Reutlingen
Soziales - Online-Jugendberatung Youth-Life-Line des AKL Reutlingen/Tübingen gibt jungen Menschen Lebenshilfe

Jugendlichen in Krisen helfen

Von Judith Knappe

REUTLINGEN/TÜBINGEN. Suizid ist bei jungen Menschen unter 25 Jahren nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache. Versuche, sich das Leben zu nehmen, sind Signale und Hilfeschreie, die davor niemand bemerkt hat. Um Jugendlichen eine Anlaufstelle zu bieten, gibt es seit 2002 die Online-Jugendberatung Youth-Life-Line des Arbeitskreises Leben Reutlingen/Tübingen (AKL).

Florine beantwortet die E-Mails, Pädagogin Nina Schweigert gibt Hilfestellung.  FOTO: JUDY
Florine beantwortet die E-Mails, Pädagogin Nina Schweigert gibt Hilfestellung. FOTO: Judith Knappe
»Für die Jugendlichen ist es sehr schwer, sich einem Erwachsenen mitzuteilen«, erklärt Nina Schweigert, die als eine von zwei hauptamtlichen Pädagoginnen die Beratungen betreut. Die Hemmschwelle öffentliche Einrichtungen aufzusuchen, sei sehr hoch, da die jungen Menschen oft nicht wüssten, was sie erwartet. »Sie haben Angst, als krank eingestuft zu werden.«

Deshalb sind die sogenannten »Peerberater« bei »Youth-Life-Line« alle selbst im Teenager-Alter. Jugendlichen falle es leichter, sich Gleichaltrigen anzuvertrauen - sie sind Ratgeber, die »die gleiche Sprache sprechen«. Mittlerweile arbeiten etwa 30 Peerberater ehrenamtlich für das Projekt. Aus Platzgründen befinden sich die Räumlichkeiten allerdings in Tübingen.

Anonymität, aber Transparenz

Die Beratung der »Klienten« - so werden die Ratsuchenden genannt - erfolgt nur per E-Mail und das einmal in der Woche. »Anders geht es zeitlich nicht«, sagt Schweigert, »sonst müssten die Peerberater ja rund um die Uhr im Büro sitzen«. Bereits in der ersten E-Mail stellt sich der Peerberater vor und erklärt, dass einmal pro Woche geantwortet werden kann. Klargestellt wird auch, dass keine persönlichen Daten freigegeben werden, weder die des Klienten, noch die des Beraters. »Transparenz ist für uns und die Betroffenen sehr wichtig«, sagt Schweigert.

Eine persönliche Note besteht jedoch darin, dass immer der gleiche Peerberater einem Klienten antwortet. »Wenn aber der Berater aus schulischen Gründen zum Beispiel nach einigen Jahren aufhört«, erzählt die 18-jährige Florine, die sich seit anderthalb Jahren als Peerberaterin engagiert, »wird der Klient nicht einfach fallen gelassen«. Er wird einem anderen Berater anvertraut.

Die Krisenthemen der Jugendlichen sind breit gefächert. Sie reichen von Liebeskummer über Beziehungsprobleme, Gewalterfahrungen, Missbrauch und Essstörungen bis hin zu Suizidgedanken und Suizidversuchen, sagt Nina Schweigert. Um die Berater auf derart schwierige Themen vorzubereiten, werden die Peerberater entsprechend ausgebildet.

»Vor allem das Thema Suizid hat mich sehr interessiert«, sagt Florine - ein Thema, über das man nicht so einfach mit den Freundinnen spricht. »Bei Youth-Life-Line wurden meine Fragen beantwortet, ich kann jetzt viel besser mit dem Thema umgehen.« »Als das Projekt startete, gab es natürlich Bedenken«, bestätigt Nina Schwaiger.

Anfangs wurde die Jugendberatung deshalb von Professor Gottfried Maria Barth von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen beobachtet und wissenschaftlich beurteilt. Er habe in seiner Stellungnahme alle Bedenken zerstreut, sagt Schweigert.

»Das Projekt stärkt die Jugendlichen, denn sie lernen sich besser kennen und wissen dann auch mit eigenen Problemen umzugehen«, sagt Schweigert. Ihnen werde aber nie die volle Verantwortung für die Antworten zuteil. Denn jede E-Mail wird mit einer der beiden Pädagoginnen abgesprochen und reflektiert. »Das entlastet uns ganz schön«, gibt Florine zu.

Bedenken sind verschwunden

Auf die Frage, ob ihre Eltern Bedenken hätten, schüttelt Florine entschieden den Kopf. »Nein, sie sind eher interessiert und unterstützen mich, wo sie können.« Am Anfang sei es zwar schwer gewesen, die Probleme der Klienten im »Büro zu lassen«. Aber irgendwann lerne man es, sagt sie. »Wenn die Peerberater sich Sorgen machen, kommen sie zu uns«, bestätigt Nina Schweigert. Dann spreche man über die Ängste und Gedanken und erst dann machen sich die Jugendlichen auf den Heimweg.

Am 18. September wird Youth-Life-Line von Ministerpräsident Stefan Mappus im Rahmen des Wettbewerbs »Kommunale Bürgeraktionen« ausgezeichnet. Bei dem Auswahlverfahren wurden Kriterien untersucht, wie zum Beispiel die Vorbildfunktion des Projekts, der Ideenreichtum und der zeitliche und finanzielle Einsatz. (GEA)


Online-Jugendberatung Youth-Life-Line


Ehrenamtliche und Unterstützung gesucht
Jugendliche, die sich für mindestens zwei Jahre als Peeberater ehrenamtlich engagieren wollen, sind immer willkommen. Das erste Ausbildungsangebot startet am Wochenende 12. und 13. November. Danach sind immer donnerstags von 19 bis 21.30 Uhr die "Gruppenabende". Wer mindestens 15 Jahre alt ist, im Raum Reutlingen/Tübingen wohnt, wöchentlich etwa drei Stunden beraten kann und Einfühlungsvermögen besitzt, der kann sich für die 70-stündige Ausbildung bewerben. Der Arbeitskreis Leben finanziert das Projekt Youth-Life-Line. Trotzdem ist die Jugendberatung auf Hilfe angewiesen. Denn jedes Jahr muss eine Summe von 50000 über Spenden oder Stiftungen erwirtschaftet werden, um weiterhin bestehen zu können. (GEA)
0 70 71/25 42 81
Volksbank Tübingen
BLZ 64 19 01 10
Kto.Nr. 70 97 60 07

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