REUTLINGEN. Ende 2012 soll es so weit sein. Und wenn Barbara Bosch - vorbehaltlich ihrer Wiederwahl in eineinhalb Jahren - dann von der Bühne des großen Konzertsaals aus die neue Reutlinger Stadthalle eröffnet, gehen ihre Erinnerungen vielleicht zurück an den gestrigen 6. November 2009, als sie exakt an derselben Stelle, aber noch auf einer provisorischen und deutlich kleineren Bühne auf dem ehemaligen Bruderhausgelände ausrief: »Heute ist ein guter Tag für unsere Stadt, heute ist der Spatenstich für unsere Stadthalle.«
Auch die Zahl der Festgäste und Zuhörer könnte sich dann gleichen: Knapp eineinhalb Tausend Besucher sollen bei Konzertbestuhlung im großen Saal Platz finden, »deutlich über tausend« Menschen feierten gestern nach Schätzungen des städtischen Presseamts den symbolischen Baubeginn mit.
Vom baden-württembergischen Wirtschaftsminister Ernst Pfister wurden sie dann auch vor den prominenten Ehrengästen als Allererste gegrüßt: die Reutlinger Bürger. Denn sie seien es, die von der Stadthalle als neuem Kristallisationspunkt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens profitierten, und sie, die Steuerzahler, seien es auch, so der Minister ehrlichkeitshalber, die das Bauwerk finanzierten.
Auch in der Krise konsequent
OB Bosch ging in ihrer Ansprache auf den bereits vor über 80 Jahren gehegten Reutlinger Wunsch nach dem »Bau eines Volkshauses mit Konzertsaal« ein und schlug die Brücke ins 21. Jahrhundert: »Wir wagen die Zukunft und verwirklichen einen Traum, den Generationen von Reutlingern geträumt haben.« Das Projekt sei lang, intensiv und kontrovers diskutiert worden, aber »irgendwann sind der Worte genug gewechselt, sind die Dinge entscheidungsreif und wollen tatkräftig angepackt werden«. Und die Reutlinger seien bekannt dafür, so die Oberbürgermeisterin, dass sie auch in schwierigen Zeiten konsequent ihren Weg verfolgten.
Viele hätten nicht geglaubt, dass »wir in der Finanz- und Wirtschaftskrise die Kraft und den Mut finden, die neue Halle auf den Weg zu bringen« - aber sie nicht zu bauen, oder den Bau zu verschieben wäre »unverantwortlich«, meinte Barbara Bosch. Nicht nur, aber auch »weil der Großteil der sieben Millionen Euro in den Sand« gesetzt würde, die in die Planungen und bereits vergebene Aufträge geflossen seien. Und eine »vergleichbare Summe« aus den Fördertöpfen von Bund und Land bekomme Reutlingen »zum erheblichen Teil nur dann, wenn die Halle jetzt gebaut wird«.
Ernst Pfister empfand es nach eigenem Bekunden als »so etwas wie Balsam« für die zurzeit mitunter geschundene Seele eines Wirtschaftsministers, dabei sein zu können, wenn in Reutlingen mit einer Investition in die Zukunft ein »deutliches Zeichen« gesetzt, ja ein »neues Kapitel aufgeschlagen« werde. Die langen Diskussionen im Vorfeld hätten sich gelohnt, so der Minister, »das Ergebnis ist entscheidend«.
In den letzten Jahren habe das Land die Reutlinger Stadtentwicklung mit 36 Millionen Euro bezuschusst, und man wisse mittlerweile, so Pfister, dass »jeder Euro ein achtfaches Investitionsvolumen« auslöse.
Dann griffen die dafür auserwählten Honoratioren, elf an der Zahl, zu ebenso vielen Spaten. Alle Gemeinderatsfraktionen packten mit an - nur die Grünen hatten sich geweigert: »Wir sparen uns den Jubel!«, formulierten die Stadthallengegner in einer Zeitungsanzeige. (GEA)
Stadthallen-Splitter
Risiko: Ausgerechnet dreizehn Spaten waren für die prominenten Helfer vorbereitet, die gestern Nachmittag symbolisch damit beginnen sollten, die Baugrube für die neue Stadthalle auszuheben. OB Barbara Bosch hatte kein Problembewusstsein: »Ich bin überhaupt nicht abergläubisch.« Letztendlich waren es dann ohnehin doch nur elf Bauarbeiter, die in den Sand stachen: Der Bundestagsabgeordnete Ernst-Reinhard Beck musste wegen einer dringenderen Verpflichtung passen, Regierungspräsident Hermann Strampfer war zwar präsent, überließ das Graben aber dem anderen Landesvertreter, Minister Pfister.
Handarbeit: Dass die OB eigentlich lieber baggert als mit dem Spaten sticht, war beim jüngsten »ersten Baggerbiss« zum neuen Sickenhäuser Feuerwehrhaus nicht zu verkennen. Bei der Stadthalle habe man allerdings zum Ausdruck bringen wollen, dass das Projekt von Vielen getragen werde - und dreizehn Baggerfahrer, das wäre einfach zu viel des Guten gewesen. Anfängliche Überlegungen, statt der Spaten Stemmhammer auszugeben, um den Asphalt aufzubrechen, der die künftige Baugrube noch bedeckt, scheiterten an der Logistik: »Wir hatten nicht so viele«, begründete Projektleiter Klaus Kessler die Entscheidung, dann doch lieber etwas Sand zum drin Buddeln aufzuhäufen und es bei der Muskelkraft zu belassen.
Timing: Das Bläserensemble der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, das die Spatenstich-Feier musikalisch einleitete, nutzte die Chance, auf der provisorischen Stadthallen-Bühne nicht nur ein, zwei Stücke zu spielen, sondern gleich ein kleines Konzert zu geben. Dass das den Zeitplan etwas verschob, hatte auch sein Gutes - denn so schafften es noch rechtzeitig zum Spatenstich ein paar Sonnenstrahlen durch die graue Wolkendecke. Auch der Hohner Handharmonika- und Akkordeonclub (HHC) Reutlingen und - später im Festzelt - das Jugendblasorchester der Musikschule trugen zum Gelingen der Feier bei.
Sparzwang: Nicht nur der Ohren-, auch der Gaumenschmaus war »ein Beitrag von Vereinen und Bürgern unserer Stadt«, wie Barbara Bosch betonte, »und belastet die Stadtkasse nicht«. Das Bauarbeitervesper (Leberkäswecken, Bier und alkoholfreie Getränke), das im Zelt kostenlos ausgegeben wurde, kam von großzügigen Sponsoren. (rh)