Zeugen des Wandels - Wo einst die Druckerei der Ensslin & Laiblin KG stand, erstreckt sich heute die Kaiserpassage

Moderne auf traditionellem Grund

VON JÜRGEN KEMPF

REUTLINGEN. Ensslin & Laiblin, das war ein großer Name im deutschen Verlagswesen, die dazu gehörige Druckerei ein bedeutender Arbeitgeber in Reutlingen.

Ariane Hanfstein.
Ariane Hanfstein. FOTO: Markus Niethammer
Mit der Aufgabe der Druckerei und dem Verkauf des Geländes samt des Umzugs des Verlags nach Eningen, ging die Geschichte dieser traditionsreichen Firma Anfang der 70er-Jahre zumindest in Reutlingen zu Ende. Heute steht dort die Hauptstelle der Volksbank und breitet sich die Kaiserpassage aus. Nur das eigentliche Verlagshaus mit seiner schönen Freitreppe blieb erhalten.

Die Geschichte der Verlags Ensslin & Laiblin reicht bis zum Beginn des vorvergangenen Jahrhunderts zurück. Am 1. April 1818 gründete ihn Jacob Noah Ensslin mit der Wochenzeitschrift »Der Kinderfreund«. Diese Zeitschrift war die erste Publikation, die sich speziell nur an Kinder wandte. Sie enthielt kleine Geschichten mit erzieherischem Wert, Lieder und Gebete. 1837 nahm Ensslin seinen wohlhabenden Schwiegersohn Paul Herrmann Laiblin in das Geschäft auf. So bildete sich der Verlagsname Ensslin & Laiblin.

Dieser Name bekam so viel Gewicht, dass Christine Barbara Hebsaker, die den Verlag 1864 kaufte, darauf verzichtete, den Namen den neuen Besitzverhältnissen anzupassen. Sie erwarb 1875 auch das zwanzig Jahre zuvor gebaute Mäckensche Verlagshaus samt Druckerei an der Gartenstraße.

Im Laufe der Jahre nahm die Firma einen gewaltigen Aufschwung. Das Verlagsprogramm umfasste Ende des 19. Jahrhunderts bereits 1 393 Titel, darunter waren 835 Jugend- und Schulbücher. Der Sohn von Christine Barbara Hebsaker, Julius, übernahm zahlreiche auswärtige Verlage und erregte mit dem Neubau der Buchbinderei an der Kaiserstraße - eines der ersten größeren Stahlbetongebäude - großes Aufsehen. Seine größte Ausdehnung erlangte der Verlag im Jahr 1932 mit über 2 000 Titeln und einer Auflage von 15 Millionen.

Der Zweite Weltkrieg traf das Unternehmen hart. Die Papierknappheit beendete quasi die Verlagstätigkeit: 12 lieferbare Titel und eine Neuerscheinung verzeichnet der Verlag in den ersten Jahren nach dem Krieg. 1947 aus dem Krieg zurückgekehrt, baute Carl Friedrich Hebsaker den Verlag als reinen Jugendbuchverlag mit Sagenbänden, Jugend- und Kinderlexika, dazu den Klassikern der Jugendliteratur wie »Moby Dick«, »Robinson Crusoe« oder »Schatzinsel«, aber auch Büchern zur Ergänzung des Schulunterrichts wieder auf.

»Das Verlegen habe ich mit der Muttermilch aufgesogen«
 

Ariane Hanfstein, Tochter von Grit und Joachim Hebsaker, die 1961 die Verlagsleitung übernommen hatten, hat vieles miterlebt. »Ich habe das Verlegen mit der Muttermilch aufgesogen«, erzählt sie. Die großen Dachböden der Druckerei, die Bücher- und Papierlager seien ein einziger Abenteuerspielplatz gewesen. Dazu kam der große Park mit Pavillon, der erst durch den Neubau der Druckerei an der Kaiserstraße etwas kleiner wurde.

Das Verlagshaus an der Gartenstraße war ein großer Literatursalon. Bemerkenswerte und ungewöhnliche Menschen lernte Ariane Hanfstein dort kennen: Grafiker, Autoren, Texter. Manche wurde im Haus »einkaserniert«, wenn Bücher nicht rechtzeitig fertig wurden, erzählt sie lachend.

Doch die Zeit in Reutlingen war Ende der 60er-Jahre schon fast vorbei. Die Druckerei geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1968 wurde unter dem Motto »Vom Kinderfreund zum Lernbilderbuch« zwar noch einmal groß das 150-jährige Bestehen des Verlags gefeiert, doch dann kam das Ende der Druckerei. Sie wurde stillgelegt, das gesamte Gelände verkauft und der Verlag nach Eningen ins Arbachtal verlegt.

Die Grundstücke gingen an die Informbau GmbH & Co KG aus Reutlingen. Hochfliegende Pläne wurden entwickelt und 1972 dem Gemeinderat vorgelegt. Sie sahen auf dem Areal ein neues Einkaufs- und Geschäftszentrum mit Kaufhaus, Einzelhandelsgeschäften, Büros und Praxen, aber auch Wohnungen vor. Aus der vier- bis fünfstöckigen Bebauung sollte sich ein Hochhaus mit 13 Stockwerken erheben. Doch diese Pläne wurden so nicht umgesetzt. »Informbau« ging Pleite, die Deutsche Bau- und Bodenbank übernahm die Grundstücke und verkaufte erst einmal einen Teil an die Volksbank Reutlingen. Die ließ dann 1975 das Maschinenhaus der Druckerei an der Gartenstraße abreißen und baute dort ihre neue Zentrale.

Ende der 70er-Jahre kaufte dann der Reutlinger Baulöwe Hans Landgraf, der sich später mit dem »Schafstall« noch schwer verheben sollte, die verbliebenen Grundstücke zwischen Garten- und Kaiserstraße und bildete zur Realisierung des Vorhabens eine Bauherrengemeinschaft. Die ursprünglichen Pläne für die Konvertierung des ehemaligen Fabrikgeländes wurden modifiziert. Unter dem Namen »Kaiserpassage« wurde in für Reutlingen einmaliger Weise ein komplett neues Viertel mit Hotel, Boutiquen, Gaststätten, Cafés, Arztpraxen, Büros und Wohnungen geschaffen.

1983 wurde in großem Rahmen die Fertigstellung gefeiert. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle lobte die »hohe Risikobereitschaft«, die sich in dem 70-Millionen-Euro-Projekt dokumentiere, das zudem einen »ungewöhnlichen architektonischen Akzent« setze. Das kann man bestätigen. Noch heute - nach fast 30 Jahren - wirkt der Entwurf des Stuttgarter Büros Brunnert, Mory, Osterwalder, Vielmo (AP Plan) frisch und qualitätsvoll. Das Büro hat übrigens kürzlich erst den ersten Preis in beim Ideenwettbewerb für die »City Nord« erhalten. Und naturgemäß sieht das auch Hans Landgraf so: »Der Architekt war ein Glücksgriff«, sagt er »das ist eines der schönsten Ensembles in Reutlingen geworden«.

Die Kritik, dass das neue Viertel nur unzureichend an die Haupteinkaufsmeile angebunden sei«, weist er zurück. »Am Anfang gab es einen gewissen Futterneid«, meint er und da seien wilde Gerüchte in die Welt gesetzt worden. »Die Leute aus der Wilhelmstraße wollten wir aber gar nicht«, so Landgraf.

Punktuelle Leerstände räumt er zwar ein, das aber habe sich weitgehend erledigt. Seien es anfangs in der Mehrzahl Kapitalanleger gewesen, so seien es heute fast nur noch Eigentümer. Und das funktioniere sehr gut. (GEA)



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