Bürgerpark - In der Skateanlage tummeln sich immer mehr Kinder mit Spielgeräten. Sportler haben das Nachsehen

Interessen prallen aufeinander

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Moritz Trompeter stand das erste Mal mit acht Jahren auf einem Skateboard. Die Leidenschaft für die Bretter auf Rollen ließ ihn nicht mehr los. Mangels besserer Gelegenheit tobte er sich anfangs damit auf dem Marktplatz aus. Als später die ersten kleinen Skateanlagen im Stadtgebiet gebaut wurden, freute es ihn trotz aller Unzulänglichkeit der Plätze.

Foto: Privat
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Richtige Freude kam beim 36-Jährigen und der »Community« aber auf, als vor einem Jahr die Skateanlage im Bürgerpark eröffnet wurde: ein Eldorado für die Brett-Artisten. Inzwischen ist die Freude deutlich getrübt. »Eigentlich ist es ein Traum - aber durch die Verhältnisse auch ein Alptraum«, sagt Moritz Trompeter.

Denn mittlerweile hat sich im Skatepark ein handfester Interessenkonflikt entwickelt zwischen Sportlern, für die die Anlage gebaut wurde, und kleinen Kindern mit Spielgeräten, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Für die Nutzung gibt es klare Regeln, doch an die halten sich die wenigsten. Der Skatepark, in dessen Planung die Jugendlichen einbezogen waren, ist für Skateboards konzipiert, auch für BMX-Räder, Inlineskates und Stuntscooter - eine kompakte, hoch belastbare Variante des Tretrollers, bestens geeignet für Sprünge (Tricks) und Fahrten im hochgelobten »Pool« der Reutlinger Anlage. Keineswegs geeignet sind allerdings die ganz normalen Cityscooter, mit denen immer mehr Kinder in der Betonbahn rumkurven. Sie sind wesentlich leichter und schon wegen ihrer Klappmechanik nicht für Sprünge ausgelegt. »Das kann extrem gefährlich werden«, sagt Moritz Trompeter, der in vielen Skateparks im Land unterwegs ist und weiß, dass es »oft genug« zu Unfällen mit den kleinen Rollern kommt. Umso mehr wundert er sich, dass Eltern ihren Nachwuchs mit den Cityscootern in den Skatepark lassen.

Run hat nachgelassen

Nicht nur verwunderlich, sondern äußerst ärgerlich für die Skateboarder, BMX'ler oder Inlineskater, die ihren Sport betreiben wollen: Immer mehr »Zwerge« tummeln sich in der Anlage. Trompeter erzählt von einem Dreijährigen, der mit seinem Bobbycar im »Pool« herumkurvte. Zu viert trugen sie das Kind samt Bobbycar heraus. »Wenn da links und rechts Ältere fahren, die den übersehen, ist das gar nicht witzig.« Die Sportler sind mit Geschwindigkeiten bis zu 20 Stundenkilometern unterwegs, wiegen locker das Dreifache der Kinder.

Erschwerend kommt dazu, dass die vielen Scooterfahrer, die laut Trompeter derzeit die Bahn »fluten«, einen anderen Bewegungsablauf im »Pool« haben als Skateboarder, Inlineskater oder BMX'ler. Für die ist es deshalb schwierig, Fahrtrichtung und Tempo der rollernden Kinder abzuschätzen. Brenzlig wird es vor allem dann, wenn die Kids mit ihren Gefährten nicht mehr raus aus der Bahn kommen und laufen müssen. Natürlich will keiner die Kleinen umfahren. Also warten die Sportler, bis die Bahn frei ist. Oder kommen gar nicht mehr, weil sie »keine Lust mehr haben, sich mit den Kindern rumzuärgern«, so der 36-jährige Filialleiter des Reutlinger Kiwistores. Der anfängliche Run auf die Reutlinger Skateanlage - seines Wissens nach die einzige in Deutschland, die mitten im Stadtzentrum liegt - habe deutlich nachgelassen.

Appelle an die Kinder bringen nichts. Hinweise an die Eltern aufs Mindestalter von acht Jahren oder darauf, dass es sich beim Skatepark um einen Sport- und keinen Spielplatz handelt, gehen ins Leere, berichtet Moritz Trompeter. »Die nehmen uns nicht ernst, das kannst du zehn Mal sagen.« Einige reagieren aggressiv. Von einem Vater, dessen Sohn er zurechtgewiesen hatte, bezog er beinahe Prügel.

Der Skatepark, stellt Klaus Kupke vom Amt für Schulen, Jugend und Sport klar, war immer als Sportanlage für Jugendliche geplant. Nach einer langen Vorgeschichte sei es gelungen, ihnen »endlich etwas richtig Tolles« zu bieten, wo sie sich auch gefordert fühlten. Klar ziehe die Anlage Familien und Kinder an. Vom Konzept her sei sie auch zum Zuschauen bei den spektakulären Kunststücken der Skateboarder gedacht. »Aber jetzt wird sie so okkupiert, dass die ihre Tricks gar nicht mehr machen können.«

Dass die am Geländer angebrachte Skatepark-Benutzerordnung geflissentlich ignoriert wird, finden Kupke und die jungen Leute ärgerlich. Klar definiert ist unter anderem das Mindestalter, welche Sportgeräten zulässig sind, die Nutzungszeiten und dass die Anlage eben kein Spielplatz ist. Um die Regeln noch augenfälliger und auch für Kinder verständlich zu gestalten, könnte sich Klaus Kupke größere Piktogramme vorstellen. Die Skateboarder schlagen eine Broschüre mit Verhaltensregeln wie in Skigebieten vor. Und Kontrollen durchs Ordnungsamt, eventuell sogar Bußgelder. Letzteres ist derzeit aber ordnungsrechtlich nicht möglich. In anderen Skateparks, weiß Moritz Trompeter, hilft man sich mit speziellen Zeiten für die unterschiedlichen Nutzergruppen. In Köln kontrolliere inzwischen sogar eine externe Security.

»Eigentlich wollen wir nicht mit Verboten handeln«, sagt Klaus Kupke. Bleibe nur, um Verständnis für die zu werben, für die der Skatepark gebaut wurde. Auch Arno Valin, Chef des zuständigen Tiefbauamts, hält wenig von einer zu engen Reglementierung oder gar Einlasskontrollen. »Dann ist die ganze Offenheit weg, das wäre widersinnig.« Er sieht wie Kupke keinen anderen Weg, als an die Vernunft der Eltern zu appellieren. Allerdings sollen längerfristig auch Alternativen für die Kinder angeboten werden. Nach der Sommerpause will die Stadt kleinere Spielelemente aufstellen. In einem zweiten Schritt soll laut Valin über »Kinderspielmöglichkeiten im Bürgerpark an geeigneter Stelle« nachgedacht werden. Das brauche aber eine Gesamtplanung samt Gemeinderats-Beschluss. (GEA)



GEA-LOKALTERMIN IM BÜRGERPARK

Im Bürgerpark pulsiert inden Sommermonaten das Leben. Er bietet viel, auch für ganz unterschiedliche Interessengruppen. Es gibt viel Lob für den Anziehungspunkt mitten im Herzen der Stadt, aber es gibt auch Kritik. Und erste Konflikte wie im Skate- und Parkour-Park. Ob Wasserspiel, Gastronomie, Ruheflächen an der Echaz, Sportanlage, Anbindung zur Innenstadt oder andere Themen: Die GEA-Lokalredaktion möchte wissen, was Ihnen gefällt oder nicht, was für Anregungen oder Verbesserungsvorschläge Sie haben. Am Donnerstag, 17. August, ist die Redaktion vor Ort und freut sich über Ihren Besuch: von 17 bis 18 Uhr im Bereich der Skateanlage. (GEA)
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