Reutlingen
Heiligmorgen - Treffen aller Beteiligten im Vorfeld der feuchtfröhlichen Party. Müllkonzept und eventuell Sperrung

Heiligmorgen: Entspannung im »Bermudadreieck«

Von Ulrike Glage

REUTLINGEN. Heiligabend naht, alles freut sich. Doch auch der »Heiligmorgen« rückt näher. Und der löst in Reutlingen mitnichten bei allen Menschen Frohlocken aus. Das feuchtfröhliche Reinfeiern ins Weihnachtsfest, das Hunderte junger Menschen in die Innenstadt zieht, war in den vergangenen Jahren zunehmend mit unschönen Begleiterscheinungen verbunden. Müll, Lärm, wildes Urinieren - das stank vor allem den an der »Partymeile« ansässigen Einzelhändlern, die zum Teil sogar ihre Läden am umsatzstärksten Tag im Jahr dicht machten. Mit gemeinsamen Anstrengungen bemüht man sich jetzt um Besserung.

Weihnachtsmorgen Reutlingen 2010
Turbulenter »Heiligmorgen«: In einer konzertierten Aktion wollen Stadt und Gastronomen versuchen, die negativen Begleiterscheinungen zu reduzieren. FOTO: Jürgen Meyer

Zapfenstreich um 15 Uhr

Erstmals gab es im Vorfeld eigens ein Treffen mit allen Beteiligten - den Einzelhändlern natürlich, Gastronomen, Stadtmarketing, Ordnungsamt. Und dem Amt für Wirtschaft und Immobilien, das zuständig ist fürs Marktgeschehen. Denn Heiligabend fällt diesmal auf einen Samstag, sodass am »Heiligmorgen« außer den Feierlustigen auch zig Wochenmarkt-Kunden und Beschicker in der Innenstadt unterwegs sind. Und das könnte die ohnehin nicht unproblematische Situation weiter verschärfen.

Einig war man sich bei dem Treffen laut Ordnungsamtschef Albert Keppler, dass man die »Heiligmorgen«-Turbulenzen nicht verhindern kann und will - auch die betroffenen Einzelhändler nicht. Aber es soll versucht werden, das Ganze in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Deshalb wurde ein Müllkonzept erarbeitet: Die Gastronomen haben sich laut Keppler verpflichtet, den Abfall, der bei ihrem Ausschank vor der Gaststätte entsteht, selbst zu entsorgen. Was die Technischen Betriebsdienste, die am Samstag ohnehin den Marktplatz säubern, an Zusatzreinigungen erledigen müssen, wird von den Wirten gezahlt.



So viel zum Unrat. Und zum Krach: Um 15 Uhr ist Zapfenstreich, die Wirte müssen also ihren Freiluft-Ausschank abräumen, wenn er auf öffentlichen Flächen stattfindet. Damit, so Keppler, soll verhindert werden, dass »die Leute, die am Nachmittag in den Gottesdienst wollen, sich durch die feiernde Menschenmenge drängen müssen«.

Klar ist jetzt schon, dass das Bermudadreieck zwischen Kanzlei- und Oberamteistraße am Samstag so dicht wie eh und je sein wird mit trinkfreudigen jungen Menschen - so dicht, dass kein Durchkommen ist. Schon gar nicht für Fahrzeuge. Deshalb sollen die Marktbeschicker diesmal die Fußgängerzone für ihre An- und vor allem Abfahrten nutzen. Albert Keppler hatte sich im vergangenen Jahr selbst unters massenhafte Feiervolk gemischt. Trotz heftigen Schneefalls bekam er hautnah mit, wie eng es im »Epizentrum« zugeht. »Das ist unheimlich gefährlich, wenn da einer durch den Menschenpulk fährt.« Deshalb wurde mit dem Kommunalen Ordnungsdienst vereinbart, die Party anlaufen zu lassen - und wenn's zu heftig wird, die Kreuzung nebst Zufahrt für den motorisierten Verkehr zu sperren.

Neue Gastronomen-Generation

Wolfgang Piel, Inhaber des gleichnamigen Schmuckgeschäfts in der Oberamteistraße, wird als unmittelbar Betroffener am Samstag dennoch seinen Laden schließen. Das hat er schon im vergangenen Jahr getan. »Wenn das eine gesellschaftliche Entwicklung ist, muss ich das akzeptieren«, kommentiert er das Geschehen am »Heiligmorgen«. »Was ich nicht akzeptiere, ist der Müll.« Da ist er allerdings zuversichtlich, dass das vereinbarte Konzept diesmal greift - zumal, wie er betont, eine neue Generation von Gastronomen in der Oberamteistraße am Werk ist, die »sehr bemüht« sei um eine friedliche Koexistenz mit den Nachbarn.

Piel lässt am Samstag geschlossen, weil beim Gedränge rund um seinen Laden Kundengespräche in »paparazzimäßiger Atmosphäre« keinen Sinn machen. Böse ist er deshalb niemandem. »Ich wünsche den Beteiligten schönes Wetter«, sagt er. Und ergänzt: »Wenn die hinterher aufräumen, bin ich total glücklich.« (GEA)



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