Naturschutz - Erweiterungsfläche Erddeponie Saurer Spitz erweist sich als Eldorado für Unke und Feuersalamander

Lurchi-Großfamilie muss umziehen

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Die geplante Süderweiterung der Erddeponie Saurer Spitz liegt auf Eis. Winterbedingt. Aber auch die fürs frühe Frühjahr geplanten Rodungsmaßnahmen verzögern sich. Die Verursacher bekommen von den Turbulenzen nichts mit, sie ruhen still und stumm in ihrer Winterstarre: Gelbbauchunken und Feuersalamander.

Sammelaktion im September: Freiwillige von »Rana« (Reptilien-Amphibien-Neckar-Alb) fanden Heerscharen von Feuersalamandern und siedelten sie in sicheres Gebiet um. FOTO: PR
Sammelaktion im September: Freiwillige von »Rana« (Reptilien-Amphibien-Neckar-Alb) fanden Heerscharen von Feuersalamandern und siedelten sie in sicheres Gebiet um. FOTO: PR
Letztere fühlen sich auf der etwa neun Hektar großen Erweiterungsfläche besonders wohl. Sagenhafte 2 054 »Lurchis« wurden dort von Naturschützern im September aufgesammelt und umgesiedelt. Mit einer solch großen Population hatte niemand gerechnet. Sie ist der Anlass für besondere Ausgleichsmaßnahmen.

Neue Deponiefläche oder Ausdehnung am alten Standort - das war vor Jahren die Frage, die nach flächendeckenden Untersuchungen pro Süderweiterung beantwortet wurde. Nach dem Raumordnungsverfahren beim Regierungspräsidium Tübingen, an dem alle Träger öffentlicher Belange beteiligt waren, läuft derzeit beim Landratsamt Reutlingen das Planfeststellungsverfahren. Antragsteller und »Vorhabenträger« sind die Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR).

Dass der Bereich sensibel ist, weil sich dort viele Amphibien tummeln, war von Anfang an klar. Ausgleichsmaßnahmen für die Eingriffe waren deshalb Voraussetzung für die Genehmigung. Feuersalamander gelten als besonders geschützt, Gelbbauchunken haben das noch höher einzustufende Prädikat streng geschützt. Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt vor, dass Biotope, in denen solche Arten leben, durch einen Eingriff nicht zerstört werden dürfen - es sei denn, es werden »vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen« vorgenommen. »Wir haben schon früh den Schulterschluss mit den Naturschutzverbänden gesucht, wir wollten eine saubere Arbeit«, sagt TBR-Chef Hans Fröb. Maßgeblich am Planfeststellungsverfahren beteiligt waren die Reutlinger Ortsgruppe des Naturschutzbundes (»Nabu«) und der Verein »Reptilien-Amphibien-Neckar-Alb«, kurz: »Rana«, die beide im Landesnaturschutzverband organisiert sind. In ihren Stellungnahmen kritisierten sie insbesondere die Arten- beziehungsweise Amphibienschutz-Maßnahmen.

»Wir haben schon früh den Schulterschluss gesucht« §§ Die TBR reagierten und nahmen die Naturschützer bei den Ausgleichsmaßnahmen mit ins Boot. Auf deren Vorschlag hin wurde eine Umsiedlungsaktion vereinbart: Die Amphibien, die auf der Erweiterungsfläche vermutet wurden, sollten eingesammelt und in ein wenige Kilometer entferntes Ansiedlungsgebiet beim Breitenbach gebracht werden. Organisator des tierischen Umzugs war Thomas Höfer vom »Nabu«, das Einsammeln übernahmen »Rana«-Mitglieder und andere Freiwillige - mit amtlicher Genehmigung, denn normalerweise dürfen Tiere nicht umgesiedelt werden.

Im September starteten die Naturschützer mit detektivischem Spürsinn ihre Aktion. Tagsüber fahndeten sie nach den Gelbbauchunken, die bevorzugt in kleinen Laichgewässern wie beispielsweise mit Wasser gefüllten Fahrspuren untertauchen. Innerhalb einer Woche entdeckten sie dort 16 Gelbbauchunken und siedelten sie um.

Aufwendiger und mit einer dicken Überraschung am Ende gestaltete sich die Suche nach den Feuersalamandern, die bevorzugt bei Nacht, Feuchtigkeit, Windstille und milden Temperaturen durch den Wald spazieren. Die Helfer sammelten und sammelten - und fanden immer mehr Tiere. »Erst da hat sich herausgestellt, dass so viele Feuersalamander dort draußen sind«, sagt Jürgen Tröge, Mitglied im »Rana« und dem Landesfischereiverband, »wir sind selbst ganz erschrocken.«

2 054 Feuersalamander siedelten die Helfer an 20 Tagen und in 150 Stunden um. »Das ist spektakulär«, sagt Thomas Höfer über die Anzahl, »eine solch große Population ist mir in der Region und in ganz Baden-Württemberg nicht bekannt.« Die Feuersalamander-Bestandsdichte in Reutlingen liegt bei 230 Tieren pro Hektar, als Höchstwert in Deutschland hat die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden 320 Salamander pro Hektar ermittelt. »Diese Größenordnung ist für Mitteleuropa schon beachtlich und nur selten anzutreffen«, attestieren die Dresdner Wissenschaftler den Reutlinger Naturschützern.

Auch Dr. Claudius Müller, der für den staatlichen Naturschutz zuständige Dezernent im Landratsamt, spricht von einer »besonderen Population«, die besondere Maßnahmen erfordere. Mit Tröge und Höfer ist er sich einig, dass das Erweiterungsgebiet von hoher ökologischer Wertigkeit ist - die angrenzenden Flächen aber nicht minder: In den feuchten Wäldern mit ihren vielen Tümpeln fühlen sich Amphibien pudelwohl. Ziel müsse es sein, diese Randflächen langfristig zu erhalten und aufzuwerten, gleichzeitig aber die Umsetzungsmaßnahmen auf dem Deponie-Erweiterungsgebiet zu optimieren.

In einem Gespräch am Freitag vor einer Woche mit TBR, Naturschutz und Forst im Landratsamt wurden erste Eckpunkte festgeklopft. Ein externer Gutachter soll bis zum Frühjahr ein Pflegekonzept für die an den Sauren Spitz angrenzenden Waldflächen ausarbeiten, damit der Gelbbauchunken- und Feuersalamander-Bestand langfristig gesichert werden kann. Für das Erweiterungsgebiet ist im Frühjahr eine zweite Sammelaktion geplant. Danach sollen Amphibienzäune verhindern, dass Unken und Salamander in ihre alte Heimat zurückmarschieren.

§§ »Diese Größenordnung ist für Mitteleuropa schon beachtlich«
 
Die Erweiterungsflächen sind schon weitgehend gerodet, bisher wurden die Bäume aber »nur« umgesägt, was die Amphibien nicht weiter stört. Kritisch beziehungsweise lebensgefährlich wird es für die Tiere erst dann, wenn die Wurzelballen aus der Erde gegraben werden. Ursprünglich wollten die TBR damit im März starten, verschieben die Maßnahme wegen der zweiten, ursprünglich gar nicht geplanten Umsiedlungsaktion jetzt aber. »Wir fangen nicht vor April oder Mai an«, sagt Hans Fröb. Die Verzögerung bei der Erddeponie-Erweiterung »im Monatsbereich« sei trotz des Achalmtunnelbaus verkraftbar. »Wir können es auch so noch steuern.« (GEA)



LEBENSRAUM ERHALTEN

Den GEA auf das Thema aufmerksam gemacht hat der Fotojournalist Herwarth Voigtmann. Der war nach der Sammelaktion am Sauren Spitz - und fand noch einmal 68 Feuersalamander. Das Absammeln reicht seiner Meinung nicht aus. Sein Anliegen ist es, den Lebensraum der Lurche zu erhalten. (GEA)
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