Aktion - GEA-Artikel mit Folgen: Ein kaputtes Schaufenster wird zur Spielwiese von Sprühkünstler Marco Neumann

Mehr Mut zur Straßenkunst in Reutlingen

VON ROLAND HAUSER

REUTLINGEN. Nachholbedarf attestierte der SPD-Stadtrat und Kunstfreund Ulrich Lukaszewitz der Stadt Reutlingen vorigen Sommer in einem GEA-Beitrag zur Graffiti-Kultur, verbunden mit dem - auch vom Jugendgemeinderat artikulierten - Appell, den Graffiti-Künstlern mehr öffentliche Flächen zur Verfügung zu stellen. Und just auf diesen Artikel ist der Geschäftsführer der Reutlinger »Galeria Kaufhof«, Dominik Paul, gestoßen, als er aus der Not eine Tugend - sprich: aus einem kaputten, provisorisch mit Holz verschlossenen Schaufenster ein urbanes Kunstwerk - machen wollte.

Graffiti an der »Galeria Kaufhof«:   Ulrich Lukaszewitz (von links) vermittelte den Künstler  Marco »Mako« Neumann, Geschäftsführer Dominik Paul hatte die Idee.
Graffiti an der »Galeria Kaufhof«: Ulrich Lukaszewitz (von links) vermittelte den Künstler Marco »Mako« Neumann, Geschäftsführer Dominik Paul hatte die Idee. FOTO: Gerlinde Trinkhaus

Großes Anliegen

Ein Auto war in das Schaufenster an der Karlstraße gekracht und hatte es »total zerstört«, berichtet der Geschäftsführer. Mit weiß gestrichenen Holzelementen wurde die Fensterfläche notdürftig geschlossen, und weil sich der Versicherungsfall hinzog, kam Dominik Paul die Idee mit dem Graffiti - nicht zuletzt, weil der Kaufhof »auch ein junges Publikum ansprechen möchte«.

Der Kontakt mit Ulrich Lukaszewitz, dem die Förderung der Kunst im öffentlichen Raum ein großes Anliegen ist, und ein entsprechender Tipp zeigten Wirkung: Marco »Mako« Neumann, Sprühkünstler aus Tübingen, wie er sich selbst bezeichnet, nahm die Herausforderung gerne an, die weiße Fläche zu verschönern und somit »Kunst in die Stadt zu bringen«. Zum Nulltarif zwar, aber die Materialkosten übernahm der Kaufhof und Dominik Paul machte dem Künstler auch keine Vorgaben.

»Man hat mir freie Hand gelassen«, sagt Marco Neumann, der die Fläche dann auch gleich für die Eigenwerbung nutzte: »Mako« lautet bei genauer Betrachtung der »ziemlich abstrahierte« Schriftzug, den der Sprühkünstler aufs weiße Holz aufgebracht hat. Gerade darin besteht nach seinem Empfinden die Kunst: Die Schrift so zu »verbiegen«, dass ein ästhetisches Bild entsteht und trotzdem die Botschaft erkennbar bleibt.

Seit zehn Jahren ist Neumann am Malen, »zu 99 Prozent mit der Spraydose«. Vor zwei Jahren hat er mit Kollegen ein Gewerbe angemeldet - »das erste bei der Handwerkskammer, das sich mit Graffiti beschäftigt«. Unter dem Namen »Task_Kunst mal anders« übernehmen sie Auftragsarbeiten mit Wunschmotiven, am liebsten ist es ihnen jedoch, wenn sie die Graffiti frei gestalten können. Nicht nur Außenwände peppen sie künstlerisch auf, auch Bühnenbilder, die Gestaltung von Fahrzeugen oder Workshops gehören zum Portfolio von Marco Neumann, Stephan Fischer und Martino Utzer.

Street Art liegt im Trend

Mit illegal gesprühten Sprüchen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft als Form von Vandalismus gesehen werden, hat diese Profession nichts zu tun. Mehr noch: Graffiti und andere Formen der Street Art (Straßenkunst) sind im Trend, werden mittlerweile unter dem Oberbegriff Urban Art (Stadtkunst) subsumiert. Es muss ja nicht immer eine komplette Industriebrache sein, wie der Wynwood Arts District in Miami, Florida, in der sich die Sprayer austoben können. Schon eine triste Betonwand wie am Parkplatz des Edeka-Markts im Betzenried eröffnet Sprühkünstlern ein willkommenes Betätigungsfeld, der GWG-Wohnungsgesellschaft sei Dank.

Und so freut sich Ulrich Lukaszewitz, dass mit der »Galeria Kaufhof« ein Privatunternehmen in Reutlingen »Straßenkunst möglich macht«. Er hofft, dass andere diesem Beispiel folgen, und selbst Flächen oder Bauzäune, wenn auch nur vorübergehend, für legale Spraykunst zur Verfügung stellen.

Bis das Schaufenster an der Karlstraße repariert ist, dürfte es März werden, sagt Dominik Paul, mindestens. Danach will er Marco Neumanns Graffiti »nicht wegwerfen«, sondern möglichst eine andere Verwendung finden. Denkbar sei auch, da es auf zwölf Rechtecke gemalt ist, diese einzeln zum Beispiel in den Sozialräumen aufzuhängen. (GEA)

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