Kooperation - Tonne-Theater und Isolde-Kurz-Gymnasium bringen Hexenprozesse Reutlingens in die Katharinenkirche

Lesung eines düsteren Kapitels

VON PIA MASCHMANN

REUTLINGEN. Eine Ausstellung im Rathaus über die Hexenverfolgung hier in Reutlingen hatte es ihm angetan. Eckhard Wurm von der Theater-AG am Isolde-Kurz-Gymnasium (IKG) fand im Internet und im Stadtarchiv unzählige Schriften und Originaltexte von Hexenprozessen - und neuen Stoff für ein Theaterstück.

Foto: Tonne
Foto: Tonne
350 Jahre nach der letzten Reutlinger Hexenverbrennung entstand so aus seiner Feder das Stück »Ins Feuer - Hexenprozesse in Reutlingen«. Zu sehen ist es am Donnerstag, 18. Mai, und Freitag, 19. Mai, jeweils um 18 Uhr in der Katharinenkirche am Friedhof Unter den Linden.Schüler des »Literatur und Theater«-Kurses am IKG unter der Leitung von Sabine Laage und die drei Schauspieler Enrico Urbanek, Chrysi Taoussanis und Thomas B. Hoffmann der »Tonne« erarbeiteten eine szenische Lesung daraus. Das interessante und selten angetastete Thema überzeugte die Profischauspieler von der Kooperation mit den Oberstufen-Schülern, erklärt Urbanek, Intendant und Schauspieler des »Tonne«-Theaters.

Baustelle muss warten

Lehrerin Sabine Laage sieht auch die gute Zusammenarbeit und das Engagement hinter diesem Kooperationsprojekt und spricht ihren zur Probe versammelten Schülern, die teilweise trotz Abistress noch voll dabei sind, ein Lob aus. Für das dokumentarische Stück wird extra die Bauphase an der Katharinenkirche verschoben, betont Pfarrerin Ursula Heller. Ihr liegt das »schlimme, dramatische« Thema am Herzen und für sie gehört es in die Kirche, da sich zur früheren Zeit niemand für die verfolgten und gedemütigten Menschen eingesetzt habe. Von der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen und solche, die der Norm nicht entsprechen, hätten es auch heute noch schwer. Das Stück hat für Ursula Heller also auch einen aktuellen Bezug. Enrico Urbanek hebt außerdem die tolle Akustik in der Kirche als Pluspunkt des Aufführungsortes hervor. Die Hexenverfolgungen dienten, so Urbanek, damals als politisches Mittel zum Zweck und wurden von der Stadt als regelrechte »Events« öffentlich für das Volk ausgetragen. So geht es in der Lesung um den durchtriebenen, Macht dürstenden Bürgermeister Laubenberger und die Intrigen und Verschwörungen gegen die vermeintlichen Hexen, die auch die Familie Efferen ins Unglück stürzen sollen.

Lokale Geschichte hautnah

Den Anklagen zum Opfer fielen Menschen, die nicht ins System passten, geistig gestört oder verwirrt waren oder die man schlichtweg zugunsten der Machtvergrößerung loswerden wollte, weiß Enrico Urbanek über die damalige Zeit. 53 Menschen wurden laut Eckhard Wurm in Reutlingen in 100 Jahren der Hexerei bezichtigt und hingerichtet. Das Projekt soll diese Schicksale und Machenschaften anhand des Prozesses gegen vier »Hexen« mithilfe der originalen Anklageschriften greifbar machen. Eine mittelalterliche Stadtansicht Reutlingens in Schwarz-Weiß, ein Scherenschnitt im Kerzenschein und prägnante, wiederkehrende Musikstücke werden den Worten und dem Schauspiel der 22 Theaterschüler und drei Tonne-Mitglieder die passende Atmosphäre geben. Zudem sollen laut Dramaturgin Karen Schultze der Raum der Kirche und die »Bilder, die durch die Worte im Kopf entstehen«, für sich sprechen. Eckhard Wurm schrieb für sein Stück lediglich die Szenen und Gespräche der Familie Efferen neu, die tatsächlich in Reutlingen gelebt hat. Sie soll stellvertretend für das Schicksal aller der Hexerei Beschuldigten und Denunzierten stehen. Ansonsten bestehen die Texte der szenischen Lesung aus transkribierten Schriften und offiziellen Protokollen des Reutlinger Rates aus der Zeit vor 1667, dem Jahr der letzten Hexenverbrennung in Reutlingen.

KARTEN FÜR DIE LESUNGEN

Tickets sind beim Isolde-Kurz-Gymnasium (Telefon 07121 3034511) oder beim Tonne-Theater (www.theater-reutlingen.de oder Telefon 07121 93770) erhältlich. (GEA)
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