Serie - Oliver Brendles Karmann-Ghia Cabrio ist mit seinen 60 Jahren ein »Daily Driver«

Männer und Motoren: Spaß auf dem Weg zur Arbeit

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. »Daily Driver« sind Oldtimer im täglichen Fahrbetrieb - ohne Rücksicht auf Kilometerzahlen und Wertverlust. Der Reutlinger Oliver Brendle hat so einen: Sein 60 Jahre alter Volkswagen Karmann-Ghia wird täglich gefahren, an trockenen Tagen sogar im Winter. Das Ergebnis: Keine porösen Leitungen, keine quietschenden Stoßdämpfer, keine festen Bremsen, keine leere Batterie, keine ausgehärteten Dichtungen wie bei Brendles Kollegen im Karmann-Ghia-Forum. »Ich habe nie Standschäden«, freut sich Brendle.

Hier ist Mann und Maus aus dem Jahr 1967: Oliver Brendle und sein Volkswagen Karmann-Ghia Cabrio. Das seltene Exemplar gibt es fast nicht mehr zu kaufen.
Hier ist Mann und Maus aus dem Jahr 1967: Oliver Brendle und sein Volkswagen Karmann-Ghia Cabrio. Das seltene Exemplar gibt es fast nicht mehr zu kaufen. FOTO: Hans-Jörg Conzelmann
Die Standschäden vom Vorbesitzer treiben ihm heute noch die Tränen in die Augen. Der Vorbesitzer fuhr höchstens 80 Sachen und tippte die Bremsen nur ganz sachte an - aus Angst, etwas kaputt zu machen. Das Ergebnis war eigentlich nicht fahrbar. Bei der Heimfahrt über die Autobahn musste Brendle scharf bremsen und stand unversehens in einer schwarzen Wolke aus Staub, der sich in all den Jahren auf die Bremsbeläge gelegt hatte. Inzwischen sind die Bremsen frei, und Brendle bremst alles andere als vorsichtig. Er gibt beherzt Gas. »Ich freue mich jeden Morgen auf die Fahrt zur Arbeit, und ich freue mich abends auf den Nachhauseweg.« Kein Wunder, denn sein Karmann-Ghia ist ein Prachtstück, das fast nicht bezahlbar ist. Nicht bezahlbar deswegen, weil es keine mehr gibt. Der Markt ist komplett leer gefegt.

»Kfz-Lehre an einem einzigen Fahrzeug«
 
Brendle kaufte seinen Jugendtraum 2012 für 20 000 Euro und gab sich selbst zehn Jahre Zeit. Zehn Jahre, in denen er den Originalzustand wieder herstellen wollte. Fünf Jahre sind seither vergangen, und für den flüchtigen Betrachter ist alles perfekt. Brendle hat alles selbst gemacht, was den Karmann in Note zwei versetzt. Aber es fehlen Teile. »Es gibt noch einiges zu tauschen, was nicht Baujahr 1967 ist.« Zum Beispiel das moderne Relais am Scheibenwischer, das bestens funktioniert, aber nicht das Original-Geräusch verursacht, das damals zu hören war. »Auf der linken Seite muss der Scheibenwischer jedes Mal klick machen.« Schön zu hören, wie weit Detailverliebtheit gehen kann.

Vielleicht liegt es daran, dass der Mann im gleichen Jahr geboren ist. Damals, im Jahr 1967, war der Karmann Ghia schon zehn Jahre auf dem Markt. Bis 1974 sind fast 440 000 Exemplaren vom Band gelaufen, 80 000 Cabrios. Die Presse und der Volksmund verpassten dem schicken Auto den Spitznamen »Sekretärinnen-Sportwagen« oder »Hausfrauen-Porsche«. Der Grund war die Technik, die aus dem Käfer kam. Wirklich sportlich war bestenfalls die italienische Karosserie, die Motoren aber - je nach Baujahr zwischen 30 und 50 PS - stammten aus dem VW-Regal. Es waren durchweg Vierzylinder-Boxer im Heck, und trotzdem bringt es Brendles Oldtimer - ein 1 600er - auf achtbare 130 Stundenkilometer. Dem Motörchen stehen mickrige 800 Kilogrämmchen entgegen, was ein gutes Kraft-Leistungs-Verhältnis garantiert.

Das Fahren mit dem Oldtimer ist eine Wonne, denn alles funktioniert. Brendle schraubt selbst. »Ich mache eine Kfz-Lehre an einem einzigen Auto«, sagt er. Schneiden, drehen, schrauben - das sind die Fertigkeiten, die sich Brendle in der eigenen Garage mit der Zeit angeeignet hat. Als gelernter Kaufmann, Steuerberater und Betriebswirtschaftler geht er in einem Hobby auf, das nichts mit seinem Beruf zu tun hat. Er arbeitet als Manager eines Autozulieferers auf den Fildern. Hobby, findet er, darf nichts mit dem zu tun haben, was Du gelernt hast.

Dass er die Sache ernst nimmt, zeigt ein Ordner mit Schaltplänen und Anleitungen, für Brendle die Karmann-Bibel. Mit dem Wissen aus dieser Lektüre geht er vor, mit Originalwerkzeug von Hazet, versteht sich. Denn hier, sagt er, ist alles noch analog. Der tiefere Sinn des Schraubens ist für ihn klar: »Verstehen, wie es funktioniert.« (GEA)

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