Serie - Die Malereien in und um die Katharinenkirche von Rudolf Yelin und Friedrich Hummel

Kunst im öffentlichen Raum: Historismus und Moderne

VON JÜRGEN KEMPF

REUTLINGEN. Die Katharinenkirche beim Friedhof Unter den Linden ist »ein architekturgeschichtlicher Markstein und eine Art Visitenkarte des Baumeisters Heinrich Dolmetsch«.

FOTO: Markus Niethammer
So Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch vor zwei Jahren, als das 125-jährige Bestehen des Bauwerks gefeiert wurde. Das gilt nicht nur für die Architektur der Hallenkirche, die zwischen dem Historismus, dem bevorzugten Baustil des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der aufziehenden Moderne samt Jugendstil changiert, sondern auch für die Malereien in und um die Katharinenkirche. Darauf lenkt nun Ulrich Lukaszewitz in der neuen GEA-Folge von »Kunst im öffentlichen Raum« den Blick.

Während die ursprüngliche Pfarrkirche Reutlingens, die den Aposteln Peter und Paul geweihte Kirche im Umfeld von Reutlingens ältestem Begräbnisplatz, bereits 1539 abgebrochen wurde, hielt sich die Spiegel- beziehungsweise Michaelskapelle aus dem 14. Jahrhundert als Friedhofskirche bis tief ins 19. Jahrhundert. Sie wurde mehrfach saniert, 1782 von Grund auf erneuert und diente auch als Kirche für das neben dem Friedhof gelegene Siechen- und Armenhaus.

Abbruch des »Käppele« 1887

In dem zum Jubiläum von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde 2015 herausgegebenen »Katharinenmagazin«, redigiert von Pfarrerin Ursula Heller und dem Theologen und Journalisten Jürgen Simon, finden sich ausführliche Darstellungen von Geschichte und kunstgeschichtlicher Bedeutung der Kirche. Dort steht auch, dass das Bedürfnis nach Vergrößerung und Verschönerung der Kirche, im Volksmund »Käppele« genannt, bereits 1852 in einem Protokoll des Stiftungsrats aktenkundig werden. Nachdem man zunächst jedoch ausschließlich auf private Unterstützung angewiesen war, zog sich die Sache hin. Erst im Juni 1887 kam es zum Abbruch der alten Kirche.

Mit dem Neubau wurde der Architekt Heinrich Dolmetsch beauftragt, der einige Jahre später auch die Sanierung der Marienkirche leitete. Dem Geist der Zeit entsprechend baute Dolmetsch im neugotisch/neuromanischen Stil. Im Gegensatz zur klassischen Basilikaform entschied er sich allerdings für eine Art Hallenkirche: Die Seitenschiffe sind fast so hoch wie das Hauptschiff. Und die Bauweise ist hochmodern: Die Katharinenkirche stützt sich auf ein Skelett aus Stahl, das hinter der Steinfassade verborgen ist.

Neuer Kunststil

Während Dolmetsch plante, kam in Europa ein neuer Kunststil auf: Art nouveau oder auch Jugendstil genannt. In Abkehr vom vorherrschenden Historismus, der Nachahmung vergangener Architekturepochen, wollte man einen eigenen Stil schaffen. Prägend wird vor allem die Ornamentsprache, »die sich am ehesten noch mit den naturalistischen Ausschmückungen und Formen des ausgehenden Mittelalters vergleichen lassen«, so die Kunst- und Architekturhistorikerin Kristina Kraemer im »Katharinenmagazin«. Dolmetsch schöpfte nun aus den ihn umgebenen Strömungen, einerseits aus dem immer noch andauernden Historismus, andererseits in der Betonung des Kunsthandwerks durch den aufkommenden Jugendstil. Das zeigt sich in den aufwendig geschreinerten Kirchenbänken, der Schablonenmalerei an der Wand und den Medaillons am Chorbogen, die Bibelgleichnisse darstellen.

Hummel und die »Nymphe«

Die Reutlinger Maler Friedrich Hummel und Rudolf Yelin begründeten ihren Ruf mit der Ausmalung der Katharinenkirche. Friedrich Hummel ist den GEA-Lesern schon einmal früher begegnet. Seine »Nymphe« schwebte einst über der Wilhelmstraße im Ziergiebel des Gebäudes Nummer 36, einst das Gasthaus Hirsch, zuletzt ein Tengelmann-Markt. Als das Gebäude wegen des Baus der Müller-Galerie abgebrochen werden musste, wurde zumindest das Gemälde geborgen und gesichert.

Ein Wiedereinbau an anderer Stelle ist – obwohl beim Abbau von Baubürgermeisterin Ulrike Hotz versprochen – bis heute nicht erfolgt. So ruht es immer noch gut verpackt im Depot der Technischen Betriebsdienste.

Nämlicher Friedrich Hummel gestaltete den segnenden Christus über der Eingangstür in der Katharinenkirche. Rudolf Yelin d. Ä. malte die ersten Bilder auf die Wand der Kirche: die Brustbilder des Evangelisten Johannes und des Apostels Paulus. Es ist eine Besonderheit, dass Yelins Sohn Rudolf die Entwürfe für die Glasfenster machte, die im Zweiten Weltkriegs zerstört wurden.

Deutliche Elemente des Jugendstils zeigen sich im 1906 als »al fresco«-Gemälde entstandenen Bild von Friedrich Hummel über dem sogenannten »Totentörle«. Über dem Tor, in das die Begräbniszüge aus der Stadt kommend den Friedhof betraten, befand sich seit dem Mittelalter auch die Wohnung des Henkers. Der durfte ob seines Berufs nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen. Später war es das Domizil der Friedhofsaufseher. Das Torhaus wurde zusammen mit der mittelalterlichen Mauer 1897 abgebrochen, das Tor selbst aber blieb erhalten.

Zum Bibeltext »Den ihr suchet, er ist nicht mehr hier, er ist auferstanden«, schuf Hummel ein Bild vom Geschehen auf Golgatha. Drei Frauen kommen zum Grab, um Jesus zu salben. Ein Engel verkündet ihnen, dass sie vergeblich kommen. Die Innenseite des Tores ist bis heute nicht bemalt, deshalb meint Ulrich Lukaszewitz, dass ein Maler des 21. Jahrhunderts den Auftrag für die künstlerische Gestaltung erhalten sollte. Die damaligen Kosten von 1 000 Mark für das Hummel-Bild wurden von einem wohlwollenden und wohlhabenden Reutlinger Bürger gespendet. Dies sollte Beispiel für heutiges Kunstsponsoring in Reutlingen sein, mahnt Lukaszewitz an.

An der Katharinenkirche interessiert Lukaszewitz noch ein anderer Aspekt, der allerdings nichts mit der kunsthistorischen Betrachtung zu tun hat. Durch die Industrialisierung kamen mit den Firmen Ulrich Gminder, Emil Adolff, Wagner auf dem Buckel und anderen rund 3 000 Arbeiter mit ihren Familien in Arbeit und Brot. Die Katharinenkirche sollte nach Meinung der Kirchenleitung eine besondere Aufgabe übernehmen, nämlich »die Vorurteile der Arbeiter gegen die Kirche eines Tages zu überwinden«. So wurde die Kirche zum 1. April 1908 Mittelpunkt eines neu geschaffenen Pfarrbezirks, der praktisch das ganze Stadtgebiet jenseits der Bahnlinie umfasste.

Literarische Gottesdienste

In den vergangenen 20 Jahren prägte die Katharinenkirchenpfarrerin Ursula Heller das Profil der Gemeinde nachhaltig: »Die Stellung der Katharinenkirche im Gesamtkirchenbezirk Reutlingen ist gefestigt.« Reichhaltig das Begleitprogramm: Literarische Gottesdienste mit dem Tonne-Theater, monatliche Konzerte, Literaturveranstaltungen. Motto: »Mit Musik geht alles besser.«

ZUR SERIE UND PERSON

Ulrich Lukaszewitz (geb. 1943) ist der dienstälteste Reutlinger Gemeinderat (seit 1968). Der ehemalige Lehrer ist Maler, Kunstfreund und kämpft seit Jahren für mehr Kunst im Stadtbild. Er nennt das einen »Beitrag zur humanen Stadt«. Der GEA stellte in einer Serie von Ulrich Lukaszewitz ausgewählte Kunstwerke in der Stadt vor, die ihm besonders am Herz liegen, weil sie vom Verfall bedroht oder gar schon untergegangen sind oder ihm besonders bemerkenswert erscheinen. (GEA)
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