Vesperkirche - Gestern war der Umbau vom Gotteshaus zum Gasthaus. In drei Stunden war alles geschafft

Nahrung für Leib, Seele und Geist

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Die Reutlinger Vesperkirche hat zwei Jahrzehnte hinter sich. Nach Meinung der Organisatoren ein guter Zeitpunkt, um Neues zu wagen. Wenn am kommenden Sonntag in der Nikolaikirche die 21. Auflage startet, wird den Besuchern eine veränderte Sitzordnung auffallen. Vielleicht auch, dass Ehrenamtliche die Gäste bedienen.

Foto: Pieth
Foto: Pieth
Ganz bestimmt aber, dass es keine Essensmarken mehr gibt, stattdessen aber Spendenkässchen auf den Tischen. Das Leitungsteam ist zuversichtlich, dass dadurch die Einnahmen nicht geschmälert werden. Schließlich ist und bleibt die Reutlinger Vesperkirche ein Hoffnungsprojekt, wie es Pfarrer i. R. Jörg Mutschler ausdrückt.

Gestern war der Tag des Umzugs und Umbaus. Morgens um 8 Uhr wurden Tische, Stühle und sonstiges Mobiliar in ihrem Lager in der Planie zusammengepackt, mit Mietbussen in die Nikolaikirche gekarrt, dort aufgestellt. Garderobe installieren, Cafeteria auf der Empore einrichten, die Wände verkleiden - innerhalb von drei Stunden hatte das rührige Ehrenamtsteam mithilfe von fünf tatkräftigen Syrern (»die waren geschickt«) das Gotteshaus in das »besondere Gasthaus« verwandelt, so Diakonie-Geschäftsführer Günter Klinger.

Reife Leistung

Eine reife Leistung, findet Jörg Mutschler. »Ich war beeindruckt, wie reibungslos dieses gut geölte Räderwerk ineinandergreift - jeder Bereich weiß, was er zu tun hat, das läuft wie geschmiert.« Kein Wunder, die Freiwilligen vom Leitungskreis kennen sich seit vielen Jahren und freuen sich immer, wenn's wieder losgeht.

Bei der 21. Auflage zum ersten Mal am kommenden Sonntag um 11 Uhr mit einem Gottesdienst, bei dem die »Vesperkirchen-Pfarrer« Jörg Mutschler und Ursula Göggelmann predigen und Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ein Grußwort spricht. Um 11.30 Uhr gibt's Essen, wie immer von der Bruderhaus-Diakonie geliefert - zum Auftakt ganz sonntagsfein mit Kalbsrahmbraten, Schupfnudeln, Gemüse, Fruchtjoghurt. An den darauffolgenden Tagen startet die Essensausgabe schon um 11 Uhr und geht bis 14 Uhr. Länger also als bisher, um das Gedränge um die 99 Plätze nicht allzu groß werden zu lassen.

Tische und Stühle wurden nicht nur aus diesem Grund völlig anders, nämlich viel »luftiger« angeordnet, so Jörg Mutschler. Schließlich sollen bei der 21. Auflage erstmals all diejenigen Gäste bedient werden, die aufgrund von Beeinträchtigungen nicht in der Warteschlange vor der Essenstheke stehen oder das Tablett durch die Menge jonglieren können. »Damit tragen wir der Tatsache Rechnung, dass die Gäste auch immer älter werden«, sagt Ursula Göggelmann. Und, so die Pfarrerin im Ruhestand: »Wir wollen sie als Gäste behandeln, nicht als Bittsteller.« Um »barrierefrei« bewirten zu können, so Jörg Mutschler, braucht's aber mehr Platz zwischen den Tischen.

Auch das Anstehen für eine Essensmarke fällt diesmal weg. Bisher zahlten Bedürftige einen Euro, Solidaresser 5,50 Euro. Pro Mahlzeit verlangt die Bruderhaus-Diakonie mit Anliefer- und Spülservice 6,33 Euro. Die Bezahlung rein auf Freiwilligenbasis ist in den meisten Vesperkirchen im Land bereits Usus. Die Reutlinger Organisatoren gehen davon aus, dass sie mit dem neuen Modell »ebenso gut rauskommen wie sonst«, so Jörg Mutschler.

Bisher waren nicht nur die Einnahmen - die Vesperkirche finanziert sich zum größten Teil über Spenden - eine verlässliche Größe, sondern auch das Engagement der freiwilligen Helfer. 250 Ehrenamtliche haben sich diesmal angemeldet. Sehr erfreulich findet es Günter Klinger, dass 60 bis 80 Neulinge dabei sind. »Das ist für uns wichtig, unsere Truppe wird ja auch nicht jünger.« Zunehmend schicken Firmen nicht nur ihre Auszubildenden, sondern auch Mitarbeiter. »Um soziale Kompetenz zu trainieren«, meint Mutschler.

Impuls um die Mittagszeit

Mit dabei in den Freiwilligenreihen sind auch diesmal wieder Friseure, Ärzte, Sozialberater. Sogar Massage wird angeboten. Die Vesperkirche, so der Pfarrer im Ruhestand, ist eben nicht nur »Nahrung für den Leib, sondern auch für Seele und Geist«. Apropos Geist: Die Mittagsandachten sind gestrichen. Ersetzt werden sie durch »geistliche Impulse«, die um 12 Uhr mit einer Klangschale eingeleitet werden. Sie sollen Atempause sein. Und, so Göggelmann: »Stille ist uns wichtig.«

Wie gehabt gibt es in der vierwöchigen Vesperkirchenzeit auch vier Kultur-Benefizveranstaltungen, die erste am 18. Januar um 19 Uhr mit dem Film »Vaya con dios«. Neu ist eine Hotline für Fragen, Anmeldungen oder Absagen. Eine Kuchenspende ist übrigens immer willkommen - auch ohne telefonische Ankündigung. (GEA)

0151 72683317

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