leute  - Der Reutlinger Klaus Kühn gibt im äthiopischen Addis Abeba Druckworkshops für Schüler und Lehrer

Künstler, Pädagoge, Reisender

VON ELKE SCHÄLE-SCHMITT

REUTLINGEN. Gemälde und Drucke in leuchtenden Farben schmücken derzeit das Kaffeehäusle der Lebenshilfe in der Pomologie; dazu Fotos der kleinen und großen Künstler, von denen die Werke stammen. Das Besondere daran: Die Bilder sind im fernen Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, entstanden, an einer Schule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche.

FOTO: Elke Schäle-Schmitt
Die Betzingerin Doris Bornhäuser hat das »Center for Mentally Challenged Children« (CMCC) vor über dreißig Jahren gegründet und aufgebaut. Die Ausstellung im Kaffeehäusle hat der Reutlinger Sonderpädagoge und Künstler Klaus Kühn eingerichtet, der vor anderthalb Jahren - mit einem großen Koffer voll Material - zum ersten Mal im CMCC zu Gast war und einen Siebdruck-Workshop für die dortigen Lehrerinnen gegeben hat.

»Die machen so eine engagierte Arbeit und bekommen so wenig«, beschreibt Kühn seine Beweggründe. Als Fachleiter am Seminar für Sonderpädagogik in Stuttgart, wo er in den letzten fünfzehn Jahren rund 200 Lehramtsanwärter ausgebildet hat, sieht er den Unterschied täglich. »In Äthiopien gibt es kein Fortbildungsangebot wie hier bei uns«, sagt er. Schon gar nicht für Sonderpädagogen. Kinder mit Handicap werden in großen Teilen Afrikas bis zum heutigen Tag als Schande empfunden. An staatlichen Schulen laufen sie - wenn überhaupt - einfach so mit, ohne spezielle Betreuung. »Niemand achtet dort auf die Ressourcen des einzelnen Kindes, wie es hier bei uns als A und O betrachtet wird«, erklärt Kühn.
»Niemand achtet dortauf die Ressourcen deseinzelnen Kindes«
 

Zum GEA-Gespräch im Kaffeehäusle kommt er quasi direkt vom Flughafen. Wieder war er zehn Tage in Addis Abeba; Hoch- und Tiefdruck lautete diesmal das Thema seines Workshops. Ehrenamtlich tut er das alles, in den Ferien. Die Kosten bestreitet er aus eigener Tasche, unterstützt von »Sponsoren«. So hat er sich zum Sechzigsten von seinen Freunden Geld für das Siebdruckprojekt gewünscht. »Achthundert Euro sind da zusammengekommen«, die er für Arbeitsmaterial einsetzen konnte.

Als großes Privileg empfindet es Klaus Kühn, »wenn man sich seine Tätigkeiten aussuchen kann«, sei es beruflich, in der Freizeit oder beim ehrenamtlichen Engagement. Der 62-Jährige kann und konnte es sich fast immer aussuchen. In Wetzlar geboren - »ich habe einen hessischen Migrationshintergrund«, sagt er lachend -, kam er mit Anfang zwanzig zum Studium nach Reutlingen und ist geblieben. Heute lebt Kühn mit seiner Frau, der Familientherapeutin Mitra Shirazi, in der Oststadt. Kunsterziehung und Sonderpädagogik hat er an der PH studiert, die damals noch in Reutlingen angesiedelt war. Nach dem Studium hat er mit zwei Kollegen die Firma Graffiti-Siebdruck gegründet und sich, fünf Siebdruckerjahre später, doch für den Schuldienst entschieden. Über Stationen in Kirchheim, Sielmingen und an der Reutlinger Gutenberg-Schule ist er letztlich am Stuttgarter Seminar gelandet.
»Ich habe einen hessischen Migrations-hintergrund«
 

Dabei ziehen sich die Kunst und das Reisen wie zwei rote Fäden durch sein Leben, zwei Fäden, die sich immer enger miteinander verwoben. Schon 1989 ließ er sich für ein Jahr beurlauben, um mit seiner damaligen Partnerin auf Reisen zu gehen, nach Ägypten, Indien, Australien. »Wir sind mit Fahrrädern in Reutlingen gestartet«, erzählt er lächelnd, »aber die haben wir in Griechenland stehen lassen, als uns klar wurde, dass wir damit nicht weiterkommen.« Seither stand fast jedes Jahr eine große Reise auf dem Programm, nach China, Zentral- und Südostasien, Afrika, Südamerika. Im vergangenen Jahr waren er und seine Frau mit Mietauto und kleinem Zelt vier Wochen in Japan unterwegs, haben am Fudschijama gecampt.
»Die leisten unheimlichviel, da bleibt nichtsauf der Strecke«
 

Immer dabei: Kühns Kamera, eine analoge Leica, »noch so richtig mit Film«, sagt er. Herausgekommen sind Fotoserien, die schon bundesweit und international ausgestellt wurden, etwa bei der Expo in Hannover oder der in Schanghai. Nur wenig von dem, was Kühn sich gern »ausgesucht« hätte, hat bislang nicht geklappt. »Ich wollte immer im Ausland arbeiten«, erzählt er, »aber dazu ist es nie gekommen. Deshalb erfülle ich mir diesen Wunsch eben jetzt, am Ende meiner Berufslaufbahn.« Mit den Fortbildungen in Addis Abeba, wo er vor den Workshops am CMCC auch schon an anderen Schulen und an der Hochschule sonderpädagogische Kurse angeboten hat. Zwei-, dreimal im Jahr ist er in Äthiopien und hat dabei die Arbeit kleiner Hilfsorganisationen wie der von Doris Bornhäuser schätzen gelernt. »Die leisten unheimlich viel, da bleibt nichts auf der Strecke.«

Bis Sommer 2019 wird Klaus Kühn noch am Seminar in Stuttgart arbeiten, dann geht er in Ruhestand, aber nur, was den Brotberuf anbelangt. Die künstlerische Arbeit und die Projekte in Addis Abeba will er dann intensivieren - dankbar, dass er in der glücklichen Lage ist, sich das frei aussuchen zu können. (GEA)



MALEREI AUS ADDIS ABEBA

Die Ausstellung im Reutlinger Kaffeehäusle (Alteburgstraße 15), mit der auch um Unterstützung für die Schule in Addis Abeba geworben werden soll, wird noch bis zum 24. November während der Öffnungszeiten des Cafés gezeigt: Dienstag bis Freitag, 10 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag, 14 bis 18 Uhr. (els)

www.lebenshilfe-reutlingen.dewww.eecmy-cmcc.net
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