Reutlingen
Girls' & Boys' Day - Aus den Geschlechterrollen hüpfen. Das ermöglichten rund 550 Angebote im Landkreis.

Jenseits der Klischees

Von Claudia Hailfinger

REUTLINGEN. »Gell, da braucht man ganz schön Kraft«, ermutigt Christine Kiedaisch die noch zaghaft in den feuchten Ton greifenden Jungen. Aus den Kugeln in ihren Händen sollen später praktische Gefäße werden. Dazu wird mit kräftigem Daumendruck ein Loch in die Kugel gedrückt und aus gerollten Tonwürsten ein Rand geformt. Etwas eingeschüchtert sitzen Max und Kevin in einer Horde Mädchen, die alle angehende Ergotherapeutinnen im ersten Lehrjahr sind.

Junge Mädchen bei der Arbeit: im Chemielabor der Hochschule Reutlingen
Junge Mädchen bei der Arbeit: im Chemielabor der Hochschule Reutlingen FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Mit dem Töpfern erlernen sie ein wichtiges ergotherapeutisches Mittel, mit dessen Hilfe sie Menschen, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind, zu mehr Selbstständigkeit führen können.

Es war das erste Jahr in dem bundesweit neben dem Girls' Day auch ein Boys' Day organisiert wurde. Jungen Männern sollen dabei Einblicke in Berufe gegeben werden, die klassischerweise Frauen zugeordnet werden.



Zaghaftes Interesse

Maximal drei Jungen sind jeweils in den Ausbildungsklassen, weiß die Dozentin an der Berufsfachschule für Ergotherapie. Sie vermutet, dass der geringe Verdienst im Therapeutenberuf dafür verantwortlich ist. Dabei könne durch Spezialisierung oder durch eine eigene Praxis durchaus etwas zu verdienen sein, so Kiedaisch. Und die Mädchen selbst hätten gar nichts gegen männliche Unterstützung. »Das ist total anstrengend, wenn nur Mädchen zusammen sind«, findet eine Auszubildende. Sie sieht eine Mitschuld für die niedrige Männerquote bei den Berufsinformationszentren. Pflegeberufe würden da den wenigsten Jungs empfohlen.

Max und Kevin gehen in die 7. Klasse. Sie wollten einfach mal was anderes ausprobieren. Dabei ist Kevin eh kreativ veranlagt, er malt gerne. Sein Berufswunsch steht für ihn aber schon lange fest: Mit Tieren möchte er arbeiten. Die beiden Mitstreiter Lennert und Felix sitzen derweilen einen Stock höher und lernen etwas über motorisch-funktionelle Behandlungsverfahren. Wie etwa mit einem Verband die Hand stabilisiert werden kann.

»Männer werden gesucht in unserem Beruf«, macht die Lehrkraft Sigrid Krauß deutlich. Neben den gestalterischen Aufgaben seien durchaus auch handwerkliche Fähigkeiten gefragt.

In Reutlingen standen am Boys' Day soziale Berufe im Vordergrund. Verhältnismäßig gering war dabei das lokale Angebot für Jungen, genauso gering auch deren Interesse. Während für den Girls' Day weit über 500 Stellen zum Reinschnuppern einluden, waren es bei den »boys« nur etwa 50. Viele davon blieben unbesetzt, manch eine Veranstaltung kam gar nicht zustande.

Der nun zum elften Mal stattfindende Girls' Day war dagegen wieder ein großer Erfolg. Bei der Stadtverwaltung etwa waren knapp 50 Mädchen unterwegs. Sie besuchten unter anderem die Feuerwehr und die Stadtentwässerung. 16 Teilnehmer zählte das Landratsamt, wobei die beliebtesten Berufe die der Forstwirtin und der Forstingenieurin waren.

Kristin Maier-Müller ist der Informationstag für Mädchen ein echtes Anliegen. Sie ist Mitgeschäftsführerin der Firma G. Maier, die sich auf Antriebstechnik und Elektrowärme spezialisiert hat. Nach dem Wirtschaftsstudium entschied sie sich zusätzlich für das Studium der Elektrotechnik. »Technik und Frauen - das passt gut«, ist sie sich sicher. Und ermutigt gerade auch die Mädchen, sich auf die noch offenen Ausbildungsstellen im Haus zu bewerben. Abwechslungsreich und durchaus kreativ könne die Arbeit im Betrieb sein. Neben der Tätigkeit auf der Baustelle seien auch die Bereiche Planung und Entwicklung reizvoll.

Lötkolben statt Füller

Etwas verloren in der großen Maschinenhalle wirken die drei Freundinnen, die sich entschieden haben, einen Tag in dem Elektrotechnikbetrieb zu verbringen. Statt Füller halten sie nun Lötkolben in der Hand und versuchen, eine zuvor verdrahtete Schaltplatine zu verbinden. Es qualmt und stinkt. Kurze Zeit später halten Theresa, Nadine und Steffi einen elektronischen Würfel in der Hand, bei dem nach dem Zufallsprinzip Würfelzahlen aufleuchten.

Schon öfters haben sie zusammen am Girls' Day teilgenommen. Spaß macht es ihnen und interessant sei es. Ob's aber wirklich mal ein technischer Beruf sein soll, da sind sich die Neuntklässlerinnen unsicher. Dennoch schauen sie gespannt zu, als ihnen die Fräsmaschine und die Abkantpresse präsentiert werden.

Zum ersten Mal lud in diesem Jahr auch die Hochschule zu diversen Aktionen in ihre Gemäuer ein. Während 15 Jungs in der Fakultät Textil und Design die Spinnerei und das Nählabor kennenlernen konnten, waren die Mädchen in den Fachbereichen Technik und Angewandte Chemie, im Wirtschaftsingenieurwesen und der Informatik zugange. Die Mädchen, die aus den Klassen 5 bis 10 kamen, gingen engagiert zur Sache.

Mit Kamera und Mikrofon machten sie sich auf, ein eigenes Video zu drehen. »Dieser praktische Teil macht zwar nur einen Teil des Informatikstudiums aus, gehört aber dazu«, so Boris Terpinc, Professor der Wirtschaftsinformatik. Im Chemielabor wurden die Mädchen unter dem Motto »Chemie macht schön« dem Fach näher gebracht. Sie durften sich eine Creme zusammenmixen. (GEA)



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