Kirche - Literaturgottesdienst füllt die Katharinenkirche. Chrysi Taoussanis liest aus »Der Koch« von Martin Suter
Kochtöpfe der Gerechtigkeit
Von Martin Schreier
REUTLINGEN. Gottes Wort wirkt. Davon sind die Christen überzeugt. Doch nicht nur die Heilige Schrift übt große Anziehungskraft aus. Das zeigte sich am Sonntag beim dritten Literaturgottesdienst in der Katharinenkirche. Pfarrer Christoph Zügel von der Betzinger Kirchengemeinde hatte Martin Suters Roman »Der Koch« ausgewählt. Deshalb stehen unterm Kreuz auf dem Altar allerlei Töpfe, Pfannen und ein Wok.
Die Tonne-Schauspielerin Chrysi Taoussanis liest aus »Der Koch« von Martin Suter.
Zügel macht keinen Hehl daraus, dass es sich bei Suters Roman um einen weltlichen Text ohne religiösen Anspruch handelt. Er untermauert seine Buchwahl mit Worten des ehemaligen Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen, Philipp Potter. Der habe nach dem Leitsatz »In der einen Hand die Bibel, in der anderen die Zeitung« gehandelt. Und so wechseln sich am Sonntag im Gotteshaus Liturgie, Orgelspiel, Bibelverse und Suters Roman ab.
»Theater und Gottesdienst liegen halt dicht beieinander«
Die Roman-Auszüge liest die Tonne-Schauspielerin Chrysi Taoussanis. Es geht um den Tamilen Maravan aus dem bürgerkriegserprobten Norden Sri Lankas, der als Asylbewerber in der Schweiz weit unter seinem Niveau als Küchenhilfe arbeitet, sowie um den literarischen Gegenpol, den skrupellosen Waffenhändler Eric Dallmann. Zwischen all den gastronomischen Highlights offenbart der Roman globale Zusammenhänge und Auswirkungen, wie sie sich im Leben des Einzelnen, ob reich oder arm, brutal niederschlagen.
Gerechtigkeit ist dann auch das Thema, dem sich Zügels Gottesdienst verschrieben hat. »Ungerechtigkeit hat ihren Preis. Nicht nur für die armen Schlucker und die kleinen Leute, sondern auch für die, die sich ganz oben wähnen.« Im Nu könne alles vorbei sein. Ungerechtigkeit zahle sich nicht aus. Im Gegenteil - sie richte Erde und Menschen zugrunde.
Chrysi Taoussanis, die Theaterpublikum gewöhnt ist, sieht die Lesung in der Kirche als eine besondere Herausforderung. »Die Erwartungen sind in der Kirche andere. Die Leute wissen noch nicht, ob sie es gut finden sollen oder nicht.« Doch die voll besetzte Katharinenkirche und der Applaus am Ende des Gottesdienstes geben darauf eine eindeutige Antwort. Gekommen sind nicht nur Reutlinger. »Ich finde es interessant. Das will ich mir nicht entgehen lassen«, hatte Erika Rapp vor Beginn des Gottesdienstes gesagt. Sie ist eigens aus Römerstein hergefahren. Allerdings findet sie auch gut, dass der Literaturgottesdienst nur eine Reihe ist.
Das sieht auch Pfarrer Zügel so. Einen Literaturgottesdienst vorzubereiten, bedeute doppelt so viel Aufwand wie einen regulären: »Das muss etwas Besonderes bleiben.« Im Zusammenspiel von Klerus und Schauspiel sieht er keinen Widerspruch. »Theater und Gottesdienst liegen halt dicht beieinander. Denn Gottesdienst ist immer auch eine Form der Inszenierung.«
Am Ende des literarisch-kulinarischen Gottesdienstes meint die Pfarrerin der Katharinenkirche, Ursula Heller, am liebsten würde sie jetzt gemeinsam mit den Besuchern Essen gehen. Sie freut sich über den großen Zuspruch, den die Literaturgottesdienste finden. Schließlich muss das Kirchengebäude saniert werden und die Kirchengemeinde einen Eigenanteil von 55 000 Euro dazu beitragen. Beim letzten Gottesdienst seien 1 002 Euro zusammengekommen. »Wir können hier bald renovieren, was das Zeug hält«, freut sich Heller.
Den nächsten Literaturgottesdienst gestaltet Asylpfarrerin Susanne Haag am 12. Februar gemeinsam mit dem Tonne-Schauspieler Paolo Giordanos, der aus »Die Einsamkeit der Primzahlen« liest. Den Abschluss der Reihe macht Ursula Heller mit Heinrich Bölls »Ansichten eines Clowns« am 19. Februar. (GEA)
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