REUTLINGEN-BETZINGEN. Der Transmissionsriemen der Turbine schnurrt leise und monoton. Draußen rauscht die Echaz in die Einlauffalle. Und im Technikraum bearbeitet der Kusterdinger Restaurator Fabian Schorer mit einem Schwämmchen behutsam die Wände: Die Wernersche Mühle, die von der Fair-Energie reaktiviert wurde, läuft schon seit November munter im Testbetrieb, doch die Restaurationsarbeiten in der altehrwürdigen Betzinger Anlage brauchen viel Zeit und Geduld. »Das muss kleinteilig sein«, so Schorer zu seiner aktuellen Tätigkeit, »sonst gibt's sofort Wischer.«
»Als ob der Raum gestern verlassen worden wäre«
Der mit dem Denkmalamt abgestimmte Auftrag von Fabian Schorer und Restaurator-Kollege Karl Petzold ist es nicht, den alten Technikraum in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Ob Ölspritzer von den Zahnrädern, Risse oder Kratzer: Die Gebrauchsspuren als Zeugnisse der früheren Nutzung und des Alters der um die Jahrhundertwende gebauten Anlage bleiben erhalten. »Es soll so aussehen, als ob der Raum gestern verlassen worden wäre«, erklärt Schorer sein Werk.
Das heißt nicht, dass alles bleibt wie es war und Schorer in Betzingen einen besonders einfachen Job erwischt hätte. Allein die Reinigung der Wand in dem nicht eben großen Raum dauerte fünf Wochen. In die Risse injiziert Schorer beispielsweise mit einer Spritze Kalkmörtel, der sich mit der porösen Schicht verklebt. Der Schmutz an der Wand wird Schicht für Schicht erst mit dem Pinsel, dann mit dem Schwamm abgetragen. Die Original-Sprossenfenster stabilisiert und säubert der Restaurator, einen neuen Anstrich bekommen sie nicht.
Bei der Millimeterarbeit im Maschinenraum kommt so filigranes Werkzeug wie Zahnbürsten oder Schaschlikspieße - auf sie wird Watte fürs Lösungsmittel aufgerollt - zum Einsatz. Mit besonderer Begeisterung hat sich Schorer des alten Schaltschranks mit Kippschaltern, gedrechselten Holzgriffen und einer Isolierung aus Marmor (»wahrscheinlich italienisch«) angenommen. »Herrlich«, schwärmt Fabian Schorer, »das ist eine echte Rarität.« Auch hier hat er nur behutsam den Dreck entfernt, damit es nicht »zu museal« wird.
Dass ein Schaltschrank so »prächtig« wie ein Möbelstück geraten ist und die Decke wunderschöne Schablonen zieren, ist kein Zufall, sagt Schorer: »Die technische Erneuerung hatte einen hohen Stellenwert, das war der ganze Stolz der Gebrüder Werner.« Die beiden erzeugten schon 1893 in ihrer Mühle Strom durch Wasserkraft und bescherten damit den Betzingern noch vor Reutlingen beleuchtete Straßen.
»So etwas ist ganz selten in der Region«
Das Besondere an der Wernerschen Mühle, sagt der Restaurator, ist das Nebeneinander von Alt und Neu: Estrich, Türen, gusseiserner Ofen oder Maschinen fast wie vor hundert Jahren, dazwischen Hightech-Geräte wie der Generator oder der kompakte Schaltkasten anno 2010. »So etwas«, sagt Schorer, »ist ganz selten in der Region.«
Das Wasserkraftwerk läuft noch im Probebetrieb, Strom für 45 Haushalte wird aber bereits eingespeist. Die generalüberholte Turbine Jahrgang 1918 liefert 22 Kilowatt, der Generator 30 Kilowatt Leistung. »Es läuft hervorragend«, sagt Projektleiter Michael Blümel von der Fair-Energie. Probleme gibt's nur bei der über 100 Jahre alten Marggraffenfalle im Bereich des Bosch-Areals, unter der ein Gewölbe ist. Das, so Blümel, ließe sich nur mit großem Aufwand vermessen. Deshalb müssten die Pegelwerte »feinjustiert« werden, erklärt er. Da muss schon deshalb alles ganz genau stimmen, weil über die Marggraffenfalle der Hochwasserschutz geregelt wird.
Ende Mai soll das kleine, feine Technikmuseum fertig sein, das die Fair-Energie auf eigene Kosten restaurieren lässt. Im Nebenraum wird eine Ausstellung mit etwa 40 Exponaten aus der Wernerschen Mühle aufgebaut. Im Betriebsraum können die Besucher die gläserne Stromerzeugung »live« erleben: Turbine, neuer Generator und alte Erregermaschine sind nur durch eine transparente Plastikwand abgtetrennt. Über mangelndes Interesse werden sich Fair-Energie und Stadt sicher nicht beklagen können. »Wir haben schon jetzt eine lange Warteliste«, sagt Fair-Energie-Sprecher Thomas Steger. (GEA)