REUTLINGEN. Gestern sollte die Massenimpfung gegen Schweinegrippe beginnen - fragt sich nur, womit. Ein Bruchteil der Reutlinger Apotheker hatte den bestellten Impfstoff Pandemrix erhalten, die Mehrzahl schaute in die Röhre. »Frühestens am Mittwoch« könnten die Ärzte mit einer neuen Lieferung rechnen, hieß es. Ein Apotheker vermutete »Materialknappheit«. Und so lief zwangsläufig auch die Massenimpfung in den Reutlinger Praxen verhalten an.
Udo Frank Gundel, Vorsitzender der Kreisärzteschaft und ohnehin skeptisch, was die aktuelle Schweinegrippe-Impfung angeht, steht wie seine Kollegen vor einem Rätsel. Er hatte über eine Apotheke 20 Dosen bestellt, die Verordnung des Sozialministeriums schreibt aber vor, gleich 500 Dosen abzunehmen. Angekommen ist bisher nichts, außer der Ankündigung eines Papierkriegs. Der sieht so aus: Wenn die bestellte Ware nicht rechtzeitig eingetroffen sei, müsse die Bestellung beim Sozialministerium storniert und dann neu bestellt werden. Gundel hofft, dass er am Donnerstag impfen kann. Fünf seiner Patienten haben Bedarf angemeldet, vor allem Auslandsreisende und Diabetiker.
Aufgerufen sind zunächst die Risikogruppen: chronisch Kranke, aber auch Beschäftigte im Gesundheitswesen, Polizeibeamte, Feuerwehrleute. Eilig haben sie es nicht: Die Reutlinger Feuerwehr sei wegen eines Impftermins »im Gespräch mit dem Gesundheitsamt«, sagte Landkreissprecher Herbert Binsch. Er und seine Amtskollegen sollen ebenfalls einen festen Impftermin bekommen, voraussichtlich am 4. November. Ob sie ihn wahrnehmen, ist ihre Sache: Impfen lassen ist freiwillig.
Aufs Tempo scheint auch die Reutlinger Stadtverwaltung nicht zu drücken. Als Arbeitgeberin habe sie »keine expliziten Empfehlungen ausgesprochen« und weise »in diesem Zusammenhang auf die Stellungnahmen der ständigen Impfkommission im Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institutes hin«, lässt die Pressestelle im Rathaus wissen. Wobei das Gesundheitsamt Reutlingen immerhin 50 Einheiten Impfstoff vorrätig hat und kräftig Werbung macht, vor allem bei Menschen in »Schlüsselpositionen«.
Das sind Ärzte und Schwestern. Wie viele von ihnen sich gestern im Reutlinger Krankenhaus impfen ließen, ist unklar. Laut Pressesprecher Eckhard Zieker sind die Betriebsärzte im eigenen Haus zuständig, der Impfstoff kommt aus der Zentralapotheke der Klinik. Weil das Pflegepersonal im Schichtdienst arbeitet und deshalb nicht geschlossen zum Impfen geht, waren gestern keine Zahlen zu bekommen.
Unverdrossen Werbung macht der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI): »Die neue Grippe verläuft bisher relativ harmlos, doch kann eine zweite Welle potenziell anders ausfallen«, mahnt der Verband und wendet sich besonders an das medizinische Personal: »Menschen in medizinischen Berufen haben eine besondere Verantwortung gegenüber den Patienten.« Sie seien mindestens 24 Stunden vor einer Influenza-Erkrankung bereits infektiös und könnten Patienten anstecken.
Unterdessen hat US-Präsident Barack Obama mit Blick auf die Schweinegrippe am Wochenende den nationalen Notstand erklärt. In den USA sind mehr als 1 000 Menschen an dem neuartigen H1N1-Virus gestorben. 60 Millionen Amerikaner wurden gegen das Virus geimpft. Nach Medienberichten sind an vielen Orten in den USA geplante Massenimpfungen wegen knapper Impfstoffmengen verschoben worden. (GEA)