Arbeitslosigkeit - Diskussion mit Beate Müller-Gemmeke über Langzeitarbeitslosigkeit und Integration von Flüchtlingen

Nichtbeschäftigung ist Sprengstoff

VON NORBERT LEISTER

REUTLINGEN. Die Zahlen in Reutlingen seien eigentlich gut, betonte Wilhelm Schreyeck als Geschäftsführer der hiesigen Agentur für Arbeit. Ein Rückgang von 14,6 Prozent bei den Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum April 2016. Allerdings dürfe man aufgrund von wechselnden Zuständigkeiten für Arbeitslose zwischen Jobcenter und Agentur für Arbeit diese Zahl nicht so ganz für bare Münze nehmen.

FOTO: Norbert Leister
Lasse man diesen Wechsel unberücksichtigt, ergebe sich aber immer noch ein Rückgang von rund 7 Prozent - ein durchaus guter Wert, so Schreyeck.Und dennoch stimmten die Anwesenden im Wahlbüro der Grünen kein frohes Lied an: Den Vertretern der sozialen Beschäftigungsträger wie ProLabore, DaCapo, der Bruderhaus-Diakonie, Ridaf, der Caritas oder auch Beate Müller-Gemmeke sowie der Leitung von Jobcenter und Arbeitsagentur war nämlich gar nicht zum Singen zumute: »Immer noch gibt es eine gleichbleibend hohe Quote von rund einer halben Million Langzeitarbeitsloser, an denen jegliche Maßnahmen und Förderungen vorbeigehen«, so die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Müller-Gemmeke.

Ausstattung verbessert

Und das, obwohl laut Schreyeck die finanzielle Ausstattung des Jobcenters sich seit 2015 deutlich verbessert habe, »auch dieses Jahr wieder wird es ausreichend Mittel geben, um Maßnahmen zu finanzieren«. Dem stimmt Andreas Bauer als Kreissozialdezernent zu: »Über Jahre hinweg waren alle Jobcenter bundesweit unterfinanziert - das ist jetzt vorbei.« 2015 seien 4,2 Millionen Euro für »Eingliederungstitel« zur Verfügung gestellt worden, dieses Jahr könnten 7,7 Millionen Euro abgerufen werden, um Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit herauszuholen, betonte der Reutlinger Chef der Agentur für Arbeit. Das Problem liege also momentan nicht bei »der Finanzausstattung, sondern vielmehr bei den Kapazitäten der Beschäftigungs- und Bildungsträger«, so Schreyeck. Dem stimmte Thomas Wied vom Ausbildungsverband der Bruderhaus-Diakonie zu: Im Moment gestalte es sich extrem schwierig, Sozialpädagogen zu finden, die jene Maßnahmen überhaupt anbieten und durchführen könnten. Dabei sei genau dieser Punkt sehr wichtig, wie Müller-Gemmeke betonte: »Es geht ja bei Langzeitarbeitslosen erst mal um soziale Integration, um sie wieder langsam an eine Beschäftigung heranzuführen.« Sven Parylak von der Caritas bestätigte das: »Ohne Betreuung durch Sozialpädagogen geht da gar nichts.«Hinzu komme laut Erika Holstein als Leiterin des Jobcenter Reutlingen ein anderes Problem: »Die strengen gesetzliche Vorgaben der Wettbewerbsneutralität sind ein großes Hindernis für die Beschäftigungsträger.« Und das bedeutet, dass Langzeitarbeitslose keine Tätigkeit durchführen dürfen, mit denen sie anderen Betrieben und Firmen eventuell Konkurrenz machen könnten. »Wenn sie nicht produktiv arbeiten dürfen, bleibt eigentlich nur, dass diese Beschäftigten bei uns den Hof kehren«, hatte Manfred König von ProLabore einst gesagt. »Manche der Langzeitarbeitslosen sind durch diese Vorgaben eingeschränkter als jemand, der in Behindertenwerkstätten seit Jahren Maschinen bedient«, sagte auch Holstein. »Und diese Tendenz wird durch die Digitalisierung noch verstärkt«, so Beate Müller-Gemmeke. Hinzu komme die Integration der Geflüchteten: Es sei eine Illusion, zu glauben, dass Flüchtlinge schnell im Ersten Arbeitsmarkt ankommen würden, sagte Wilhelm Schreyeck.

Nur die Hälfte kommt unter

Die Experten seien sicher, dass in fünf bis sieben Jahren gerade mal die Hälfte aller Flüchtlinge eine Arbeit finden werde, die Integration bei den anderen 50 Prozent werde zwischen 12 und 15 Jahren dauern. »Wir haben ja vom Analphabeten bis zum Zahnarzt alles«, ergänzte Erika Holstein.Aber, so führten Wied und König unisono aus: »Wir haben ein Drei-Module-Modell entwickelt, nach dem in der ersten Stufe Langzeitarbeitslose wie auch Geflüchtete aktiviert werden.« Im zweiten Schritt sollen berufliche Grundlagen vermittelt werden, das dritte Modul stehe dann für eine Umschulung. Und das Beste: Das Jobcenter finanziere dieses Modell. »Grundsätzlich ist Nicht-Beschäftigung immer sozialer Sprengstoff - egal, ob bei Langzeitarbeitslosigkeit oder bei Geflüchteten«, so Wied.Gleichzeitig würden aber unterschiedliche Branchen auch unterschiedlich nachgefragt - »im Handel etwa kommen kaum Flüchtlinge an«, sagte Christoph Kauffmann von DaCapo. Die Gründe dafür? Das Sprachproblem sei eines, »aber auch der Wunsch, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen«. Das liege wiederum oft daran, »dass ein unheimlicher Druck auf den Geflüchteten liegt, weil sie Schulden bei den Schleppern haben«, sagte Kreissozialdezernent Bauer. Problematisch sei aber auch, dass Flüchtlingen zugesagt wurde, sie könnten hier eine Ausbildung machen und danach mindestens zwei Jahre bleiben - und dann würden sie doch während der Ausbildung abgeschoben, berichtete Müller-Gemmeke. Das verunsichere nicht nur die Geflüchteten, sondern auch die Wirtschaft. (GEA)

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