreichen weiteren Keimen.

Nicht aggressiver als andere

Eine besondere Herausforderung stellen dabei die multiresistenten Erreger (MRE) dar – Bakterien, die eine Unempfindlichkeit gegen verschiedene Antibiotika entwickelt haben. »Doch auch die sind, entgegen landläufiger Auffassung, nicht aggressiver als andere Erreger«, erklärt Mühlbayer. »Es ist für uns Ärzte bloß schwieriger, dagegen vorzugehen.« Und Lorek-Held ergänzt: »Den multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA), einen der weitverbreitetsten Keime, haben zwei bis drei Prozent der Menschen in der Nase, ohne es zu merken.«

Dass MRSA im Krankenhaus Probleme macht, liegt zum einen daran, dass das Immunsystem von Patienten häufig geschwächt ist. Zum anderen schaffen Diagnostik und Therapie »unnatürliche« Eintrittspforten, etwa durch Infusionskanülen oder Operationsschnitte. Außerdem ist das Übertragungsrisiko überall dort besonders hoch, wo viele anfällige Menschen beisammen sind.

Dass die Bakterien überhaupt »gelernt« haben, sich gegen Antibiotika zu behaupten, hat mehrere Gründe. »Die Mittel wurden und werden zu häufig verordnet, oft nicht lange genug eingenommen und sind durch den Einsatz in der Massentierhaltung in die Nahrungskette gelangt«, zählt Mühlbayer einige Faktoren auf. »Auch Globalisierung und Ferntourismus tragen zur Verbreitung der Keime bei.«

Angst hat er dennoch nicht vor den multiresistenten Erregern. »Angst ist ein ganz schlechter Kompagnon«, meint er. Besser sei es, die Herausforderung anzunehmen, jeden Problemfall – wie den in Kiel Ende vergangenen Jahres – zu analysieren und das eigene System ständig zu überprüfen. Das kostet allerdings Geld, und man benötigt genügend Fachpersonal, das nicht überwiegend mit Schreibkram befasst sein darf.

Über Sparzwänge und ausufernde Bürokratie in der heutigen Medizin klagen beide Ärzte gleichermaßen. Dennoch funktioniere die Hygiene im Reutlinger Krankenhaus gut, bislang hat man hier jedenfalls keinen MRE-Todesfall zu beklagen.

Das ist vor allem der organisatorischen Grundstruktur geschuldet: Labor und Hygiene sind am Steinenberg eng verknüpft. »Diagnostische Befunde gehen an die Station und zugleich an die Hygienefachkräfte«, erklärt Mühlbayer. So können Gefahren schneller erkannt und gebannt werden.

Darüber hinaus gibt es ein breites Maßnahmenspektrum: von den überall aufgestellten Handdesinfektionsspendern über die regelmäßige Schulung sämtlicher Mitarbeiter oder das Erstellen von Risikoprofilen bei der Patientenaufnahme bis zu Abklatschproben, die Hygienefachkräfte unangekündigt nehmen, um zu schauen, ob Türklinken, Nachttische oder Ultraschallköpfe nicht von ungebetenen Gästen besiedelt sind.

Kein abgeschlossener Kosmos

In der unlängst komplett umgebauten Zentralsterilisation werden OP-Bestecke und Instrumente mit allermodernsten Geräten gereinigt. Aber: »Das Krankenhaus ist kein abgeschlossener Kosmos«, sagt Mühlbayer. »Die Keime werden von außen hereingetragen. Deshalb funktioniert Hygiene nur im Zusammenspiel von Patienten, Personal und Angehörigen.« So kommen vernünftige Angehörige nicht zu fünft, sondern einzeln zu Besuch – oder gar nicht, wenn sie Durchfall oder die Oma im Pflegeheim besucht haben, wo gerade Rotaviren umgehen.

Am heutigen ersten Internationalen Tag der Patientensicherheit beteiligt sich die Steinenberg-Klinik, um die Bürger über solche Dinge aufzuklären, aber auch um die gute Hygienearbeit vorzustellen: »Wir haben alles und können alles und wollen es auch präsentieren«, sagt Dr. Dieter Mühlbayer. (GEA)

Infos zum Sicherheitstag


Unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe veranstaltet das Aktionsbündnis Patientensicherheit heute den 1. Internationalen Tag der Patientensicherheit. In der Eingangshalle des Klinikums am Steinenberg gibt es dazu von 13 bis 16 Uhr einen Infostand, an dem Besuchern und Patienten unter anderem die richtige Händedesinfektion gezeigt wird. Das Ergebnis kann unter UV-Licht kontrolliert werden. (els)

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