Heimat - Erinnerungen an eine Kindheit in Afrika. Nicola Vollkommer: »Unter dem Flammenbaum«
Immer in der Ferne zu Hause
VON HANS A. LASSLOB
REUTLINGEN. Wenn Nicola Vollkommer hier ist, in Reutlingen, hat sie immer ein wenig Sehnsucht nach England. Wenn sie aber in England ist, sehnt sie sich zurück zur Albkante und zu dem charakteristischen Profil der Achalm: »Ich bin schon hier zu Hause; hauptsächlich, aber nicht nur, weil mein Mann hier ist und meine Kinder«.
Viele Erinnerungen, heitere, schöne, aber auch schwere, sind in dem Buch "Unter dem Flammenbaum - Wo meine Seele ihr Nest hatte" gesammelt, fokussiert auf die Person der Mutter Nicola Vollkommers. Mit dem Tod der Mutter ist auch Afrika für sie Vergangenheit und Andenken - wie die beiden kleinen Büsten aus Dornbusch-Holz links hinter ihr. FOTO: LASSLOB
Und die Zeit in Afrika? Kindheit und Jugend, wunderschöne und harte Erinnerungen - aber eben Erinnerung, festgehalten jetzt in einem Buch mit dem Titel »Unterm Flammenbaum«; und mit dem sprechenden Untertitel »Wo meine Seele ihr Nest hatte«, der wohl nicht zufällig in der Vergangenheitsform gehalten ist.
Achtzehn Monate war sie alt, als die Eltern der Autorin, ein englischer Unternehmensberater und seine deutsche Frau aus Pommern, »für zwei Jahre« nach Nigeria gingen; es wurden zwanzig Jahre daraus. Kurz zuvor war Nigeria unabhängig geworden, was zunächst Chaos nach sich zog, da uralte, den Kolonialherren überhaupt nicht bewusste ethnische Spannungen wieder aufflammten. Sie gipfelten 1966, als Nicola Sperry sieben Jahre alt war, im Biafra-Krieg.
Haussa jagten Ibo
Dabei waren die Engländer erst so stolz gewesen, wie gut ihnen die Entlassung der einstigen Besitzungen in die Selbstständigkeit gelungen war. Und nun verfolgten die ansässigen Stämme im Norden Nigerias, voran die Haussa, die Ibo, deren etliche zu Roy Sperrys Angestellten zählten. Und eine Siebenjährige, erinnert sich Nicola Vollkommer, weiß und versteht manchmal viel mehr, als die Eltern meinen. Dennoch ist ihre afrikanische Kindheit in der Erinnerung der Autorin eher ein Patchwork, ein Mosaik.
Der Tod ihrer Mutter, eigentlich ihr Sterben, hat Nicola Vollkommer einen Fixpunkt gegeben, eine Orientierung, an der die Geschichte ihrer Erinnerungen sich orientieren kann. Und das hat ihr beim Strukturieren des Buches Halt gegeben; wohl, weil sie sehr an der Mutter und auch an deren Mutter - der deutschen Großmutter - gehangen hat und noch hängt, obwohl sie nicht mehr leben. Der Großmutter wegen wollte schon die kleine Nicola immer Deutsch lernen, denn ihre sonst so besonders aufgeschlossene Mutter hatte ihre drei Töchter nicht zweisprachig aufwachsen lassen.
Begegnung in Tübingen
So fand sie als Sprachen-Studentin den Weg nach Deutschland; ausgerechnet nach Tübingen, wo Helmut Vollkommer sozusagen schon auf sie wartete. Es war grad umgekehrt wie bei ihren Eltern: Die Krankenschwester Hella Taucher wollte sich nach dem Krieg in Leicester fortbilden - weg aus Nachkriegs-Deutschland -, traf Roy Sperry und blieb. Jetzt blieb Nicola in Tübingen und heiratete 1982 Helmut Vollkommer.
Über ihre eigene Kindheit zu schreiben, darauf wurde die Autorin der Kinderbücher über »Eddie das Küken« von ihrem Verlag (SCM Hänssler) gebracht: Ob sie denn ihre eigene ungewöhnliche Geschichte nicht aufschreiben wolle? Erst ging sie mit großer Skepsis das Patchwork ihrer Erinnerungen durch, doch im Gespräch mit ihrem Vater, heute 86 Jahre alt, schlossen sich mehr und mehr Lücken, erschlossen sich Zusammenhänge. Er steuerte Wissen und Korrespondenz bei, aus denen Nicola Vollkommer zitieren durfte, erinnerte sich an kindliche Dialoge, die das Buch nun besonders lebendig machen. Und so ist es nicht ihr Buch allein, sagt die Autorin, es ist auch das Buch ihrer Eltern.
Mutter »scandalising«
Besonders die Mutter, viel zu früh gestorbene Zentralfigur im Leben der Autorin wie der ganzen Familie Sperry, ist nicht nur Adressatin der Widmung im Buch, sie ist auch Hauptfigur - nicht nur, wenn sie in Person auftritt und agiert. Die Eltern sind Nicola Vollkommer »Helden und Vorbilder«, beim Schreiben des Buches aber ist ihr noch einmal oder erst so richtig bewusst geworden, welch eine große Ausnahme-Erscheinung ihre Mutter gewesen ist; sowohl im wörtlichen Sinne als schöne und elegante Erscheinung, als auch und wohl vor allem mit ihrem besonderen und sehr starken Charakter.
Mit großer, mit hörbarer Bewunderung erzählt die Autorin im Buch und im Gespräch davon, wie ihre Eltern sich nicht als Herren, sondern als »Diener« der Afrikaner gesehen hätten. Und wie provokativ ihre Mutter dies lebte. Zu den Partys der europäischen Society trug sie ein Gewand wie eine Afrikanerin - und zwar immer dasselbe! Shocking, scandalising! Die ebenfalls aus religiöser Überzeugung erwachsende Einstellung des Vaters sei im Grunde genauso gewesen, die bewusst provokative Demonstration jedoch blieb der Mutter vorbehalten.
So war Nicola gewissermaßen darauf vorbereitet, sich in den Lehrer und Prediger Helmut zu verlieben, wenngleich sie auch heute, mit vier erwachsenen Kindern noch betont: »Ich habe ihn als Mann gewählt!« Die Mutter war jedenfalls begeistert, dass Nicola einen Deutschen »gewählt« hatte, der Vater hätte den Schwiegersohn gerne nach England geholt; und die Tochter natürlich dazu. Doch die Engländerin Nicola - zu ihrem Entsetzen musste das junge Mädchen in einem englischen Internat, Hochburg von Bildung und gesellschaftlicher Eleganz, Schuluniform tragen und sogar Strümpfe anziehen (- »ich kann die Dinger bis heute nicht leiden!«) - hat an der Achalm ihre Heimat gefunden: Nirgends ist es so schön wie hier, sagt die afrikanische Deutsch-Engländerin.
Zurück will sie nicht
Der Palasa-Baum, die »Flamme des Waldes«, der feuerrot in Bukuru blüht, hat dem Buch von Nicola Vollkommer den Namen geliehen, doch es zieht sie nicht dorthin zurück. Doch, ja, es war wunderschön in Bukuru, der kleinen Stadt auf einer Hochfläche in Nigeria, es war eine - nicht immer - paradiesische Kindheit und Jugend dort im äußerst engen Zusammenhalt der Familie.
Aber der schmerzliche Tod ihrer Mutter lässt auch die Zeit in Afrika für die Autorin vergangen sein; mit sehr schönen und mit schmerzlichen Erinnerungen. (GEA)