LEUTE - Der Urvater aller Suchtkranken-Freundeskreise wird heute 85 Jahre alt. Anstoßen wird Karl Votteler mit Selters
Nur sein Humor ist nicht trocken
Von Heike Krüger
REUTLINGEN. Karl Votteler ist seit 56 Jahren trocken. Sein Humor ist es nicht. Denn wenn der Urvater aller bundesdeutschen Suchtkranken-Freundeskreise lacht, dann äußerst ansteckend. In solchen Momenten leuchten seine vom Alter geschwächten Augen, die stets den Blickkontakt suchen. Der Mann, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, das spürt man sofort, schätzt das klare Wort. Er sagt, was er denkt, ist jemand, der sich vom Schicksal nicht hat in die Knie zwingen lassen: ein Mensch mit Prinzipien, denen er seit Jahrzehnten die Treue hält.
Karl und Ruth Votteler sind Pioniere in der Begleitung alkoholkranker Menschen. Er feiert heute seinen 85. Geburtstag.
FOTO: Jürgen Meyer
Die hält er auch seiner Frau Ruth. Dieses Jahres werden die Eheleute eiserne Hochzeit feiern. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, wie sie übereinstimmend sagen. Denn wäre da nicht jener Trauspruch gewesen, der sie seit ihrer Hochzeit anno 1947 dazu auffordert, des anderen Last zu tragen - wahrscheinlich wäre der Lebensbund frühzeitig zerbrochen. Um präzise zu sein: in den 1950ern, den »neun schlechten Jahren«, die sich als harte Zerreißprobe ins Gedächtnis von Karl und Ruth Votteler gegraben haben.
»Alkohol kommt uns nicht über die Türschwelle«
Damals sprach der jetzt 85-Jährige dem Alkohol im Übermaß zu, hatte die Kontrolle über sein Trinkverhalten verloren. Heute würde man ihn deshalb als alkoholkrank bezeichnen. Dereinst war die Medizin aber noch nicht so weit. Die Gesellschaft auch nicht. Wer regelmäßig ein oder mehrere Gläser über den Durst trank, galt als pflichtvergessener Hallodri. Der wurde gemieden, dem sagte man Zügellosigkeit nach. Mitleid kannten Nachbarn und Bekannte allenfalls für Frau und Kinder, oft genug aber nicht einmal für sie.
Und Hoffnung auf Hilfe? Die verhießen eine Dekade nach Ende des Zweiten Weltkriegs deutschlandweit nur zwei Einrichtungen. Eine davon nennt sich »Haus Burgwald«. Im Mühltal gelegen, beherbergte es den suchtkranken Karl Votteler für die Dauer von fünf Monaten.
1956 war's, als er hier Unterstützung suchte und fand - »weil ich mir gesagt hatte, dass mit dem Alkohol ein für alle Mal Schluss sein muss«. Hinzu kam der Druck, den Ehefrau Ruth ausübte, indem sie ihren Karl an seine Verantwortung erinnerte. Denn zu diesem Zeitpunkt zählte die Familie bereits vier Köpfe. Insbesondere die Kinder brauchten ihren Vater - und zwar nüchtern, leistungsfähig.
Der hatte den »Kameraden Alkohol« im Krieg kennengelernt: als »junger Schnösel« bei der Marine, der U-Boot-Flotte. 1945 kam er in französische Gefangenschaft, 1946 nach Hause - in Begleitung besagten »Kameradens«. Weitere Details über Nazi-Terror und Weltkriegserleben möchte der Altersjubilar presseöffentlich nicht äußern. Nur so viel gibt er preis: dass er seinem Vorgesetzten immer wieder die Pulle zum Mund hatte führen müssen -
Zehn Jahre später. Karl Votteler, mittlerweile Malermeister im elterlichen Traditionsbetrieb, bezieht ein Zimmer in »Haus Burgwald«. Das Therapiezentrum hat sich auf alkoholkranke Männer spezialisiert. Hier sollte der 29-Jährige zur Abstinenz und zum Glauben finden. Denn geistlicher Beistand gehörte weiland zum Konzept der Heilstätte, die ihre Patienten mit zwei zentralen Fragen des Lebens konfrontierte - »wer bin ich und wie soll meine Zukunft ausschauen?«
Die Antworten, die der »Schnösel« von einst für sich fand, bieten Stoff für ein dickleibiges Buch. Sie begleiten ihn bis heute. »Trocken« wollte der Patient Votteler bleiben und anderen Alkoholikern den Weg in ein promillefreies Leben weisen. So sie diesen denn aus freien Stücken beschreiten mochten. »Erzwingen lässt sich nämlich gar nichts.«
Nun, Nachkriegsdeutschland hatte viele Betroffene - vor allem Kriegsheimkehrer -, die an Trunksucht litten. Erst waren es zwei, drei Anfragen, die Karl Votteler erreichten. Dann immer mehr. »Wie«, wollten die Hilfesuchenden wissen, lässt sich das Ruder rumreißen? Votteler erklärte es ihnen: daheim in seinen eigenen vier Wänden, wo der Grundstein für alle deutschen Suchtkranken-Freundeskreise gelegt wurde.
»Erzwingen lässt sich nämlich gar nichts«
Bald schon schloss sich den Reutlingern - Gattin Ruth unterstützte die Aufklärungsarbeit von Anfang an nach Kräften - ein Ehepaar aus Backnang an. Man gab sich den Namen »Verein ehemaliger Burgwäldler« und taufte sich wenig später in »Freundeskreis der Abstinenzler« um. Fortan ging es Schlag auf Schlag. Ruth und Karl Votteler reisten quer durch die Republik. »Von Flensburg bis Friedrichshafen« warben sie für die gute Sache, halfen weitere Freundeskreise zu gründen und holten 1961 mit der »Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Alkoholnot« professionelle Berater mit ins Boot. Kurz: Sie betrieben das, was man neudeutsch als Networking bezeichnet, und trugen ihren Teil dazu bei, dass der Alkoholismus 1969 offiziell als Krankheit anerkannt wurde.
Inzwischen umfasst allein der baden-württembergische Landesverband 120 Freundeskreise, in denen sich insgesamt 700 ehrenamtliche Helfer engagieren. Diese kümmern sich bei regelmäßigen Treffen um nahezu 3 500 Alkohol-, Spiel-, Arznei- und Drogenabhängige, von denen heute kaum mehr einer weiß, dass der erste Gruppenabend dieser Art in einem Reutlinger Wohnzimmer stattgefunden hat.
Letzteres atmet gutbürgerliche Gemütlichkeit und birgt hohe Auszeichnungen. 1981 wurde Karl Votteler für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, 1991 das Kronenkreuz der Diakonie und 2006 die Stauffermedaille, mit der auch Ruth Votteler geehrt wurde. Beide freuen sich über die Anerkennung. Weit mehr freut sie indes, dass der Alkohol ihre Familie nicht zerstören konnte.
Das 65-jährige Ehejubiläum, das am 10. Mai gefeiert wird, empfinden die Senioren als Geschenk. Den heutigen 85. Geburtstag von Karl Votteler ebenfalls. Begangen wird er familiär - mit Kindern, Kindeskindern und Urenkeln, aber ohne Promille. »Alkohol kommt uns nicht über die Türschwelle.« (GEA)
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