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08.02.2012

Dialog - Christen und Muslime im Alberhaus im Gespräch über »Religion - Hoffnung und Gefahr«

Reutlingen

Glaube als Rezept gegen die »Krankheit« Gewalt?

REUTLINGEN. Ein sunnitischer Moslem, zwei Katholiken, ein Protestant und ein bekennender Atheist im respektvollen, friedlichen Dialog:

Dialogbereit: Hans Joas (von links), Enrico Urbanek, Abdessalem Raouan, Wolfgang Wagner mit Moderator Paul Schlegl.
Auf der Bühne des Matthäus-Alber-Hauses wurde am Montagabend verwirklicht, was anzustreben eine zentrale Herausforderung der Menschheit ist.

Dabei war das Thema des Abends, zu dem Evangelische Bildung, Katholische Erwachsenenbildung (KEB) und Volkshochschule geladen hatten, ein brisantes: »Religion - Hoffnung und Gefahr«.

KEB-Leiter Paul Schlegl moderierte das Podium. Seine Gesprächspartner waren Wolfgang Wagner, Pfarrer bei der Evangelischen Akademie Bad Boll, Tonne-Intendant Enrico Urbanek und der studierte Islam-Theologe Abdessalem Raouan. Der 40-jährige Tunesier ist Imam der »Internationalen Islamischen Gemeinschaft Reutlingen« im Echazzentrum. Er sieht ein klares Verhältnis von Gewalt und Religion: Gewalt sei eine »Krankheit des Menschen seit Kain und Abel«, die Religion ein Mittel, Frieden zu stiften und Hass und Neid zu bekämpfen.

Raoun lebt seit 13 Jahren in Deutschland und möchte der zweiten und dritten Generation der Migranten »die Werte des Islam vermitteln«. Der Tunesier möchte auch den christlich-islamischen Dialog in der Stadt fördern, unter anderem als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK). Dort hat er nach eigenem Bekunden überhaupt erst Vertreter der anderen islamischen Gemeinden in Reutlingen kennengelernt. »Es muss auch ein interislamischer Dialog stattfinden«, findet er.

»Die Muslime wollen in Frieden leben«, beteuerte Raouan und hob die Nähe der drei großen monotheistischen Religionen hervor, die er als einen Baum mit einem gemeinsamen Stamm und verschiedenen Zweigen sieht.

Nicht nur auf der Straße, auch in der evangelischen Kirche hat der interreligiöse Dialog Grenzen. Wolfgang Wagner referierte über die aktuelle Debatte in seiner Kirche, ob eine Vikarin einen Muslim heiraten darf. Das Thema sei unglücklich angegangen und im Verlauf der Diskussion viel Porzellan zerschlagen worden.

Spätestens seit dem 11. September 2001 sei das Bild des Islam mit Angst besetzt, war man sich auf dem Podium einig, ebenso wie über die Rolle der Medien, die die Angst mit negativen Schlagzeilen und Bildern verstärkten. Zugleich hat das Thema Religion an Bedeutung gewonnen. »Religiosität hat Konjunktur«, meinte Tonne-Intendant Enrico Urbanek, der in der DDR aufgewachsen ist und damit in einer Gesellschaft, in der Religionslosigkeit quasi als kultureller Fortschritt gepriesen wurde. Urbanek ist bis heute bekennender Atheist. Als Kulturschaffender stets am Puls der Zeit spürt er aber das große Interesse des Publikums. Und: Es sei hochinteressant, sich diesen Themen zu nähern.

»So richtig kontrovers war die Debatte ja nicht.« Das Fazit von Professor Hans Joas verdeutlichte die Schwäche des Abends: Auf dem Podium war man bemüht, jede konsensgefährdende Klippe zu umschiffen. Der Freiburger Soziologie-Professor hatte zu Beginn des dreistündigen anspruchsvollen Abends, der vom Ensemble »Voce Amore« musikalisch ansprechend umrahmt wurde, mit einem Referat Denkanstöße gegeben. Er warnte unter anderem vor »zu großen«, aber griffigen Formulierungen, die keine Realitäten widerspiegeln. So sei es falsch, vom »Kampf der Kulturen« zu sprechen. »Kulturen handeln nicht und kämpfen nicht.« Menschen übten die Gewalt aus - einzeln oder in Gruppen. Religionen würden dabei oft nur politisch instrumentalisiert.

Gefährlich seien auch Verallgemeinerungen etwa von Islamkritikern, die einzelne Passagen aus dem Koran nähmen und daraus einen Gewaltbegriff ableiteten. Ein solches Verfahren habe unter anderem im Antisemitismus eine Rolle gespielt, mahnte er die Anwesenden.

Herausforderung Buddhismus

Nicht das Nebeneinander der Religionen berge Gefahr, sondern ein Zustand, in dem die Angehörigen einer Religionsgruppe eine ökonomisch und politisch bessere Stellung innehätten.

Auch der Soziologe propagierte, den Blick auf Gemeinsamkeiten zu lenken, auf Nähe und Ferne: Im puritanischen Christentum ist der Alkohol verboten wie im Islam. Der brave Katholik, so machte der Bayer schmunzelnd deutlich, wallfahrtet gottesfürchtig - zum Kloster Andechs.

Alle reden über den Islam. Hans Joas sieht indes fürs Christentum eine viel größere Herausforderung: die asiatischen Religionen, vor allem den Buddhismus. Er spiele etwa in den USA längst eine große Rolle. (GEA)

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