Krankenhaus - Anspucken, beleidigen, drohen: Das Klinikum am Steinenberg braucht einen Sicherheitsdienst

Gewaltbereite Notfallpatienten

VON ANDREAS DÖRR

REUTLINGEN. An die große Glocke gehängt hat das Klinikum am Steinenberg die Verpflichtung eines Sicherheitsdienstes nie. »Aber es war notwendig, dass wir reagiert haben«, sagt Pressesprecher Eckhard Zieker. Seit September 2010 schiebt ein Mitarbeiter des Security-Unternehmens »be safe« aus Albstadt nachts bis in den frühen Morgen Dienst am Klinikum.

FOTO: Markus Niethammer
»Am Wochenende ist besonders viel los«, sagt Eckhard Zieker, der einen bundesweiten Trend bestätigt: Vor allem in Notaufnahmen werden Ärzte und Pflegepersonal immer häufiger beleidigt und bedroht, mitunter tätlich angegriffen. Oft sind es Betrunkene, die auffällig werden. »Oder Menschen, die anderweitig intoxikiert sind oder psychische Probleme haben«, sagt Dr. Tobias Kunzmann. Der Oberarzt und internistische Leiter der Zentralen Notaufnahme hat in den vergangenen Jahren eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft beobachtet - eine Beobachtung, die auch Polizeibeamte oder Rettungssanitäter machen. »Die Gewaltbereitschaft, die Brutalität und die Respektlosigkeit vor Ärzten und dem Pflegepersonal nehmen zu«, sagt Eckhard Zieker. Der weiße Kittel des Arztes oder die Uniform des Polizisten schützt schon lange nicht mehr. Verlässliche Statistiken, wie sich die Gewalt gegen Ärzte und Pfleger entwickelt hat, gibt es kaum. Selbst Unfallversicherer zählen nur Fälle, die zu einer mindestens dreitägigen Arbeitsunfähigkeit führen. Und viele Vorkommnisse werden gar nicht erst gemeldet.
»Die Gewaltbereitschaft, die Respektlosigkeit und die Brutalität nehmen zu«
 

Ärzte und Pflegepersonal registrieren in großen Krankenhäusern in Deutschland, dass Patienten, aber auch deren Angehörige und Begleitpersonen viel schneller gewalttätig werden als früher. Von Beleidigungen und Bedrohungen, sexuellen Angriffen, Anspucken und Kratzen bis zum Werfen von Gläsern, Infusionsflaschen und Möbeln ist alles dabei. Ein besonderes Problem sind die neuen Designerdrogen. Nicht selten wachen Leute aus ihrem Dämmer auf, fühlen sich bedroht und schlagen um sich. Deshalb engagieren immer mehr Kliniken einen Sicherheitsdienst. So auch das Krankenhaus in Sigmaringen, wo im September 2015 fast 40 verbale und tätliche Übergriffe von aggressiven Patienten und Angehörigen auf das Krankenhauspersonal registriert wurden. Bei den Vorfällen wurden Krankenschwestern bespuckt, gebissen oder geschlagen, berichtete Pflegedienstleiterin Silvia Stärk. Deshalb wird das Krankenhaus seit Ende 2015 von Mitternacht bis morgens um sechs Uhr von einem Sicherheitsdienst bewacht. Am Wochenende ist der Wachdienst bereits ab 22 Uhr im Einsatz. Seither haben sich die Übergriffe auf »nahezu null« reduziert, sagt eine Sprecherin auf GEA-Nachfrage. Eine ähnliche Erfolgsquote kann Reutlingen schon deshalb nicht vorweisen, weil die beiden Krankenhäuser unterschiedlich groß sind. Die drei Kliniken im Landkreis Sigmaringen behandeln jährlich 20 000 Patienten. In den Kreiskliniken Reutlingen mit ihren Standorten am Stei- nenberg, in Bad Urach und in Münsingen sind es laut Geschäftsführer Friedemann Salzer 80 000 ambulante Patienten und 36 000 stationäre pro Jahr - Tendenz steigend. »Pro Jahr haben wir einen Zuwachs von vier Prozent«, sagt Tobias Kunzmann.
»Es gibt Leute, die haben am Steinenberg Hausverbot«
 

Eine Ursache sieht er in Veränderungen des hausärztlichen Systems. Weil es weniger Hausärzte gibt oder Kranke wegen langer Wartezeiten erst gar nicht zu ihrem Arzt gehen, füllen sich die Notaufnahmen. Darüber hinaus kennen viele ausländische Mitbürger das hausärztliche System in Deutschland nicht. In ihrer Heimat gibt es nur eine Klinik. Und in die gehen sie. Von einem Hausarzt, der ihr erster Ansprechpartner sein sollte, wissen sie nichts - mit dem Ergebnis, dass sich Patienten in manchen Notaufnahmen drängeln und Krankenhäuser an Kapazitätsgrenzen stoßen. Sowohl finanziell als auch personell. »Wir haben mehr Pflegepersonal denn je im Haus«, sagt Friedemann Salzer, der eine wirtschaftliche Sanierung der Kreiskliniken nicht über Personalkürzungen abwickeln will. Im Gegenteil: »Wir investieren in Personal und Medizintechnik.« »Wir sind in der Zentralen Notaufnahme gut aufgestellt«, bestätigt Tobias Kunzmann. Trotzdem ist das Arbeitspensum mitunter enorm. »An manchen Wochenenden haben wir von Freitag 18 Uhr bis Montag 6 Uhr zwischen 400 und 500 Notfälle. Macht im Jahr 40 000«, sagt Eckhard Zieker.»Wir haben nicht zu jeder Tageszeit die gleich starke Mannschaft. Wir sind in Spitzenzeiten zwischen 17 und 18 Uhr aber sehr gut besetzt. Und es gibt immer jemanden, der hinzugerufen werden kann. Ärzte aus der Intensivstation oder Anästhesisten. Und es gibt Chirurgen und Internisten, die rund um die Uhr da sind. Zu kämpfen haben Tobias Kunzmann und seine Kollegen mit der Anspruchshaltung und der Ich-Bezogenheit vieler Patienten. Wer sich bei der Notaufnahme angemeldet hat, wird zunächst daraufhin untersucht, wie schnell er von einem Arzt gesehen werden muss. Temperatur wird gemessen und die Vitalwerte werden festgestellt. Dann kann es sein, dass der Patient ins Wartezimmer gebeten und die Reihenfolge festgelegt wird. Das Problem: Manche Patienten glauben, ihr eigenes Kreuz nicht länger tragen zu können. »Die Definition von Leid ist oft sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die laufen mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme, und nebendran will jemand einen Mückenstich behandelt wissen. Und die denken dann: 'Ich komme als Erster und ich komme deshalb auch als Erster dran'. Aber sie wissen zum Beispiel nicht, dass der Rettungsdienst gerade einen Verletzten bringt«, sagt Tobias Kunzmann. Und an was der Nachbar vier Sitze weiter erkrankt ist, wissen sie auch nicht. Trotzdem haben viele kein Verständnis dafür, dass eilige Fälle schneller verarztet werden und weniger dringliche warten müssen. Wenn dann noch Alkohol oder Drogen im Spiel sind und sich Angehörige mit anderen Angehörigen anlegen, entsteht ein explosives Gemisch.»Wir haben keine Türstehertypen engagiert, sondern Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die geschult sind in Sachen Deeskalation«, sagt Eckhard Zieker. Dass am Eingang zur Notaufnahme kein Hänfling stehen sollte, sondern eher ein Schwergewicht, ist allerdings auch klar. Masse schüchtert ein.»Der Sicherheitsdienst ist nicht dazu da, eine Person aus dem Krankenhaus zu bringen, sondern die Situation im Krankenhaus zu beruhigen«, sagt Eckhard Zieker. »Wir haben aber das Hausrecht«, sagt Friedemann Salzer. »Es gibt Leute, die haben am Steinenberg Hausverbot, zum Beispiel wegen auffälligen sexuellen Verhaltens. Wenn diese Menschen trotzdem auftauchen, werden sie hinauskomplementiert. Es sei denn, sie sind krank oder verletzt. Dann werden sie medizinsch versorgt.« »Die Behandlung des Patienten hat Vorrang«, sagt Tobias Kunzmann.
»Zu schweren Verletzungen ist es noch nicht gekommen«
 

»Seit der Sicherheitsdienst da ist, haben wir keine direkte Gewalt mehr. Wir hatten davor zwei oder drei Fälle, wo Ärzte oder Pflegepersonal angegriffen wurden«, sagt Tobias Kunzmann. So hat ein Patient vor Jahren im Arztzimmer sämtliche PCs von den Tischen gefegt. Und ein anderer hat eine Glasscheibe eingeschlagen. »Zu schweren Verletzungen bei Ärzten oder Pflegepersonal ist es aber zum Glück noch nicht gekommen.«Im Gegensatz zu großen Krankenhäusern in großen Städten, wo gewalttätige Patienten fast Alltag sind, sind kleinere Einrichtungen davon (noch) verschont. In der Ermstalklinik in Bad Urach und in der Albklinik in Münsingen, die wie das Klinikum am Steinenberg zum Klinikum Reutlingen gehören, herrscht laut Friedemann Salzer nachgerade Idylle. »Einen Sicherheitsdienst brauchen wir dort nicht.« Dafür ist in Reutlingen die medizinische Notfallversorgung besser. Deshalb werden die schweren Fälle gleich nach Reutlingen gebracht. (GEA/dpa)

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