Beschäftigungsgesellschaft - Pro Labore wird 25 und braucht dringend einen »neuen« gebrauchten Lkw

Ohne Laster keine Aufträge für Pro Labore

VON NORBERT LEISTER

REUTLINGEN. Dringend braucht Pro Labore zwei neue Fahrzeuge, darunter einen Lkw. Der alte hält die Abgasnorm nicht ein, »wir sind aber auf das Fahrzeug angewiesen«, sagt Manfred König, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH. Einige Aufträge könnten nicht erfüllt werden ohne das Fahrzeug. Und wenn Aufträge wegbrächen, bedeute das auch weniger Geld in der Kasse. Dabei ist die soziale Beschäftigungsgesellschaft, die am Freitag, 16. Oktober, um 14 Uhr ihr 25-jähriges Bestehen feiert, ohnehin schon knapp bei Kasse.

Neuer Lkw gesucht: Pro-Labore-Geschäftsführer Manfred König schaut aus dem Fahrerhaus des alten ? und blickt nach vorn. FOTO: LEISTER
Neuer Lkw gesucht: Pro-Labore-Geschäftsführer Manfred König schaut aus dem Fahrerhaus des alten – und blickt nach vorn. FOTO: LEISTER
Ohne Königs Künste, bei Stiftungen doch immer noch irgendwelche Mittel lockerzumachen, hätte Pro Labore schon längst in die Insolvenz gehen müssen. So wie viele andere ähnliche Unternehmen.

»Wir hoffen auf Spenden für den Lkw«, sagt König. »Mit 15 000 bis 20 000 Euro wäre uns schon geholfen.« Doch das ist nur ein Teil des Problems: Nachdem die Mittel für Langzeitarbeitslose vor ein paar Jahren drastisch gekürzt wurden, ging es Pro Labore finanziell gewaltig an den Kragen.

Seitdem hat sich Manfred König mit dem sozialen Handwerksbetrieb auf die Ausbildung jugendlicher Langzeitarbeitsloser spezialisiert. So ganz jung sind die meisten aber gar nicht mehr: »Ein Azubi ist 39 Jahre, alle anderen sind älter als 20.« Umschulungsmaßnahme nennt sich das nun, bezahlt werden aber vom Jobcenter maximal zwei Jahre.

»Wir wollten arbeitslosen Jugendlichen eine Chance geben, die sonst keine haben«
 

Ausgehend von drei oder dreieinhalb Jahren Ausbildung, heißt das: »Wir müssen also in kürzerer Zeit benachteiligte Menschen zur Prüfung bringen«, so König. »Wir versuchen, das mit sehr viel sozialpädagogischer Unterstützung zu bewältigen.« Meistens klappt das auch, in den letzten 15 Jahren waren es 60 Jugendliche, die bei Pro Labore ausgebildet wurden, und mehr als 600 Langzeitarbeitslose sind dort für den ersten Arbeitsmarkt qualifiziert worden.

Die Anfänge des sozialen Beschäfti-gungsträgers Pro Labore gehen aber nicht etwa auf einen Handwerksbetrieb zurück, sondern auf frühere Mitarbeiter bei Pro Juventa: Hans-Peter Häußermann und eben Manfred König. »Wir wollten arbeitslosen Jugendlichen eine Chance geben, die sonst keine Chance hatten«, sagt König. Jugendliche sollten qualifiziert werden, »Ausbildung war anfangs kein Thema«.

Ein Schreiner wurde gefunden, Räumlichkeiten in der Wiesstraße gemietet, König und Häußermann übernahmen ehrenamtlich die Leitung der Firma. Nachdem Pro Labore und Pro Juventa getrennte Wege gingen, wurde mit Unterstützung des Freundeskreises für Jugend und Erwachsenenhilfe sowie dem Paritätischen Landesverband der Mor-gensternschul-Lehrer Ulrich Lemke als Betriebsleiter gewonnen. »Er brachte die Idee mit, Maler und Zimmerer einzustellen und in Richtung Ausbildung zu gehen«, so Manfred König heute.

Damals gab es noch richtig gute Unterstützung durch das Arbeitsamt und das Land: 1 000 Mark pro Platz und Monat für die Betreuung sowie 100 Prozent Lohnkostenzuschuss. Diese goldenen Zeiten sind lange vorbei, sogenannte Regiekosten für die zusätzliche Betreuung werden vom Jobcenter nur noch in geringer Höhe bezahlt. Ein weiterer Unterschied: »Damals mussten wir durch Aufträge 30 Prozent erwirtschaften, den Rest für die langzeitarbeitslosen Menschen kriegten wir vom Arbeitsamt, Sozialamt, Europäischen Sozialfonds und weiteren Geldgebern«, sagt König.

Die ganz große Wende im negativen Sinn kam mit Hartz IV. »Das war die pure Katastrophe für Langzeitarbeitslose mit schwierigem Zugang zum Arbeitsmarkt.« Die 100-prozentige Übernahme von Lohnkostenzuschüssen wurde gestrichen, stattdessen die Ein-Euro-Jobs eingeführt. Und heute? »Wir müssen 60 Prozent selbst erwirtschaften und kriegen maximal 40 Prozent Zuschüsse«. 400 000 Euro muss der Sozialpädagoge König jährlich herbeischaffen, durch Aufträge, durch Spenden, Fördermittel vom Europäischen Sozialfonds oder von Stiftungen. Jedes Jahr wieder sei das ein Drahtseilakt, »ob das Geld reicht, wissen wir nie.«

»Ich würde am liebsten mit Asylbewerben ihre eigenen Unterkünfte bauen«
 

1995 zog das Unternehmen dann nach Betzingen, an den heutigen Standort, um. Die Werkstatthalle ist riesig, »die brauchten wir damals, weil wir Holzhäuser bauen wollten«. In Richtung Degerschlacht stehen zwei solcher Pro- Labore-Reihenhäuser, der Gedanke dahinter war, dass langzeitarbeitslose Menschen die Häuser selbst bauen sollten und dann dort einziehen.

Das wurde auch so gemacht, doch »kurz darauf ist der soziale Wohnungsbau eingestellt worden«. Was sich heute radikal rächt, doch Pro Labore könnte die Produktion wieder aufnehmen. »Ich würde am liebsten mit Asylbewerbern ihre eigenen Unterkünfte bauen«, bekundet König – fehlt nur noch der entsprechende Auftrag von Stadt oder Kreis.

Vor 25 Jahren hatten andere Handwerksbetriebe im Bereich Maler, Schreiner und Zimmerer durchaus Bedenken, dass Pro Labore ihnen unlautere Konkurrenz machen würde. Doch die Fördergelder, die der soziale Beschäftigungsträger erhielt, wurden nicht etwa in günstigere Angebote umgesetzt, sondern in die zusätzliche Betreuung der nicht ganz so einfachen Jugendlichen gesteckt.

»Die Azubis kriegten schon immer eine sehr intensive und individuelle Betreuung«, betont König. Und wenn die Jugendlichen mal wieder nicht zur Arbeit kommen, wird hinterher telefoniert, den Ursachen für das Wegbleiben auf den Grund gegangen. »Und es erfordert viel Fingerspitzengefühl von den Meistern, mit den Jugendlichen umzugehen.« Nein, sagt König. Ein ganz normaler Ausbildungsbetrieb sei Pro Labore beileibe nicht.

»Wir wurden schon immer tätig, wo die größten Missstände waren«
 

Heute sind 16 Auszubildende beziehungsweise Umschüler in dem Unternehmen in Betzingen. Neun Langzeitarbeitslose werden als Ein-Euro-Jobber beschäftigt, zudem können Flüchtlinge Praktika bei Pro Labore machen. »Und spezielle Sprachkurse für Flüchtlinge geben wir auch noch.« Schließlich brauche es auf der Baustelle ein gewisses Vokabular, das man ansonsten nicht lerne.

»Wir wurden schon immer tätig, wo die größten Missstände waren«, sagt Manfred König nicht ganz ohne Stolz. Aber am Geld fehlt es ganz einfach an allen Ecken und Enden. Das Gebäude in der Rainlenstraße müsste eigentlich auch dringend saniert werden – aber die entsprechenden Mittel fehlen.

Dem Pro-Labore-Geschäftsführer ging es immer mehr um die Menschen, »um Personenkreise, die keine Chance haben«. Eines verstehe er an der Politik und dem Umgang mit Langzeitarbeitslosen aber bis heute nicht: »Die Leute arbeitslos zu lassen ist immer teurer, als sie mit Unterstützung wieder in Lohn und Brot zu bringen.« (GEA)

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