Jubiläum - Fünfzigste Prunksitzung der Ersten Reutlinger Karneval-Gesellschaft: Vier Stunden volles Programm
Nur die Tortur fiel wieder aus
VON INGEBORG RÖTHEMEYER
REUTLINGEN. Wenn Guggenmusik durch die Listhalle scheppert und dröhnt, wenn die Röckchen der Gardemädchen fliegen und die Schandele liebenswert tapsig ihren Traditionstanz darbieten, wenn der Saal kocht und die närrischen Gäste ausflippen, dann ist er erreicht, der Höhepunkt der Reutlinger Fastnacht.
Das bunte Programm auf der Bühne animierte den ganzen Saal zum Tanzen.
FOTO: Uschi Pacher
Bei der fünfzigsten Prunksitzung der Ersten Reutlinger Karneval-Gesellschaft erwartete heuer ein vierstündiges non-stop Potpourri aus Stimmungsmusik, akrobatischen Tanznummern, fetzigen Showtänzen und deftigen Wortbeiträgen die teils kostümierten Reutlinger Narren in der Listhalle.
Schnee verschreckte Narren
Um die 400 bis 500 Gäste tummelten sich im Saal, schätzte Ralph Keck, Präsident der KG und charmanter Moderator des Abends. Dass einige Tische im Saal leer blieben, mag wohl am schneereichen Winterwetter gelegen haben.
Heiße Rhythmen sorgten indessen in der im Programm sogenannten »Lusthalle« für ausgelassene Stimmung. Nach schaurigen, Nebel umwallten Showtänzen dunkler Kreaturen und Hexenweiber ging die Stimmung erst richtig los bei fetziger Musik der Lumpenkapelle Sickenhausen sowie der Fanfarenband Blau-Weiß aus Sindelfingen. Ausgelassene Promenaden zogen durch den Saal, an den Tischen wurde geschunkelt und geklatscht. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen.
Dann ging die Party richtig ab. Mit deutschen Schlagern animierte Gastsängerin Julia Laskin Hunderte von Tanzenden auf der Bühne und im Saal.
Besonders sportlich-akrobatische Tänze boten die blaue Kindergarde, die Rote Garde, die Prinzengarde sowie die Tanzmariechen. Ein echter Augenschmaus.
Die Lachmuskeln wurden bei heiteren Wortbeiträgen reichlich strapaziert. Clown Jogi (Jürgen Merz, Unterelchinger CV) verpackte seine heiter-philosophierende Botschaft musikalisch. Scharf wie ein Skalpell dann die süffisanten Diagnosen von Frau »Dr. Eisenbart« (Traudl Vogel, Ulm).
Kompromisslos plädierte sie für die Notschlachtung von Scharlatanen in Politik und Gesundheitswesen. Schonungslos an den Pranger stellte sie gar die Reutlinger Verantwortlichen für Verschwendungssucht, Stadthallenbau und Haushaltsloch.
Dies vielleicht als kleiner Tipp für den Männerverein, wo mal wieder ein »freiwilliges« Opfer für das traditionelle »Gautschen« zu finden wäre, von dem die Gruppe Achalmgautscher ihren Namen ableitet. Die mittelalterliche »Tortur« eines prominenten »Übeltäters« auf dem großen Holzrad - in früheren Jahren ein traditioneller Programmpunkt der Prunksitzung - fiel in diesem Jahr wieder aus. Zu brav seien sie wohl gewesen, die Reutlinger, so ein Mitglied des Elferrats.
Mit umso mehr Spannung erwartet wurde die Verleihung des Ordens für Frohsinn und Geselligkeit. Der großen Frage, wer des Ordens würdig ist, gingen die Headhunter des Männervereins nach.
Orden für Wolfgang Epp
In der Industrie- und Handelskammer (IHK) wurden sie fündig. Dr. Wolfgang Epp ist in der Tat der geeignete Mann mit Humor sowie karnevalistischer Vergangenheit als Elferrat in Augsburg. »Diplomatie ist seine besondere Gabe«, lobte Michael Frank in seiner gereimten Laudatio den Auserwählten.
Und der Vorstand des Männervereins setzte noch eins drauf: »Auch die Narren haben einen Platz in seinem Herzen.«
Flankiert von zwei knackigen Mädchen der Prinzengarde betrat der Kandidat die Bühne. Sein karnevalistisches Markenzeichen: die überdimensionale bunt gewürfelte Fliege. Mit lieblichen Küssen und dem begehrten Orden beglückte ihn die charmante Fastnachts-Prinzessin Jacqueline I..
Unverzüglich gab er darauf eine Kostprobe seines Humors. In launigen Schüttelreimen konnte er selbst dem finsteren Thema Wirtschaftskrise noch humorvolle Seiten abgewinnen. Das Publikum animierte er, kräftig einzustimmen in den Refrain »mit Frohsinn und Geselligkeit!«.
Sichtlich überrascht nahm Präsident Ralph Keck im weiteren Verlauf der Jubiläumssitzung den wertvollen Gminderorden entgegen.
Nach seinem Austritt aus dem Gremium gab der langjährige ehemalige Elferrat Gerd Michaelsen den vor etwa einem halben Jahrhundert vom Fabrikanten Willi Gminder gestifteten seltenen Orden zurück. Michaelsen ließ die Auszeichnung durch seinen Bruder überreichen.
Zu später Stunde eroberte dann die »Guggemusig Trubadix« (Wädenswil) den Saal. Bei schrägem Getöse und Getrommel hielt es nur ganz noch vereinzelte »Faschingsmuffel« auf ihren Stühlen.
Ein Augenschmaus noch dazu war die bunte Truppe in Plüschkostümen in Bonbonfarben. Schunkelnd, Arm in Arm, losgelöst vom Alltag feierte das närrische Volk alle Mitwirkenden im großen farbenfrohen Finale. (GEA)
Fasnet
FOTO: Uschi Pacher