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03.01.2018

Kino - Das Publikum goutiert das Filmangebot im »Kamino«. Johann-Georg Röhm ist der 50000. Besucher

Reutlingen

Grandioser Erfolg des Kamino mit Luft nach oben

REUTLINGEN. Für Johann-Georg Röhm war es eine schöne Bescherung am Tag vor Heiligabend. Das erste Mal zu Gast im Kamino und gleich Mittelpunkt einer Erfolgsgeschichte: Der Reutlinger war der 50000. Besucher des Programmkinos im Wendler-Areal seit der Eröffnung am 17. September 2015. Eine Flasche Crémant und zwei Gutscheine für weitere Besuche durfte Johann-Georg Röhm an diesem Abend mit nach Hause nehmen.

Das Kamino im Wendler-Areal schreibt eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. foto: trinkhaus
Dass diese Besucherzahl innerhalb von zweieinviertel Jahren erreicht werden würde, wagte damals keiner aus der Vorstandsriege um Andreas Kissel, Klaus Kupke, Susanne Mayer-Hagmann, Andreas Vogt und Karin Zäh zu hoffen. »Ich habe das nicht für möglich gehalten«, sagt Andreas Vogt über ein genossenschaftlich organisiertes Programmkino, dessen 850 Genossen mittlerweile mehr als tausend Anteile zeichnen.

»Wir gewinnen also die Menschen fürs Kino zurück«
 

Eine in der Kinobranche tätige Beratungsfirma hatte dem Kamino langfristig 20 000 Besucher im Jahr prognostiziert. Diese Prognose erwies sich bereits zwei Jahre nach der Eröffnung als zu knapp kalkuliert. »Es waren im zweiten vollen Jahr bereits 25 000 Besucher«, sagt Andreas Vogt. »Zum Teil lagen die Steigerungsraten bei 30 Prozent und mehr.« Die Besucher kommen aus dem gesamten Landkreis, aber auch aus Tübingen, wo die Kinolandschaft deutlich vielfältiger ist als im Nachbarort Reutlingen. »Wir sehen uns als Bereicherung«, sagt Andreas Vogt. »Manche waren 20 oder 30 Jahre nicht mehr im Kino. Zu uns kommen sie. Wir gewinnen also die Menschen fürs Kino zurück.« Und davon profitierten auch andere Kinobetreiber - was einer Branche gut tut, die in den vergangenen Jahren weltweit mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen hatte.

Großen Anteil daran hat vor allem die wachsende Verfügbarkeit von Streaming-Angeboten. Das in New York City beheimatete »Wall Street Journal«, notierte: »2017 ist das Jahr, in dem wir zugeben müssen, dass Kinofilme als ein prägendes Segment unserer Populärkultur aufgehört haben zu existieren.« Im vergangenen Jahr dürften amerikanische Konsumenten etwa 13,6 Milliarden Dollar für Subskriptionsdienste wie Netflix oder On-Demand-Angebote ausgegeben haben - mehr als sie an den Kinokassen haben liegen lassen.

Auch in Deutschland mehren sich Stimmen, die das gute alte Kino sterben sehen, obwohl sich deutsche Lichtspielhäuser nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) spürbar erholt haben. Die Kinos setzten im ersten Halbjahr 519 Millionen Euro um, was einem Plus von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Parallel dazu wuchs die Zahl der Besucher um 4,9 Prozent auf 60,2 Millionen.

»Kino brummt, es gewinnt wieder an Bedeutung«
 

Die Zahl der Kinosäle legte ebenfalls zu: Ende Juni 2017 gab es 4 671, 68 mehr als im Jahr davor und damit so viele wie seit 2009 nicht mehr. Auch die Betreiber der Programmkinos in Deutschland sind zufrieden. »Kino brummt, es gewinnt wieder an Bedeutung«, sagt Felix Bruder, Geschäftsführer der AG Kino-Gilde. Bruder widerspricht damit Michael Kötz, Leiter des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg sowie des »Festivals des deutschen Films« in Ludwigshafen. Das Internet habe »nachhaltig den existenziell-technischen Grund für die Notwendigkeit des Ortes Kino beseitigt«, sagt Michael Kötz. Reinhard Kleber, Journalist mit den Arbeitsschwerpunkten Film und Medien, fragt angesichts dieser Entwicklung im Branchenblatt »Filmdienst«, ob man »hoffnungslos naiv oder nostalgisch« sein müsse, »um in Zeiten von Netflix, YouTube und Co. noch ein neues Kino zu eröffnen«? Seine Antwort fällt dann aber optimistischer aus, als die Frage vermuten lässt: »Offensichtlich gibt es Unternehmer, die da anderer Meinung sind: Nachdem lange Zeit vom 'Kinosterben' die Rede war, ließen sich in letzter Zeit diverse Neu- und Wiedereröffnungen von Spielstätten verzeichnen, deren Inhaber im Kino offensichtlich eine Zukunft sehen. Diese Zukunft gestaltet sich freilich nicht von selbst, sondern verlangt nach ambitionierten Konzepten.«

Wie diese Konzepte aussehen, umreißt Wolfgang Schäfer, erfolgreicher Kinobetreiber aus Kassel, dessen »Cineplex Baunatal« vor Kurzem mit dem Hessischen Kinopreis für nachhaltiges Kino ausgezeichnet wurde. »Kinos müssen die richtigen Antworten auf ( -) neue Mitbewerber um die Freizeit finden. Dies geht nicht mit den Kinos von gestern, sondern nur mit zukunftsfähigen Kinos, mit Events, komfortablem Zugang zum Kino, gutem Service und attraktiven gastronomischen Angeboten. Der Gast honoriert ein gutes Kinoangebot und kommt wieder, wenn das filmische Angebot stimmt«, so Schäfer im »Filmdienst«.

Dass das Reutlinger Kamino »zukunftsfähig« ist, beweisen aber nicht nur die Publikumszahlen. »Wir legen den Schwerpunkt auf den europäischen Film«, sagt Andreas Vogt. Immer wieder sind Filmschaffende zu Gast im Wendler-Areal, um in Publikumsgesprächen über Gesehenes zu diskutieren. So viel Engagement rund um den europäischen Film wird goutiert. Das Kamino wird Mitglied von »Europa Cinemas«, einem 1992 gegründeten europäischen Filmtheater-Netzwerk zur Förderung des europäischen Films mit Sitz in Paris. Kinos, die einen festgelegten Mindestanteil von europäischen Filmen in ihrem Programm zeigen, werden von diesem Netzwerk auch finanziell unterstützt. »Wie hoch die Förderung sein wird, erfahren wir im Frühjahr. Aber es dürfte sich um einen namhaften vierstelligen Betrag handeln«, sagt Andreas Vogt.

Und das neue Jahr wirft weitere Schatten voraus. »Vom 15. bis 21. März nehmen wir erstmals zusammen mit dem Forum 22 aus Bad Urach und dem Cineplex Planie Reutlingen an der baden-württembergischen Schul-Kino-Woche teil.« Dann verwandeln sich Kinosäle erneut in Klassenzimmer und Schulklassen können eine Woche lang ausgewählte, pädagogisch wertvolle und zu den Bildungsplänen passende Filme im Kino ansehen, an Filmgesprächen teilnehmen und sich so mit dem Medium Film und seinen Besonderheiten auseinandersetzen.

Trotz der Erfolgsgeschichte, die im Kamino in den vergangenen zwei Jahren geschrieben wurde, sieht Andreas Vogt Luft nach oben. »Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass noch längst nicht alle hier waren, die von uns gehört haben.« Ab dem morgigen Donnerstag dürfte sich um 20.30 Uhr die Zahl der Erstbesucher aber weiter verringern. Dann und in den kommenden drei Wochen läuft im Rahmen des Bundesstarts »Das Leuchten der Erinnerung« mit Donald Sutherland und Helen Mirren. Die beiden Oscar-Preisträger sind Protagonisten eines Road Movies mit »brillanten Hauptdarstellern, in dem die melancholische Reflexion übers Altern und Loslassen von humorvollen Momenten aufgelockert wird«, schreibt Heidi Strobel im »Filmdienst«.

»Der Gast kommt wieder, wenn das filmische Angebot stimmt«
 

»Wir wollen das erreichte Niveau im neuen Jahr zumindest halten«, sagt Andreas Vogt und wird mitten im Satz von einem Kurierfahrer unterbrochen. »Wo soll die Palette hin?« »Welche Palette? Moment, ich komme.« Fünf Minuten später steht Andreas Vogt wieder im Foyer des Kaminos und entschuldigt sich für die Störung. »Das war eine Lieferung von 20 000 Eintrittskarten fürs neue Jahr« - ein Kontingent, das 2018 nicht reichen wird, sollte das Programmkino im Wendler-Areal weiter an der Erfolgsschraube drehen. (GEA)

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