Schmotziger Doschtig - »Mut zum Hut« und »Jamaika«: Narren stürmen in Reutlingen Rathaus und Landratsamt

Narren stürmen in Reutlingen Rathaus und Landratsamt

VON ANDREA GLITZ UND GISELA SÄMANN

REUTLINGEN. Hart umkämpft waren am gestrigen Donnerstag Reutlinger Rathaus und Landratsamt.

FOTO: Markus Niethammer
Am Reutlinger Marktplatz machte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch einmal mehr deutlich, wie sehr sie an der Macht hängt. Nachdem Vertreter der Narrenzünfte die Luftballonbarriere zum Ratsgebäude überrannt hatten, wollte die OB den Schlüssel zum Rathaus zunächst partout nicht aus den Händen geben - doch das Reutlinger Prinzenpaar, Marco I. von der Echazburg und ihre Lieblichkeit Prinzessin Carolin I. vom Drackenberg, war mit vereinten Kräften stärker. Der Strom der Narren flutete das Foyer. Die Musiker der Albra-Gugga sorgten mit ihrer schmissigen Musik dafür, dass die Trauer über die Invasion schnell verflog.

»Mut zum Hut« hatte die OB dieses Jahr als Devise für ihre Mannschaft ausgegeben. Von Zylinderträgern bis hin zu Fliegen-Pilzköpfen war die Vielfalt groß. Stadtentwickler Stefan Dvorak überragte dabei alle. Sein Haupt zierte ein Modell des »Stuttgarter Tors«.

Im Schlagabtausch mit dem Zunftmeister der Schandele, Daniel Vogel, hatte die Rathauschefin den Narren noch unverhohlen gedroht: Man werde sie in den Scheibengipfelstollen sperren. Das Gartentor werde abgerissen, ein Hochhaus erstellt (was man in Reutlingen durchaus ernst nehmen muss). Bosch kündigte auch an, den Narrenverkehr in der Stadt empfindlich einzuschränken. Reutlingen brauche weniger, nicht mehr Verkehr, sonst drohten Fahrverbote. Sie kündigte zur Lösung der Schadstoffprobleme auch an, eine Seilbahn zwischen Marienkirche und dem neuen Hochhaus zu installieren.

Mädels als Sturmspitze

Obwohl die Anwürfe des Zunftmeisters vergleichsweise zahm ausfielen, war das Rathaus dem Narren-Ansturm letztlich nicht gewachsen. Wobei die OB sogleich süffisant anmerkte, dass die kleinen Nachwuchs-Närrinnen vorangeschickt wurden.

Prinz Marco machte sich, nachdem der Schlüssel in seinen Händen lag, sogleich an die Arbeit und erließ eine Reihe von Anordnungen: unter anderem die Untertunnelung der Lederstraße, um das Verkehrschaos perfekt zu machen, und eine Fetthennenzucht im Großen Sitzungssaal zur Verbesserung des Klimas im Gemeinderat.

Im Landratsamt hatte Thomas Reumann sich und den Seinen ein chilliges Jamaika-Outfit verpasst: Kokett schüttelte er die Rasta-Zöpfchen (»Jetzt weiß ich endlich, wie sich die Mädels fühlen«). Vor dem Tor belauerten ihn die Genkinger Scheiterhau-Hexa; noch waren nicht genügend von ihnen eingetroffen, um das Verwaltungsteam zu überrennen. Zeit für den Landrat, noch rasch was zu erledigen. Der Weg nach Jamaika, sagte er, führe ja bekanntlich über Bermuda. Damit im gleichnamigen Dreieck nicht demnächst sein bislang schön abgerundeter Landkreis verschwindet, bäppte Reumann auf einer Flipchart-Karte mit zwei großen Pflasterstreifen das Reutlinger Stadtgebiet und den großen Rest fest und für immer zusammen: »So, des wär g'schwätzt.«

Die Musik der Sonnenbühler Bärafezzer spülte das ganze Volk in den großen Sitzungssaal, wo es heftig mit »Jamaika« weiterging, politisch und unpolitisch. Die »Frechen Früchtchen« aus Huldstetten gaben ihren Senf dazu, die Unterhausener Juniorengarde tanzte und ein paar Gischbl-Weiber aus St. Johann führten ihren entmachteten Bürgermeister vor. Die Scheiterhau-Hexe Mirjam Rein hatte für den Landrat ein »Sonnenbühl-Jamaika-Denkhilfe-Geschenk«: Kaffee plus Zigarre und ein Stück Mooswand - damit der feinstaubige Rauch gleich weiß, wohin er sich verziehen muss.

Thomas Reumann belegte wortreich, dass der Landkreis Reutlingen das bessere Jamaika ist. Wer braucht Strand und Rum, wenn er Thermalbäder und Most hat? Dieter Stoll von der Sonnenbühler Karnevalsgesellschaft stellte fest, dass manche Kreisstraße ähnlich wellig ist wie das Karibische Meer. Er riet, aus Jamaika eine Portion Lockerheit zu importieren. Dann könne der Landrat im Liegestuhl regieren und der Kreistag am Lagerfeuer beraten, wo das gemeinsame Würstchenbraten »Frau BB« gewiss so gut gefallen werde, dass sie alle Stadtkreispläne glatt vergisst.

Reumann schummelt

Den Schlüssel zu seinem Amt hatte der Landrat nach all den launigen Worten aber immer noch. Man kam überein, dass er gegen ein Sonnenbühler Burgfräulein im Limbo-Tanzwettbewerb antreten muss: Wer gewinnt, kriegt den Schlüssel. Reumann schummelte elend, weshalb es nur recht und billig war, dass die Narren die Latte schließlich einfach runterschubsten, den Schlüssel einkassierten und verkündeten, nun die Caipi-Bar aufzusuchen, die ja zweifellos im Büro des Landrats zu finden sei. (GEA)






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Narren stürmen Rathaus und Landratsamt in Reutlingen

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Das Reutlinger Rathaus ist in Narrenhänden. FOTO: Markus Niethammer
 
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