Reutlingen
Ausbildung - Erster Jahrgang aus Mumbai macht MBA-Masterabschluss an der Hochschule Reutlingen

Inder lieben deutsche Ordnung

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. »Wir wollen Mittelständlern helfen«, sagt Dennis De, Professor an der Hochschule Reutlingen. Schwäbischen Mittelständlern, die sich in Indien engagieren, aber auch indischen Unternehmen auf ihrem Weg nach Westen.

Als Leiter des Zentrums für Indische Wirtschaftsstudien an der ESB Reutlingen (European School of Business) gründete De vor anderthalb Jahren eine Dependance in Mumbai, noch unter Mithilfe des damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Seither können Reutlinger MBA-Studierende für ein Semester nach Indien gehen, ihre Kommilitonen aus Mumbai belegen im Gegenzug Vorlesungen in Reutlingen. Ein Austausch, der blüht und gedeiht, wie ein Treffen am Reutlinger Campus zeigte.



Hinwendung nach Asien

Getroffen haben sich die Pioniere des Austauschs: 20 Studierende, die als erste in Reutlingen ihren Master-Abschluss machen, zehn Unternehmer aus der Region, bei denen der indische Nachwuchs Praxisluft schnuppern darf und die Initiatoren aus Reutlingen und Indien, unter ihnen Professor Malay Krishna, der die Reutlinger Dependance leitet.

Die Freude war allumfassend. Studiendekan Professor Stefan Seiter lobte den funktionierenden Austausch und beschrieb den Weg der Reutlinger Hochschule von der Fokussierung auf Europa und die USA und nun die Hinwendung nach Asien.

Dort engagiert sich die Eisenmann AG aus Böblingen etwa gleich lange wie die Reutlinger Hochschule. Regelmäßig hat Eisenmann indische Studenten zu Gast. Der Systemanbieter für Oberflächentechnik mit Hauptsitz in Böblingen hat 3 000 Angestellte weltweit, seit einigen Monaten 50 in Indien. Von der nach oben weisenden Erfolgskurve berichtete der Indien-Spezialist des Unternehmens, Jan Siebert bei dem Treffen.

Sieberts persönliche Eindrücke deckten sich mit dem, was andere Indien-Reisende zu berichten wussten. Das Land »exotisch«, die Menschen »offen«, das Essen »gut« - in diesem Punkt freilich gehen die Meinungen auseinander. Viele von Sieberts Kollegen auf Indien-Einsatz bestellen regelmäßig Pizza.

Alles scheinbar kein Problem

Die Geschäftswelt sei »hoch technisiert«, aber auch »extrem bürokratisch«. Sieberts Rat an alle, die Indien als Betätigungsfeld entdecken wollen: »Machen Sie sich auf einen langen Behördengang gefasst, in Indien genauso wie in Deutschland.« Im seltsamen Kontrast dazu steht die Lebensauffassung der Inder, bei denen alles irgendwie zu geben scheint (»no problem sir«), dann aber doch länger dauert. Zeit, hat Siebert festgestellt, ist in Indien nicht so wichtig, Qualität und Preise dafür umso mehr. Das heißt: Inder wollen für kleines Geld maximale Qualität - ein Umstand, der den Handel extrem schwierig mache.

Kommt genauso schnell ans Ziel

Und was denken die Studierenden über Deutschland? An diesem Abend ausschließlich Gutes. Sie freuten sich über die »gute Organisation« von Land und Leuten, dass alles so schön aufgeräumt sei hier. Sie fahren gerne mit 200 Sachen über die Autobahn und freuen sich an der Exotik des Essens, an das auch sie sich erst gewöhnen müssen. Voll des Lobes sind sie auch über ihre Chefs, die Kulanz zeigen, geduldig seien und sogar großzügig.

Siebert hat allerdings noch ein Bild mitgebracht, das etwas zeigt, was letztlich alle vermutet hatten: wie die Inder die Deutschen wirklich sehen. Studierende sollten ihre Eindrücke in Zeichnungen zusammenfassen - da sind überlaute, herrschsüchtige Menschen zu sehen, die devoten Indern gegenüber ihre Vorstellungen durchzudrücken versuchen, aber auch ein Deutscher, der alles gleichzeitig will, sich wie ein Wirbelwind im Kreis dreht und deshalb nicht vom Fleck kommt.

Der Inder auf der Zeichnung dagegen bewegt sich federleicht und, wer hätte es gedacht, kommt genauso schnell ans Ziel. (GEA)



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