Podiumsdiskussion - Beim Gospel-Event in der Markthalle ging's einen Abend nur um Neuigkeiten, die man gern hört
Gute Nachrichten für Reutlingen
Von Carina Stefak
REUTLINGEN. Was war die letzte gute Nachricht, die Bernhard Reiser erreicht hat? »Dass meine Tochter den Führerschein geschafft hat!« Der Stuttgarter strahlt übers ganze Gesicht, als er dies verkündet - kurz nachgedacht hat er aber schon, über eine Antwort auf diese Frage. Ist es nicht so, dass der Mensch dazu neigt, sich gute Neuigkeiten viel schlechter zu merken, als unangenehme? Kann nicht jeder sofort drei Dinge aufzählen, über die er sich heute geärgert hat, muss aber regelrecht überlegen, was eigentlich gut gelaufen ist?
Pfarrer Johannes Eißler, Hochschuldekan Prof. Dr. Ottmar Schneck, FDP-Bundestagsabgeordneter Pascal Kober, Moderatorin Steffi Renz, GEA-Chefredakteur Christoph Irion und Hans-Hubert Krämer, Stadtrat und FWV-Vorsitzender in Reutlingen.
FOTO: Jürgen Meyer
Harald Scherer vom Christlichen Zentrum Reutlingen bekräftigt: »Die Schwaben neigen schon dazu, eher das Schlechte zu sehen, das um uns herum geschieht. Deshalb haben wir einen Abend gestaltet, an dem wir uns auf das Positive konzentrieren wollen.« Einen Abend in der Markthalle - moderiert von Steffi Renz - an dem am Samstag fünf Experten über die Frage »Was ist eine gute Nachricht für Reutlingen?« reden. Einen Abend ohne schwere Kost und Schwierigkeiten, mit fröhlicher Musik des Gospel Celebration Choirs.
Optimismus, Mut und Motivation
Die Musikwahl ist kein Zufall. »Gospel« bedeutet »gute Nachricht« und davon haben die Podiumsgäste einige im Gepäck. Besonders die jungen Menschen dürften nicht erwartet haben, was Prof. Dr. Ottmar Schneck, Dekan der ESB Business School in Reutlingen, an ihre Adresse schickt: »Die neue Studentengeneration ist verantwortungsvoller und engagierter als die vorige.«
Er zählt sich zu den 68ern, den Babyboomern. »Ich stehe morgens auf, weil ich es muss. Trinke Kaffee mit Milch. Die Idealisten aus den 70ern stehen auf, weil sie einen Traum haben. Sie trinken Latte und fahren in den Urlaub in die Toskana, und nicht, wie wir, nach Italien. Die Kinder der 80er trinken fair gehandelten Kaffee und fordern den Vater auf: »Chill mal.« Und die 90er, die heute studieren, bilden eine ganz neue Generation.
»Die wollen keine Praktika bei L'Oréal oder Daimler - die wollen soziale Projekte in Kamerun unterstützen«, beschreibt Schneck den Wertewandel, den er feststellt. Die Hochschule unterstütze diese soziale Verantwortung, denn »Bildung ohne Werte ist wertloses Wissen«. Schneck fühlt sich motiviert durch seine Studenten und will den Eltern Mut machen, auf ihre Kinder zu vertrauen, weniger Druck auszuüben und ihnen Freiheit in ihrer Entwicklung zu lassen.
Die gute Nachricht, die FDP-Bundestagsabgeordneter Pascal Kober überbringt, passt zu seinem Leitspruch: Veränderungen beginnen vor der eigenen Haustür. »Die Stadt Reutlingen verzichtet auf alle Produkte, die irgendwo auf der Welt durch Kinderarbeit hergestellt werden.«
Eine gute Sache, findet Kober, denn »auch, wenn die Wirksamkeit unserer Gesetze an den Grenzen der Bundesrepublik aufhört, sollte man nicht den Kopf in den Sand stecken und sich auch für die kleinen Dinge einsetzen«.
»Die Medien verbreiten mehr schlechte Neuigkeiten als gute«, sagt GEA-Chefredakteur Christoph Irion. Woran liegt das? Positive Entwicklungen werden oft in einem langen Prozess erarbeitet. Schlimme Ereignisse reißen diese »Ordnung« auseinander und rütteln auf. »Deshalb sind Menschen und Medien ereignisfixiert«, sagt Irion. Trotzdem betrachtet der Journalist es als seine Aufgabe, die »Welt auch mit positiven Geschichten zu gestalten«, denn die Menschen sehnten sich auch danach.
Gute Nachrichten weiterzusagen, das macht auch dem ehemaligen Gemeindepfarrer der Marienkirche Johannes Eißler Freude. »Wir in Reutlingen haben besonders gut gelernt, mit behinderten Menschen zusammenzuleben und sie nicht auszugrenzen«, findet er und lobt, wie sich in der Citykirche gesunde und gehandicapte Menschen begegnen.
Hans-Hubert Krämer, Stadtrat und Vorsitzender der Freien Wählervereinigung Reutlingen, findet: »Es gibt keine schlechten Nachrichten für eine Stadt«, denn durch sie biete sich auch die Chance, bei Problemen nachzubessern. »Und das zieht dann wieder gute Nachrichten nach sich.« (GEA)
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