Bildung - Mit neuem Namen ist die Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule jetzt ins zweite Jahr ihres Bestehens gestartet

Gemeinschaftsschule: Vom Fluglotsen zum Astronauten

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN-ROMMELSBACH. Angelina (12), Emely (11) und Michael (11) sind sich einig: die Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule (FFG) ist super. Dass die drei Sechstklässler ihre Bildungseinrichtung mögen, lässt sich weder überhören noch übersehen. Beim Rundgang durch die Räumlichkeiten sind die Kids, die heute als Presse-Guides unterwegs sind, bestens gelaunt - und voll des Lobes für ihre Lehrer und den etwas anderen Unterrichtsstil, der in Rommelsbach gepflegt wird.

Die "grüne Zone" der Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule.
Die "grüne Zone" der Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule. FOTO: Markus Niethammer
Dass sie »keine richtigen Noten«, sondern Wissensstands-Prozente bekommen, dass sie über »Persönliche Lernzeit« (PeLe-Stunden) verfügen, sich unter der Regie von Pädagogen zunehmend selbstorganisieren dürfen und in aller Regel ohne Hausaufgaben heimgehen können - all das empfinden die Drei als großes Plus. Später wird Rektorin Claudia Reiner sagen, dass das Trio mit dieser Bewertung absolut nicht alleine dasteht. Und dass sich die an der »Förster« eingeführten Strukturen und Methoden zwischenzeitlich bewährt, den Praxistest also mit Bravour bestanden haben.

Stunde Null

Es ist 9.30 Uhr. Die journalistische Expedition ins Reich des längeren gemeinsamen Lernens startet im Büro von Rektorin Reiner. Kurz skizziert sie die Vorgeschichte, verrät, dass an der Werkreal- und Realschule im BZN - beides sind Auslaufmodelle, die nurmehr ihre letzten Absolventen auf die Schlussprüfungen vorbereiten - schon lange vor Inbetriebnahme der FFG auf eine neue Bildungszukunft hingearbeitet worden ist. Deshalb, so Claudia Reiner sinngemäß, war's für sie und das Kollegium auch kein Sprung ins kalte Wasser, als nach den Sommerferien 2016 die Stunde Null geschlagen hatte.

Vielmehr sei's ein erwartungsfreudiges Hineingleiten ins Lauwarme gewesen. Umso mehr, als Claudia Reiner den Gemeinschaftsschulgedanken von jeher überzeugend fand. Zwar sei sie »sehr, sehr gerne« Realschulchefin gewesen. Insgeheim habe sie jedoch mit der Dreigliedrigkeit des baden-württembergischen Schulsystems gehadert. Warum? »Weil es Kinder an die Schulstrukturen angepasst hat und nicht umgekehrt.« Weil es in allen weiterführenden Bildungseinrichtungen für Über- und Unterforderungen sorgte. Und weil Mädchen und Jungen am Ende der vierten Klasse »nach Defiziten und nicht nach Potenzialen eingeteilt wurden«.

Drei Leistungs-Level

Anders das System an der »Förster«, das auf drei Leistungs-Level setzt: G, M und E heißen sie, Grundlegendes, Mittleres und Erweitertes Niveau. Wobei jeder einzelne Schüler zeitgleich auf jeder dieser Stufen unterwegs sein kann. Etwa der Mathecrack, der mit Englisch auf Kriegsfuß steht. Er wird E-Rechenaufgaben lösen, wie sie auch Gymnasiasten zu bewältigen haben. Derweil er, da kein Fremdsprachen-Talent, seine Englisch-Lektionen auf G-Niveau erledigen darf.

Vorteil: Dieser Junge wird sich weder langweilen noch mit Versagensängsten rumquälen müssen. Die Welt der Zahlen kann er nämlich erstürmen, die der Buchstaben langsamer erobern. Und zwar per Selbsteinschätzung. »Wir«, erläutert Presse-Führerin Angelina, »bestimmen, was wir uns zutrauen.« Natürlich nicht ohne flankierende pädagogische Begleitung. Denn die Lehrer (sie nennen sich an der Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule Lernbegleiter und haben zuvor an Gymnasien, Real- und Hauptschulen unterrichtet) achten selbstverständlich darauf, ob die Schüler ihrem Leistungs- und Kenntnisstand angemessene Aufgaben erledigen. Einfach aus Bequemlichkeit oder weil's husch-husch gehen soll als E-Kandidat auf G-Level chillen? Mit solchen Manövern kommt keiner durch.

Und in die sogenannte grüne Zone kommt ohne passendes Zugangsticket keiner rein. Sie befindet sich im Flur des ersten Obergeschosses und ist jenen Schülern vorbehalten, die bereits hinlänglich unter Beweis gestellt haben, dass sie auch ohne Aufsicht konzentriert und zuverlässig arbeiten können. Etwa Kevin, der zusammen mit zwei Mitschülerinnen an einem Tisch Platz genommen hat und eine Ballade beackert.

Dem Fotografen präsentiert er eine grüne Karte. Sie weist ihn als Zonen-Berechtigten aus, als selbstständigen Schaffer, der sich zu benehmen weiß. Der nicht rumblödelt, während des Unterrichts keine lautstarken Gespräche führt und sich deshalb an jedem x-beliebigen Ort der Schule aufhalten darf. »Kevin ist ein Astronaut«, sagt Michael und meint damit »Greencard«-Besitzer.

Weiß, gelb, grün

Wie alle Gemeinschaftsschüler hatte er zunächst mit einem weißen Billett vorlieb nehmen müssen. Zu diesem Zeitpunkt durfte er sich »Fluglotse« nennen und sich ohne ausdrückliche Genehmigung der Lehrer nicht einfach von A nach B bewegen. In einem nächsten Schritt gab's für ihn die gelbe Karte, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit gewährt. Wer sie sein Eigen nennt, ist »Pilot«. Und wer zum Bruchpiloten mutiert, weil er Faxen macht, stört, lärmt? Dem wird Gelb entzogen und in Weiß umgetauscht. Der hat sich disqualifiziert.

Angelina, Emely und Michael finden das übrigens »total okay«. Regeln, betonen sie, seien ja schließlich nicht dafür da, grob missachtet zu werden. »Man sollte sich schon an die Ordnung halten.«

Gemütliche Leseecke

Weiter geht's ins Lernatelier. Hier ist es mucksmäuschenstill. Eine Handvoll Schüler sitzt an Einzeltischen, befindet sich in der PeLe-Stunde, also in der Phase Persönlicher Lernzeit, und erledigt Teile jenes Stoffpensums, das von den Fachlehrern vorgegeben wurde. Wobei es unterschiedliche Aufgaben sind, die sich die Kinder und Jugendlichen vorgeknöpft haben. Eren brütet beispielsweise über Mathematik, Lili über Französisch-Vokabeln. Die gemütliche Leseecke - dominiert von hochlehnigen, und damit schallschluckenden Polstermöbeln - steht momentan verwaist im hinteren Teil des Raumes.

»Dorthin kann sich zurückziehen, wer zum Beispiel ein Gedicht auswendig lernt oder einfach schmökern möchte«, flüstert Emely mit Rücksicht aufs Silencium-Gebot, das fürs Atelier gilt. Ebenso wie für den sogenannten Gruppenraum, wo Gespräche allenfalls im Wisper-Modus geführt werden dürfen. Vorbei geht's an regulären Klassenzimmern, allesamt ausgestattet mit Beamer, Whiteboard und Tafel, vorbei an einer Pinnwand, auf der AG-Angebote gelistet stehen - vom Erste-Hilfe-Kurs über »Spiel und Bewegung« bis hin zum EDV-Workshop. Sie sind Teil des schulischen Betreuungsangebots und dienen der sinnvollen Freizeitgestaltung zwischen Mensa-Gang und Nachmittagsunterricht.

Noch eine Stippvisite im Ganztages-Aufenthaltsraum mit Tischkicker und Kuschelsofas - und dann ist er auch schon abgeschlossen: der Presserundgang, in dessen Verlauf viele, viele weitere Themen zumindest gestreift wurden. Darunter das Lerncoaching, hinter dem sich exklusive Lehrer-Schüler-Einschätzungstreffen verbergen, die persönlichen Tagebücher, die von allen Kindern und Jugendlichen zu führen sind, sowie die Lernentwicklungsgespräche, bei denen die Eltern mit ins Boot geholt werden: zweimal pro Schuljahr, verpflichtend, zum Besten der Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschüler. (GEA)

Reutlinger Gemeinschaftsschulen

Seit Beginn des vergangenen Schuljahres ist Reutlingen um drei Gemeinschaftsschulen reicher. Nachdem die »Eduard-Spranger« im Ringelbachgebiet schon etwas zeitiger aus den Startlöchern kommen durfte, wurden nach einigem Hin-und-Her vom Gemeinderat drei weitere Standorte bewilligt. Zu finden sind sie im Storlach (»Minna-Specht«), in Betzingen (»Friedrich-Hoffmann«) und in Rommelsbach (»Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule«). In loser Folge hat der GEA die »Frischlinge« in der örtlichen Bildungslandschaft, ihre Konzepte und Spezialitäten vorgestellt. Heute endet die kleine Serie mit der Friedrich-Förster-Gemeinschaftsschule am Rommelsbacher Bildungszentrum Nord (BZN). (ekü)

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