Reutlingen
Schweinegrippe - Krankheit breitet sich aus: Im Landkreis 347 Fälle. Aber nur wenige Ärzte haben Pandemix

Mehr Impfwillige als Impfstoff

REUTLINGEN. Bei Dr. Peter Mackes herrscht Hochstimmung im Wartezimmer. »Meine Patienten kommen aus Tübingen und sonstwo her«, sagt der Reutlinger Allgemeinmediziner mit Fachrichting Homöopathie. Seine Patienten machen den Arm frei und freuen sich, weil sie gleich eine Spritze gegen Schweinegrippe bekommen. Und mit ihnen freut sich der Arzt. Er ist einer von wenigen, die den begehrten Impfstoff Pandemix im Kühlschrank haben. Zwei Wochen nach Beginn der allgemeinen Grippeschutzimpfung ist der Impfstoff immer noch Mangelware. Gleichzeitig steigt die Zahl der Infizierten. Beim Kreisgesundheitsamt waren gestern 347 Fälle registriert.

Die Impfaktion am FSG war ein Misserfolg. Jetzt sind drei Viertel aller Schüler und Lehrer erkrankt. FOTO: Markus Niethammer
Am Wochenende gingen über 90 Verdachtsfälle ein. Entsprechend steigt auch die Zahl der Impfwilligen.

Eine Liste mit 25 Ärzten

Mackes hat den begehrten Stoff von dem Reutlinger Apotheker Dr. Walther Lang bekommen. Lang hatte ihn bei der zentralen Verteilerstelle in Bruchsal bestellt und 500 Einheiten erhalten, seitdem herrscht Funkstille. Eine Nachbestellung lief ins Leere. Wann die nächste Fuhre kommt, weiß Lang nicht. Dabei wäre sie dringend notwendig, denn die Ärzte brauchen den Stoff. Immer mehr bestellen ihn, weil die Stimmung umschlägt und die Patienten Druck machen. »Die Situation entgleist«, sagt Lang.

Wer bereits bestellt hat, bekommt nichts mehr. Strenge Kontingentierung, ein bisschen wie vor 20 Jahren in der DDR. Ein absoluter Engpass. Offenbar wurde bisher ein Fünftel des Impfstoffs ausgeliefert, der im Land geordert wurde. Von dem Wenigen bekamen die Apotheken die Hälfte. Da wächst die Wut: »Der Staat ist einfach nicht in der Lage, so etwas zu organisieren«, meint Lang.

Das Kreisgesundheitsamt hat einen Brief an die Arztpraxen verschickt mit der Bitte, ihre Impfbereitschaft zu signalisieren. Der Rücklauf von 25 Ärzten freut den Leiter des Gesundheitsamts, Dr. Gottfried Roller. »25 ist eine stattliche Zahl, wenn ich sie mit anderen Landkreisen vergleiche.« Sprich: In anderen Landkreisen gibt es noch viel weniger Ärzte, die impfen. Die Anschriften der impffähigen Praxen im Landkreis Reutlingen sind auf der Internetseite des Landratsamts abrufbar.

Die Ärzteschaft scheint gespalten zu sein: Fifty-Fifty für und gegen eine Schutzimpfung. »Aber die Sache schwingt um«, stellt Lang fest. Immer mehr Ärzte, die bisher entschieden dagegen waren, wollen wenigstens sich und ihr Personal schützen.

Von der Schweinegrippe sind laut Amt bisher vor allem Gemeinschaftseinrichtungen betroffen. Deshalb gilt der Rat des Amtsarzts: Kinder, Erzieherinnen und Lehrer sollen bei Anzeichen von Grippe-Symptomen zu Hause bleiben. »Ein Schulbesuch sollte erst nach Abklingen der Symptome und mindestens einem Tag Fieberfreiheit erfolgen«, lautet eine Pressemitteilung. »Betroffene werden bei harmlosen Symptomen gebeten, sich zunächst an ihren Hausarzt zu wenden und nicht sofort ins Krankenhaus zu gehen, um die medizinische Notaufnahme der Kliniken nicht zu blockieren.«

Die Maßnahmen des Reutlinger Kreisgesundheitsamtes konzentrieren sich angeblich vor allem darauf, die Übertragung der Erkrankung auf Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko, Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen und Erkrankungen bei Kontaktpersonen mit erhöhtem Risiko zu minimieren. »Angesichts des stark angestiegenen Verbreitungsgrades« werde nur noch in Einzelfällen im engen Umfeld von Erkrankten ermittelt. (GEA/lr)

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