Reutlingen
Integration - »Christlich-islamische Begegnung« in der Christuskirche stößt auf großes Interesse auch bei Gegnern

Miteinander ohne Vorurteile

VON ELKE SCHÄLE-SCHMITT

REUTLINGEN. Einen christlich-islamischen Dialog zwischen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und der Muslim Gemeinde der Yunus-Emre-Moschee gab es in Reutlingen bereits vor Jahren. Irgendwann schliefen die Treffen ein. Reibungspunkte zwischen Christen und Muslimen in aller Welt gibt es aber nach wie vor, wie etwa das Minarett-Bürgerbegehren in der Schweiz unlängst zeigte. Um auf lokaler Ebene ein friedliches, vorurteilsfreies Miteinander zu fördern, hat der ACK jetzt den Austausch wiederbelebt.

»Was ich dich schon immer fragen wollte«: An den allermeisten Tischen funktionierte der lebhafte Gedankenaustausch.  FOTO: ELS
»Was ich dich schon immer fragen wollte«: An den allermeisten Tischen funktionierte der lebhafte Gedankenaustausch. FOTO: ELS
Am runden Tisch treffen sich seit einem Jahr regelmäßig Vertreter der christlichen Kirchen und aller sechs Muslimvereine Reutlingens: Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde, Arabische Gemeinschaft Reutlingen, Internationale Islamische Gemeinschaft, Muslim-Gemeinde Reutlingen, Türkische Gemeinschaft Organisation (TGO) und der Verein Togoischer Muslime. In diesem Kreis wurde auch die »christlich-islamische Begegnung« in der Christuskirche vorbereitet.

Interesse breit gestreut

Der Gemeindesaal in der Benzstraße ist bis auf den letzten Platz besetzt. Rund siebzig Gäste kann Moderator Thomas Münch vom katholischen Dekanat begrüßen: Christen und Moslems, Männer und Frauen, Junge und Ältere. Die sitzen im ersten Teil des Abends in kleinen Gruppen bunt gemischt beisammen und tauschen sich angeregt aus.



»Was ich dich schon immer fragen wollte«, lautet das bewusst allgemein gehaltene Motto. Dabei wird rasch deutlich, dass sich das gegenseitige Interesse nicht auf religiöse Fragen beschränkt. Auch kulturelle Unterschiede werden diskutiert.

Warum sie auf Elternabenden früher nie den Familien der türkischen Mitschüler ihres Sohnes begegnet ist, hat sich Adelheid Stach aus Sondelfingen schon oft gefragt. Ruhsar Koca, türkischstämmige Wannweilerin und fünffache Mutter, weiß eine Antwort: »Wenn unsere Kinder in die Schule kommen, vertrauen wir sie dem Lehrer an und mischen uns nicht in seine Arbeit ein.« Diese Ehrerbietung gegenüber dem Lehrer werde in Deutschland oft als Desinteresse missverstanden.

Warum sie ein Kopftuch trägt, erläutert die aus Algerien stammende Salima Fellous bereitwillig, und Ayfer Selcuk aus der Türkei erklärt, weshalb sie noch nie eines getragen hat. Nächste neugierige Frage: »Wer hat schon mal im Koran gelesen?« Die Christinnen am Tisch schütteln einmütig den Kopf. »Und in der Bibel?« Jetzt sind die Musliminnen mit Kopfschütteln an der Reihe, gefolgt von allgemeinem Gelächter.

An anderen Tischen geht es weniger entspannt zu. Eine kleine Gruppe Christen ist offenbar in missionarischer Absicht zu der Veranstaltung gekommen. In ihrem Umfeld ist bald kein Gespräch mehr möglich, und auch im zweiten Teil des Abends, als in der großen Runde diskutiert wird, lassen sie kaum jemanden ausreden.

Auf dem Podium sitzen Mustafa Purtas von der Yunus-Emre-Moschee, Auferstehungskirchenpfarrer Albrecht Ebertshäuser, Abdessalem Aloui von der Internationalen Islamischen Gemeinschaft, Norbert Brücken, Pastoralreferent von Sankt Peter und Paul, sowie der Imam der TGO, Mehmet Sari, um die an den Tischen aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

Streckenweise ist das durch die ständigen Einwürfe der vier oder fünf Störer beinahe unmöglich. Ohne »ehrliche, harte« Konfrontation sei so ein Abend unsinnig, tönt es aus der Ecke der Hardliner-Christen.

Besonnene Stimmen

Muslimische Gäste fühlen sich angegriffen, christliche Tischnachbarn schämen sich dafür, fast droht die Veranstaltung zu kippen. Doch aus dem Publikum wie vom Podium mahnen besonnene Stimmen, christliche wie muslimische, sich auf gemeinsame Werte besinnen und gemeinsam nach Lösungen für gemeinsame Probleme zu suchen.

So sind sich am Ende - fast - alle einig, dass sie einen spannenden, fruchtbaren Abend erlebt haben. Laut Auskunft der Organisatoren sollen weitere folgen, etwa zwei bis drei pro Jahr, dann zu enger umrissenen Themen. (GEA)



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