Südafrika - Der Eine-Welt-Laden in Reutlingen ist der Alleinimporteur eines ganz speziellen Produkts
Kunstwerke aus alten Teebeuteln
Von Ingeborg Röthemeyer
REUTLINGEN. Südafrika im Fokus der gesamten Fußballwelt, die Regenbogennation im Fußballfieber. Die Schere zwischen Arm und Reich indessen klafft weit auseinander im WM-Land. Während die Kameras auf die gerichtet sind, die im Licht stehen - die Fußballstars, Funktionäre, Politiker - kicken Nicholas, Maria und die Nachbarskinder mit zerfetzten Stoffbällen auf staubigen Schlaglochpisten.
Windlichter, verzierte Tabletts, Fotoalben und Untersetzer. All das macht Thelma (kleines Bild) aus gebrauchten Teebeuteln. Und der Reutlinger Eine-Welt-Laden ist der alleinige Importeur. FOTO: PR
Ihre Eltern kämpfen im Armenviertel »Mandela Park« in Kapstadt weit unten auf der sozialen Skala, unter der Armutsgrenze, um ein bisschen mehr soziale Gerechtigkeit, um Anerkennung und Arbeit.
Ein gutes Dutzend von ihnen ist auf diesem steinigen Weg ein gutes Stück weiter gekommen. Und ihre Erfolgsgeschichte führt direkt nach Reutlingen, wo ihre Geschäftspartner sind. Der Eine-Welt-Laden hat hier seit mehreren Jahren eine feste Handelsbeziehung mit dem Projekt »Original Teabag Designs« (»Teebeutel-Projekt«), einer kleinen Werkstatt am Rande des Armenstadtteils »Mandela Park«.
»Es sollte etwas Schönes und Wertvolles sein und dazu für einen guten Zweck«
Wie es dazu kam? Die geradezu geniale Geschäftsidee entstand - wo sonst - beim gemütlichen Teestündchen zweier englischer Freundinnen in Kapstadt. Jill Heyes? Blick blieb an jenem heißen südafrikanischen Nachmittag unvermittelt an den schlaffen, ausgelaugten Teebeuteln auf ihrer Untertasse hängen.
Schon seit mehreren Jahren hatte die tatkräftige Engländerin nach einem Produkt gesucht, das Menschen aus »Mandela Park« herstellen und verkaufen könnten, um ihre armseligen Lebensbedingungen zu verbessern. Etwas Schönes, Wertvolles sollte es sein, nicht einfach nur irgendwas, das wohlwollende Kunden aus Mitleid und »für den guten Zweck« erwerben. Aber gebrauchte schlaffe Teebeutel zu Kunstwerken und dann zu Geld machen. Wie kann das gehen?
Thelma Zilwa, Ideengeberin und Mitarbeiterin der ersten Stunde, macht es vor: Die Südafrikanerin nimmt den ausgequetschten, mit dem Föhn getrockneten Teebeutel, schneidet ihn vorsichtig auf und schüttelt die Teekrümel heraus, dann wird das kleine hellbraune Papier gebügelt und schon kann darauf - quadratisch oder rund - ein originelles Kunstwerk entstehen.
Thelma greift nun zu Farbe und Pinsel und lässt ihrer Fantasie freien Lauf. »Ich male nie etwas ab, bei jedem Teil lasse ich mich neu inspirieren«, sagt sie stolz. Afrikanische Ornamente in rostrot, gold und schwarz malt sie liebevoll auf ein kleines Quadrat. Es wird später auf eine Postkarte oder vielleicht auf einen Gläseruntersatz geklebt. Der bekommt dann noch eine transparente Glasur und wird nach fusselfreiem Trocknen schließlich mit drei weiteren Unikaten mit einer Bastschleife zu einem hübschen Päckchen verschnürt. Fertig zum Versand nach - Reutlingen.
Im Weltladen neben der Marienkirche wartet Edith Schindelhauer schon auf die neue Sendung. Durch ihre privaten Kontakte kam die Kooperation zustande. Routiniert packt die seit mehr als fünf Jahren erfahrene Teabag-Expertin mit ihrem fünfköpfigen Team Windlichter, geschmackvoll verzierte Tabletts, Fotoalben und Untersetzer in verschiedene Kartons.
»Artikel mit Flecken sind hier nicht an den Mann zu bringen«
Auch Thelmas kleine Kunstwerke sind dabei. Die Pakete gehen per Post an Weltläden in ganz Deutschland. Der Laden im Zentrum der Achalmstadt ist der alleinige Importeur von Teabag-Design-Produkten. »Wir wollen den Projektpartnern in Kapstadt hier einen Markt eröffnen«, umreißt Schindelhauer die Ziele der Zusammenarbeit. Regeln des Fairen Handels - keine Kinderarbeit, fairer Lohn, soziale Absicherung, gute Arbeitsbedingungen - sind dabei Grundvoraussetzungen. Und vor allem Qualitätssicherung - das A und O für nachhaltigen Verkaufserfolg.
»Artikel mit Flecken und Macken sind hier nicht an den Mann oder die Frau zu bringen«, weiß die erfahrene Weltladen-Mitarbeiterin. Auch im schicken Waterfront Store (Galerie für Kunsthandwerk) im Zentrum Kapstadts ist bei Touristen und betuchten Südafrikanern Qualität und Originalität gefragt.
Dort im Projektladen erwarten Thelma Zilwa und Sweetness Ndaba den WM-Boom. Sie wollen teilhaben am großen Geschäft mit der Fußball-Weltmeisterschaft. Wenigstens ein bisschen.
Die kreativen Frauen ernähren schließlich ihre gesamte Großfamilie. Thelma ist bereits aus ihrer Wellblechhütte in ein schmuckes kleines Häuschen umgezogen. »Bei mir regnet es nicht mehr rein«, freut sich die lebensfrohe mehrfache Mutter, »die Arbeit ist meine Zukunft. Sie gibt mir ein neues Leben.«
»Die Arbeit ist meine Zukunft. Sie gibt mir neues Leben«
Schweinsteiger und Co. sowie ihre Fans können sich jedenfalls beim Einkaufsbummel zwischen den Spielen in der Metropole am Kap mit edlen »Teebeutel-Souvenirs« eindecken, ebenso wie Südafrika-Fans Tausende von Kilometern nördlich, in Reutlingen unter der Achalm. (GEA)
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