Projekt - Netzwerk Antidiskriminierung Region Reutlingen/Tübingen zieht Bilanz. Es fehlt nach wie vor ein Büro

Nachfrage nach Beratung steigt

VON ANDREAS DÖRR

REUTLINGEN. Ob es an der zunehmenden Bekanntheit des Vereins »Netzwerk Antidiskriminierung Region Reutlingen/Tübingen« liegt, dass mehr Beratungsanfragen eingehen, oder ob es tatsächlich mehr Fälle von Rassismus, sexuellen Übergriffen oder Beschwerden über religiöse oder weltanschauliche Diskriminierung gibt, kann Lutz Adam nicht sagen. Fakt ist, dass sich heute zwei bis drei Anrufer pro Woche Rat holen bei einer Organisation, die vor vier Jahren mit einem runden Tisch begann. »Früher hatten wir einen Fall pro Woche«, sagt Marjam Kashefipour aus dem fünfköpfigen Vorstand des Netzwerkes.Lutz Adam, Geschäftsführer des Stadtjugendrings und 2012 einer der Initiatoren des runden Tisches, aus dem das Netzwerk hervorgegangen ist, nennt eine professionelle Antidiskriminierungsarbeit für die Region Reutlingen und Tübingen als zentrales Ziel der Organisation. Zwei Beraterinnen und ein Berater bieten Einzelfallgespräche jenen an, die direkt oder indirekt von Diskriminierung betroffen sind: Menschen, die diskriminiert werden wegen ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihres Geschlechts oder wegen ihrer Weltanschauung; die Diskriminierung im Job – Stichwort Mobbing – oder von Behörden erleiden mussten; die beleidigt oder sexuell belästigt wurden oder die mangelnde Barrierefreiheit bemängeln.

Die Ratsuchenden kommen vorwiegend aus Reutlingen und Tübingen, aber auch aus Teilen Baden-Württembergs, in denen es keine Beratung gibt. In ungefähr der Hälfte der Fälle beschränke sich die Beratung auf den persönlichen Kontakt mit dem Ziel, die Betroffenen zu stärken, ihnen Mut zu machen, oft auch unter Einschaltung eines Betreuungsanwaltes, sagt Marjam Kashefipour. Zu einer Klage vor Gericht sei es allerdings noch nicht gekommen. »Viele können nach der Beratung, die kostenfrei ist, ihre Situation selbst klären.« Aber manchmal seien mehrere Treffen und eine ausführliche Recherche notwendig.

Neben einer Beratung nennt Lutz Adam drei weitere Säulen, auf denen der Verein steht. Durch Kurse, Workshops, Fachtagungen und Projekte sollen sich einerseits Fachkräfte im Bereich Antidiskriminierung fortbilden können. Andererseits wurde eine Zusammenarbeit mit zahlreichen Gruppen angestrebt. Von Diskriminierung Betroffene stärken sich so gegenseitig (Empowerment) und tanken Kraft im gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung.

Zuschuss aus Tübingen

Mit »Vernetzung« ist die vierte Säule überschrieben. Das Netzwerk besteht aus zahlreichen Trägern und Initiativen, die sich in Reutlingen und Tübingen je zweimal jährlich treffen. Es gibt Ideenwerkstätten, Informationsveranstaltungen für Mitarbeiter beispielsweise in der Migrationsberatung oder in Behinderteneinrichtungen. Darüber hinaus gibt es seit diesem Jahr eine Vereinbarung mit der Universität Tübingen und der Hochschule Reutlingen. Ziel ist es, eine Kooperation mit der Antidiskriminierungsberatung aufzubauen. Die lange Liste der Netzwerk-Partner reicht vom Diakonischen Werk Württemberg über die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung bis zum Kulturzentrum franz.K und dem »Mädchen-Treff«.

Seit Dezember 2013 wird das Netzwerk vom Land gefördert, seit 2015 auch von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Und die Stadt Tübingen schießt seit dem Haushaltsjahr 2016 jährlich 10 000 Euro zu – eine Summe, die die Netzwerk-Betreiber gerne auch von der Stadt Reutlingen hätten. »Wir haben mehrere Anträge zu den jeweiligen Doppelhaushalten gestellt. Jedes Mal wurden sie abgelehnt«, sagt Marjam Kashefipour. Ob im Doppelhaushalt 2016/2017 doch noch diese Summe eingestellt wird, hängt jetzt von den einzelnen Gemeinderatsfraktionen ab. »Wir haben mit allen gesprochen.« Weil sich der Verein finanziell von Projekt zu Projekt hangeln muss – nur dafür gibt es im Augenblick Zuschüsse – wird die Arbeit erschwert. Es fehlt ein Büro, das dauerhaft als Anlaufstelle dient. Zurzeit gehen die Treffen unter anderem im Haus der Jugend über die Bühne. Das gestrige Pressegespräch fand im Kaffeehäusle statt.

Bislang war die Bruderhaus-Diakonie Träger des Netzwerkes. Ab 1. Januar steht der Verein auf eigenen Beinen. »Die Bruderhaus-Diakonie war in der Anfangszeit immens wichtig«, sagt Lutz Adam. Jetzt sind Fäden geknüpft, die Arbeit hat mittlerweile professionellen Charakter. (GEA)





Das könnte Sie auch interessieren

Macron bringt Bewegung in die Libanon-Krise

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) empfängt den libanesischen Regierungschef Saad Hariri in Paris. Foto: Christophe Ena

Paris (dpa) - Der Dank für den französischen Präsi... mehr»

Seehofer: CSU will stabile Regierung

Berlin (dpa) - CSU-Chef Horst Seehofer hat sich vo... mehr»

Hariri will Libanon-Krise beruhigen

Der libanesische Premierminister Saad Hariri hatte vor zwei Wochen völlig überraschend seinen Rücktritt erklärt. Foto: Christophe Ena

Paris/Riad/Berlin (dpa) - Vor der angekündigten Rü... mehr»

Deutscher Weihnachtsmann besucht Väterchen Frost in Russland

Weliki Ustjug (dpa) - Ein deutscher Weihnachtsmann... mehr»

Gabriel sagt 20 Millionen Euro für Rohingya-Flüchtlinge zu

Cox's Basar (dpa) - Außenminister Sigmar Gabriel h... mehr»

Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen