LEUTE - Für seine Forstkoppel wurde Daniel Lorch jüngst beim KWF-Innovationswettbewerb der zweite Preis verliehen

Mit Sicherheit sehr praktisch

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Am Anfang standen Missbehagen, Schrunden und blaue Flecke, am Ende der zweite Preis beim internationalen Innovationswettbewerb des Kuratoriums für Waldarbeit und Forsttechnik sowie eine patentierte Koppel, die insbesondere Holzfällern das Leben erleichtert. Aber der Reihe nach.

Der Reutlinger Tüftler Daniel Lorch hat mit seiner Forstkoppel eine Marktlücke geschlossen und wurde für seine Innovation jüngst in München ausgezeichnet. FOTOS: TRINKHAUS
Der Reutlinger Tüftler Daniel Lorch hat mit seiner Forstkoppel eine Marktlücke geschlossen und wurde für seine Innovation jüngst in München ausgezeichnet. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Als sich Daniel Lorch vor circa zwei Jahren an die heimische Nähmaschine setzte, hatte er die Nase gestrichen voll. Wieder einmal war er im Forst unterwegs gewesen und wieder hatte er sich Hämatome zugezogen. Verursacht worden waren sie von Gerätschaften, die fürs Baumfällen unerlässlich sind. Darunter ein dreißig Meter langes und in aufgerolltem Zustand ziemlich schweres Maßband, das ihm mehrfach schmerzhaft gegen den Oberschenkel gedengelt war.

»Die Zahl der Verletzten liegt im dreistelligen Bereich«
 

»Das ging mir echt auf den Geist«, sagt der 40-Jährige, der sich nicht länger damit abfinden mochte, von mitgeführten Werkzeugen bei waldpflegerischen Einsätzen behindert, mitunter auch verwundet zu werden. Seien’s die für Fällarbeiten wichtigen Keile, die immer dann nicht griffbereit zur Hand waren, wenn man sie benötigte, seien’s Messkluppe, Markierkreide oder Erste-Hilfe-Set – wer in seiner Rechten eine Motorsäge hält und in der Linken eine Axt, der muss alle übrigen Utensilien notgedrungen anderweitig verstauen. Und was nicht in Jacken- und Hosentasche passt, wird über die Schulter gehängt oder kommt im Rucksack zu liegen. Wo auch sonst?

Dass diese Art der Werkzeug-Mitnahme – zumal beim Arbeitseinsatz – alles andere als geschickt ist, leuchtet selbst dem blutigen Laien ein. Erfordert sie doch andauerndes Kruschteln nach diesem und jenem. Und das wiederum machte Daniel Lorch nicht bloß ein bissle säuerlich, sondern vor allem sehr nachdenklich.

Was, fragte er sich, wenn es einen Gürtel gäbe, der für jedes Instrument die optimal passende Hülle parat, jedes Werkzeug unverrutsch- respektive unverlierbar und zudem ergonomisch am Mann hält? Die Antwort, die Lorch darauf fand, ist in mehrfacher Hinsicht stichhaltig zu nennen. Entwickelte sie der Vater zweier Kinder doch an der guten, alten »Pfaff« seiner Gattin.

Auf Basis eines bei der Polizei gebräuchlichen, sehr robusten Leibriemens machte sich der Reutlinger daran, eine maßgeschneiderte Forstkoppel mit anklipsbaren Taschen zu entwickeln. Herausgekommen ist dabei ein per Klett-Technik zusammengehaltenes Doppelgürtelsystem nebst Sicherheitsverschluss und diversen Taschen und Laschen aus maximal strapazierfähigem Material.

»Meine Wahl fiel auf Cordura«, erklärt der Tüftler und meint ein höchst belastbares, reißfestes und witterungsbeständiges Gewebe aus Polyamid, wie es beispielsweise Motorradfahrer zu schätzen wissen. Einziger Nachteil: »Es lässt sich schlecht verarbeiten.« Die gute, alte »Pfaff« sei jedenfalls an ihre Grenzen gestoßen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Daniel Lorch sein ausgeprägtes Faible für den Forst gerade zum Nebenjob erhoben. Hauptberuflich als Beamter tätig, fühlte sich der gebürtige Älbler nämlich nicht nur Willens, sondern – dank jahrelanger Erfahrung und zahlreicher Fortbildungen – auch in der Lage, sein Hobby zu professionalisieren. Mal ganz davon abgesehen, dass ihn in der Vergangenheit bereits etliche Privatwald-Besitzer um Pflege-Support gebeten hatten: bevorzugt dann, wenn’s problematisch, mithin gefährlich wurde. Zum Beispiel bei Wipfel-Inspektionen mittels Steigeisen.

Vor diesem Hintergrund, so der 40-Jährige sinngemäß, sei der Schritt in die nebenberufliche Selbstständigkeit ein logischer gewesen. Umso mehr als ihm eine ausgeprägte Naturverbundenheit in die Wiege gelegt wurde. »Ich war und bin oft mit meinem Vater im Wald.«

»Sie wollten, dass ich ihnen auch so ein Ding mache«
 

Oft war und ist Daniel Lorch außerdem auf Seminaren. Denn Sicherheit qua Know-how ist Trumpf, wenn man schwere und schwerste Unfälle so weit irgend möglich ausschließen will. Was das betrifft, sprechen die Statistiken eine klare Sprache. »Allein im vergangenen Jahr«, weiß der Reutlinger, »kamen in Baden-Württemberg 17 Menschen bei der Arbeit im Wald ums Leben. Die Zahl Schwerverletzter liegt im dreistelligen Bereich.«

Wobei es keineswegs immer schierer Leichtsinn ist, der Opfer fordert, sondern oft genug ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit – etwa weil irgendein Werkzeug nicht greifbar ist, darob Verrenkungen erforderlich werden … und schon ist’s passiert. So gesehen stellt Lorchs Erfindung nicht nur einen praktischen Beitrag für mehr Ergonomie und Arbeitskomfort dar, sondern sogar einen für mehr Sicherheit: der engsten Vertrauten jeden Forstarbeiters.

»Ich wär’ beinahe rückwärts vom Stuhl gekippt«
 
Noch besser kennengelernt hat der Tüftler diese besondere Freundin Ende 2012 im Zuge eines Lehrgangs zum Thema Starkholzernte. Da war seine Koppel bereits so weit ausgereift, dass Lorch sie mit sich führte – und die Blicke auf sich zog. »Zwei Trainer wollten wissen, wo man so etwas kaufen kann. Sie waren begeistert, fanden die Koppel tipptopp und wollten, dass ich ihnen auch so ein Ding mache.«

Fortan ging’s Schlag auf Schlag. Erst reifte in Daniel Lorch die Erkenntnis, eine echte Marktlücke entdeckt zu haben, dann beschloss er, sie zu stopfen. Er suchte nach einer professionellen Näherei, wurde Anfang 2013 in Bayern fündig und ließ eine Prototypenserie schneidern. Diese brachte er sogleich an den Mann, auf dass die Koppel von Leuten getestet werde, die alles andere als zimperlich mit ihr umgehen. »Einer der Prüfer schlug mir schließlich vor, mich um den Innovationspreis in der Kategorie ›Persönliche Schutzausrüstung‹ zu bewerben. Das hab’ ich dann auch getan, allerdings ohne mir ernsthafte Chancen auszurechnen.«

Die Konkurrenz sei nämlich ebenso namhaft wie übermächtig gewesen. Weltunternehmen wie Stihl oder Pfanner sind’s die beim Wettbewerb des Kuratoriums für Wald- und Forstarbeit (KWF) an den Start gehen. Was bei Daniel Lorch mächtig Eindruck hinterlassen hat. Und was ihn, als schließlich die Nominierungs-Bestätigung ins Haus flatterte, »beinahe rückwärts vom Stuhl« kippen ließ. Ein Hochgefühl mit Steigerungspotenzial: Als Lorch nämlich kürzlich in München bei der Fachmesse »Interforst« der zweite Preis verliehen wurde, war er »sprachlos«, »baff«, »total glücklich«.

Mittlerweile hat der 40-Jährige seine Fassung wiedergefunden. Gefunden hat er mit dem bayerischen Unternehmen »EVG« darüber hinaus einen in der Forstbranche etablierten Vertriebspartner, der die brandneue Erfindung »made in Reutlingen« seit ihrer Markteinführung bewirbt und verkauft. »Die Nachfrage ist tatsächlich da«, freut sich Daniel Lorch, ohne jedwede Neigung zu zeigen, sich auf den jüngst erworbenen Lorbeeren auszuruhen.

Ständig bosselt der 40-Jährige weiter am Produkt, optimiert Details und erweitert die ans Gürtelsystem zu befestigende Modul-Palette. Aktuell ist es eine Funkgerätetasche, die er »in der Erprobung« hat. Sprühdosenhalter sind eine weitere Komponente. Die sei freilich noch nicht ausgereift. (GEA)

info@dl-forstservice.de



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