Flüchtlinge - Unterstützung für die Integrationszentren im Landkreis

Landratsamt stellt »Interkulturelle Vermittler« ein

VON NORBERT LEISTER

REUTLINGEN. Rudayn Isa hat in Syrien und in England einen Hochschulabschluss in Wirtschaftswissenschaften gemacht. Er war zuletzt, vor der Flucht aus seinem zerbombten Heimatland, in einer Bank und bei der Telekom als Personalchef tätig. Seit einem Jahr ist er in Deutschland und fast schon besser integriert als viele Einheimische: »Ich bin im Tennisverein in Riederich und im Schachverein in Metzingen«, sagt der 36-Jährige und schmunzelt. Nur eines ist er noch nicht: anerkannt.

Die drei Syrer Ibrahim Karkour (von links), Ahmad Alsaid und Rudayn Isa übernehmen in den Integrationszentren im Landkreis die Rolle von »Interkulturellen Vermittlern«. Hanna Brenzel steht ihnen dabei zur Seite.
Die drei Syrer Ibrahim Karkour (von links), Ahmad Alsaid und Rudayn Isa übernehmen in den Integrationszentren im Landkreis die Rolle von »Interkulturellen Vermittlern«. Hanna Brenzel steht ihnen dabei zur Seite. FOTO: Norbert Leister
Das haben ihm seine Landsleute Ahmad Alsaid (31 Jahre) und Ibrahim Karkour (36 Jahre) voraus. Beide sind froh, ihre Anerkennung bereits in den Händen zu halten. Karkour, der aus Aleppo stammt, konnte zudem vor einem Monat per Familiennachzug seine zwei kleinen Kinder und seine Frau in die Arme schließen. Er ist einer von neun »Interkulturellen Vermittlern« (IV) im Reutlinger Landkreis. »Die Idee dahinter ist, dass Flüchtlinge selbst eine Vorbildfunktion für andere Asylbewerber übernehmen«, sagt Hanna Brenzel, die als Vertreterin des Landratsamts im Integrationszentrum im Gewerbegebiet Mark West tätig ist.

Unterstützung für Sozialarbeiter

Gleichzeitig sollen die Vermittler aber auch erklären, wie der Arbeitsmarkt und die duale Ausbildung funktioniert, wie man sich bewirbt und viele andere Dinge. »Sie sollen vermitteln, wie Deutschland tickt«, sagt Hanna Brenzel. In dem Zusammenhang sei es gut gewesen, »dass wir vom Jobcenter geschult wurden, wie die benötigten Formulare zu verstehen sind«, sagt Ahmad Alsaid. Angestellt sind sie alle als »Bufdie«, also als Bundesfreiwilligendienstler, die eine geringfügige Entlohnung erhalten. »Sie sollen auch als Unterstützung für die Sozialarbeiter in den Unterkünften da sein und quasi eine Brückenfunktion ausfüllen«, sagt Hanna Brenzel. Wie aber bewerten die Vermittler selbst ihre Arbeit? Ibrahim Karkour und Ahmad Alsaid waren beide in Syrien Französischlehrer. Sie kennen sich also mit dem Unterrichten aus. Wie auch Rudayn Isa beschränken sie sich nicht allein auf Übersetzerdienste oder auf Erläuterungen. Sie bieten selbst Deutsch-Basiskurse an. Für alle Flüchtlinge, egal, ob anerkannt oder nicht. Ahmad Alsaid tut dies nicht nur in Münsingen, sondern auch in Hayingen, wo er selbst lebt. Auch Ibrahim Karkour und Rudayn Isa unterrichten in Reutlingen und Dettingen Menschen aus der halben Welt. Die Kommunikation klappt. »Viele können ja auch Englisch«, sagt Rudayn Isa.

Die Hauptaufgabe der neun Interkulturellen Vermittler, die bis auf einen Afghanen und einen Somalier alle aus Syrien stammen, ist auch die sogenannte »Kompetenzerfassung«. Rudayn Isa macht das in Dettingen online, über das Programm »Jobkraftwerk«. Da melden sich Flüchtlinge an und können dann mit der Unterstützung der Vermittler ihre Stärken herausfinden. »Firmen aus der Region haben auch Zugriff auf das Portal, um dort nach potenziellen Mitarbeitern zu suchen«, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler. Eine Einladung zum Praktikum wäre dann zumeist der nächste Schritt. So wie das vor Kurzem im Gastronomie-Bereich vonstattenging: Zehn Flüchtlinge informierten sich über die Tätigkeiten, vereinbarten auch sogleich Praktika. Ahmad Alsaid und Ibrahim Karkour gehen die Kompetenzerfassung in Münsingen und Reutlingen per Formular an oder »wie in einem Lebenslauf versuchen wir die Stärken, Wünsche und Interessen der Menschen festzuhalten«, sagt Ahmad Alsaid.

Alle drei Syrer waren in ihrem Heimatland schon ehrenamtlich tätig. Obwohl alle drei selbst noch Deutsch-Sprachkurse an den Volkshochschulen absolvieren, sind sie überzeugt, dass es gut ist, sich auch darüber hinaus einzubringen. Alles sei besser als nur in den Flüchtlingsunterkünften auszuharren und zu warten. Da könne einem leicht die Decke auf den Kopf fallen und psychische Probleme auftreten.

Spaß war offensichtlich

Deshalb hat Ahmad Alsaid vor Kurzem auf der Alb auch eine Flüchtlings-Fußballmannschaft zusammengestellt. Die spielte gegen ein einheimisches Team, das Endergebnis lautete 9:3 für die Heim-Elf. Doch der Spaß auf allen Seiten war offensichtlich »und ich habe ein Tor geschossen«, sagt Ahmad Alsaid.

Rudayn Isa wird demnächst mit anderen Flüchtlingen wandern gehen. »Ja, das gehört auch zu Deutschland«, sagt er schmunzelnd. Er selbst sei vor Kurzem mühsam den Weg zum Uracher Wasserfall hoch gelaufen. Ob Wandern in Syrien keine Rolle spiele? Alle drei lachen. »Eher nicht.« (GEA)

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